Eigentlich mag Sabine Winter gar nicht so richtig in die Themse springen. Das war bereits vor der Tischtennis-Weltmeisterschaft in London deutlich geworden, als ihre Mitspielerin Annett Kaufmann gewissermaßen befohlen hatte: „Wenn wir eine Medaille gewinnen, dann springen wir in die Themse.“ Und Winter hatte geantwortet: „Ist das überhaupt erlaubt?“
Erlaubt ist es an bestimmten Stellen schon, aber vor dem Schwimmen im Londoner Fluss wird trotzdem behördlich explizit gewarnt. So ist nach dem sicheren Gewinn von mindestens der Bronzemedaille bei der Mannschafts-WM längst nicht klar, ob Sabine Winter, Annett Kaufmann, Ying Han, Nina Mittelham und Yuan Wan, also das komplette deutsche Team, an diesem Maiwochenende wirklich ins Wasser steigt.
Nach dem umjubelten 3:1-Sieg im Viertelfinale gegen Hongkong sagte die nach wie vor skeptische Sabine Winter, die derzeit beste und einzige deutsche Top-Ten-Spielerin der Weltrangliste: „Ich bin mir sehr unsicher, ob die Themse wirklich sauber genug und die Wasserqualität wirklich gut genug ist – wir machen es am Sonntag wirklich nur dann, wenn es nicht gesundheitsgefährdend ist.“
Aus Bronze können die deutschen Frauen am Samstag im Halbfinale sogar Silber machen
Wenn man deutsche Tischtennis-Nationalspielerinnen neuerdings gemeinsam planschen sieht, dann kann man davon ausgehen, dass sie erfolgreich waren. Erstmals war dies im Oktober letztes Jahr der Fall, als das komplette Team nach dem Gewinn der EM-Goldmedaille in Zadar in Kroatien ins nahe Mittelmeer gesprungen ist. Daraus wollten sie ein Ritual und einen Ansporn machen. In London hat diese Motivation gewirkt. Ihr WM-Bronze können die deutschen Frauen am Samstag im Halbfinale gegen Japan sogar zu Silber veredeln, allerdings ist Japan als Weltranglistenzweiter fast genauso schwer zu besiegen wie die Nummer eins, China.
Ihren ganz persönlichen Erfolg haben die Spielerinnen mit dem Halbfinaleinzug bereits sicher. Und auch die Kollegen haben sie im verbandsinternen Wettstreit gewissermaßen wieder einmal besiegt, denn die deutsche Männer-Mannschaft ist im Viertelfinale gegen Japan (1:3) ausgeschieden. Seit Timo Boll seine Karriere beendet hat, ist der Männer-Auswahl mit EM-Bronze nur ein einziger und auch nicht so attraktiver Medaillengewinn gelungen. Diese Mannschaft hat seit 2021 (EM-Gold) keinen Titel und seit 2022 (WM-Silber) keine Medaille bei einem globalen Turnier mehr sichern können. Die Tischtennisfrauen hingegen sind on fire.
Das war im Viertelfinale gegen Hongkong besonders auffällig. Winter tat sich – mit ihrem neuen Rückhand-Anti-Belag – anfangs schwer gegen Doo Hoi Kem und lag schon mit 0:2 Sätzen und 6:8 Punkten zurück, ehe sie das Spiel spektakulär drehte und noch 3:2 gewann. Auch die Abwehrspezialistin Ying Han, die meist zwei Meter hinter dem Tisch steht und mit Unterschnitt verteidigt, lieferte sich mit Ng Wing Lam eine Fünfsatzschlacht, bei der sie zwei Matchbälle abwehrte und erst den fünften eigenen verwandelte. Nachdem Annett Kaufmann den Hongkong-Chinesinnen den Ehrenpunkt zugestanden hatte, holte Winter mit einem 3:0 gegen die entkräftete Ng den umjubelten dritten Punkt. Daraufhin tanzte das deutsche Quintett erstaunlich synchron eine noch vom EM-Triumph herrührende Choreografie, mit der es vermutlich auch im Tanzsport ein Medaillenanwärter wäre.
Die Tischtennisspielerinnen des DTTB sind auf dem besten Weg, in der Weltrangliste den dritten Platz von Südkorea zu übernehmen. Dann wären nur noch China und Japan vor ihnen. Diese Entwicklung schreit gewissermaßen nach weiteren Tanz- und Badeeinlagen. 2027 findet die Europameisterschaft in Porto statt. Dort lässt es sich angenehmer baden als in London.


