Tischtennis:Wellenbrecher zu Besuch

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Tischtennis: "Vielleicht waren wir zu verkrampft": Der TTC Neu-Ulm, hier Lev Katsman, bei seinem ersten Champions-League-Heimspiel.

"Vielleicht waren wir zu verkrampft": Der TTC Neu-Ulm, hier Lev Katsman, bei seinem ersten Champions-League-Heimspiel.

(Foto: Andreas Liebmann)

Der TTC Neu-Ulm hält ordentlich mit im Champions-League-Viertelfinale gegen Jekaterinburg, muss aber trotzdem etwas Lehrgeld zahlen gegen den Favoriten aus Russland.

Von Andreas Liebmann

Der Hallensprecher sank theatralisch in die Knie und fasste sich an die Stirn. Dies sei der Moment, wo die Welle stoppe, erklärte er dann mit einem Augenzwinkern. "Ein bisschen mitdenken!", sollte das wohl heißen, und: Noch mal von vorne! Es ging ausnahmsweise um eine fröhliche Welle, keine, die exponentiell anwuchs und Menschen in Kliniken spült. Dass man nur eine Tribüne hatte und das Publikum nun lernen musste, dass man La Ola nicht durchs weite Rund, stattdessen aber von links nach rechts und dann auch wieder zurück schicken konnte, war allerdings das kleinere Problem. Das größere: Diese Welle erfasste die Spieler nicht. 0:3 endete das erste Champions-League-Heimspiel in der Historie des Tischtennis-Erstligisten TTC Neu-Ulm.

Einfach schlecht gespielt habe er, sagte Lev Katsman danach. Unnötige Fehler gemacht, schlechte Entscheidungen getroffen. Während es das Publikum bereits wieder nach draußen spülte und Trainer Dmitrij Mazunov seine Enttäuschung darüber in ein erstes Statement fasste, dass die Reise nach Jekaterinburg zum Viertelfinal-Rückspiel nächsten Mittwoch nun eine kaum lösbare Aufgabe werde, starrte Katsman, 20, frustriert ins Leere. So hatten sie sich diesen historischen Moment nicht ausgemalt.

Für Klubchef Florian Ebner galt das ebenso, allerdings weniger wegen des Resultats. Als der Verleger aus dem Nichts diesen Verein gründete, versehen mit einer Wildcard für die Bundesliga, da schwebte ihm noch eher die große Ratiopharm Arena als Spielstätte vor. Das Publikum reichte dafür zunächst nicht, dann kam die Pandemie. Inzwischen trägt sein Team die Heimspiele in Pfaffenhofen an der Roth aus. Dass der TTC im dritten Jahr seines Bestehens - ebenfalls versehen mit einer Wildcard - nun auch international ein paar Heldentaten vollbracht hatte, bekamen deshalb nicht allzu viele Menschen mit, und für dieses K.-o.-Spiel gegen ein Starensemble aus Russland hatten sie angesichts der pandemischen Lage gleich ganz auf den Kartenverkauf verzichtet.

Was die Stimmung anging, machte der Verein am Donnerstagabend das Beste aus der Situation, der Hallensprecher Dominic Gebauer, ein tischtennisspielender Radiomoderator, gab alles, animierte zu Sprechchören, trug ein Gedicht vor, 60 Sponsoren und Stammgäste hatten sich doch eingefunden, zwei Trommeln, eine Ratsche, ein paar Klatschpappen. Auch Ebner machte bei der Welle mit. Nur sportlich war eben wenig zu holen.

"Wir waren keine Lichtjahre weg", urteilte Klubchef Ebner

Das war eigentlich keine Überraschung. Die Gäste Liam Pitchford, Jonathan Groth und Tomislav Pucar stehen auf den Rängen 15, 33 und 37 der Welt, der bestplatzierte Neu-Ulmer, Ioannis Sgouropoulos, rangiert auf Platz 149. Doch nach zwei überstandenen Gruppenphasen hatte Coach Mazunov trotzdem etwas mehr erhofft von seinem jungen Trio, das schon Jugendeuropameistertitel gesammelt hat wie andere Briefmarken. Gleich der erste Satz aber nahm das Grundmuster des Abends vorweg: Vladimir Sidorenko gelangen durchaus schöne Punkte gegen Groth, doch zu oft parierte der Däne so druckvoll und platziert, dass Sidorenko dann zu spät dran war bei seinen wuchtigen Topspins. Beim Satzball zum möglichen 2:2-Ausgleich riskierte der Neu-Ulmer zu viel. 1:3 (7:11, 9:11, 11:9, 10:12) - "wir waren keine Lichtjahre weg", urteilte Ebner.

Das galt auch für die anderen Einzel. Sgouropoulos musste gegen Pitchford zu viel Risiko gehen, um zu punkten, ansonsten verteilte der leichtgewichtige Engländer die Bälle zu überlegt, platzierte den jungen Griechen aus oder ging scheinbar mühelos in den Gegenangriff über. 10:12, 8:11, 11:7, 6:11 - auch keine Lichtjahre. Vielleicht seien sie zu verkrampft gewesen, rätselte Mazunov später. Pitchford spiele die Bälle zuerst mal auf den Tisch, "unsere Jungs geben immer Vollgas - das ist der Unterschied". Erfahrungssache. Solche Duelle brächten seine Spieler weiter, sagte er, "die Jungs müssen das als Gewinn sehen". Katsman tat sich unmittelbar nach dem 9:11, 11:4, 1:11, 8:11 schwer damit. Pucar hatte hartnäckig seine Rückhandseite beackert, Katsman fehlten Lösungen. Beim Matchball schoss der Kroate einen Return am Netzpfosten vorbei, sodass er kaum noch vom Tisch emporsprang. Ein letzter Stimmungskiller vor dem Rückspiel.

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