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Tischtennis:Stärker in der Heimat

Tischtennis

Einst Doppelpartnerinnen in Schwabhausen, nun Gegnerinnen: Laura Tiefenbrunner (links) und Alina Nikitchanka.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Beim 4:4 im Bundesliga-Derby zwischen Kolbermoor und Schwabhausen spielen die Rückkehrerinnen Laura Tiefenbrunner und Sabine Winter groß auf.

Von Andreas Liebmann

Laura Tiefenbrunner wirkte unruhig, verunsichert. Hilfesuchend blickte sie aus der Box nach draußen zu ihrem Team. 1:8 lag die 18-jährige Tischtennisspielerin vom SV-DJK Kolbermoor hinten in diesem dritten Satz, obwohl sie gegen die Abwehrstrategin Alina Nikitchanka zuvor so eindrucksvoll die Ruhe bewahrt, so clever, ohne Hektik und Risiko ihre Angriffe gegen die ehemalige Mitspielerin vorgetragen hatte.

Dieses Erstligaduell am Sonntag war ja nicht irgendeins, auch nicht für Tiefenbrunner. Recht viel mehr Derby geht kaum als dieser bayerische Vergleich zwischen Kolbermoor und dem TSV Schwabhausen, auch wenn die Atmosphäre zwischen beiden Teams wie üblich harmonisch war und die Partie letztlich in einem gerechten Unentschieden enden sollte. Für Schwabhausen gewann Sabine Winter zwei Einzel, was zu erwarten gewesen war: Sie ließ ihrer ehemaligen Teamkollegin Svetlana Ganina nur im ersten Satz ein paar Chancen, ehe sie sich 12:10 durchsetzte. Gegen Yuan Wan, Zugang aus Bingen, war es der dritte Satz, der ihr ein wenig entglitt, in den anderen war sie zu stark für ihre Kontrahentin.

Winter, Schwabhausens Anführerin, ist erst vor der vergangenen Saison zu ihrem Heimatverein im Landkreis Dachau zurückgekehrt, nach sieben Jahren in Diensten Kolbermoors. Im Jahr eins nach der Heimkehr spielte sie dann mit Tiefenbrunner gemeinsam, die wiederum in Kolbermoor ausgebildet wurde - und vor dieser Saison ihrerseits nach zwei Jahren überraschend zu ihrem Heimatverein zurückgekehrt war. Nun stand Tiefenbrunner also ihrer früheren Doppelpartnerin Nikitchanka gegenüber - und behielt die Nerven. Punkt um Punkt holte sie auf zu einem letztlich ungefährdeten Dreisatzsieg.

Für 2021 sind in der Bundesliga wieder Playoffs vorgesehen

Eigentlich war Laura Tiefenbrunner vor allem für Kolbermoors zweite Mannschaft vorgesehen. Vielleicht fehlt sie auch deshalb auf dem Mannschaftsfoto, wo zwischen Nationalspielerin Kristin Lang, Yuan Wan, der Portugiesin Yu Fu und Abwehrstrategin Ganina nur die gleichaltrige Anastasia Bondareva als Ergänzungsspielerin zu sehen ist (während die nicht ganz brandaktuelle Schwabhauser Facebook-Seite bis heute Tiefenbrunner auf dem Titelbild zeigt). Doch nun läuft eben eine seltsame, von der Pandemie verzerrte Saison, in der Kolbermoor bislang weder die Portugiesin Yu noch die US-Amerikanerin Lily Zhang einsetzte; in der kürzlich obendrein Kristin Lang wegen einer Operation ausfiel; in der Außenseiter Schwabhausen in der Tabelle vor Kolbermoor rangiert und sogar beide vor Serienmeister Berlin, der aktuell mit 2:4 Punkten nur Fünfter ist in einer auf sieben Klubs geschrumpften Liga. Tiefenbrunner und Bondareva sind plötzlich als Stammkräfte gefragt. Abteilungsleiter Michael Fuchs ist froh, sie zur Verfügung zu haben und findet es sogar recht gut, "dass die Mädels ihre Einsätze bekommen".

Schwabhausen hatte zwei Wochen zuvor coronabedingt auf die Ungarinnen Orsolya Feher und Mercedesz Nagyvaradi verzichten müssen und sich dennoch gegen den ESV Weil durchgesetzt, der tags darauf 6:2 in Kolbermoor gewann - ein Fernduell vor dem Derby. "Die anderen haben gut gespielt", befand Abteilungsleiter Michael Fuchs, womit er Weil und Schwabhausen gleichermaßen meinte. Schwabhausen hatte am Sonntag zumindest Feher zurück, und Fuchs hofft, dass bei Kolbermoor Kristin Lang bald ins Training zurückkehrt, die aktuell kaum zu ersetzen ist. Ein Unentschieden am Sonntag "ohne Kristin", das hätte er zuvor jedenfalls sofort unterschrieben, sagte er. Doch so, wie die Partie dann lief, schmerzte das Remis doch. Denn Laura Tiefenbrunner setzte sich auch im zweiten Einzel durch, ausgerechnet gegen Feher, die der TSV im Sommer als Reaktion auf Tiefenbrunners Abschied geholt hatte. 1:1 in Sätzen stand es, dann ging ihre Nachfolgerin 5:0 in Führung, attackierte immer wieder mit schnellen Schlägen Tiefenbruners Rückhandseite - doch diesmal blickte sich die gebürtige Rosenheimerin, die in Kolbermoor nur zwei Minuten von der Halle entfernt wohnt, nicht erst hilfesuchend um, sondern verwandelte den Zwischenstand unbeirrt in eine 6:5-Führung und gewann in vier Sätzen. "Überragend", lobte Fuchs. Nun sah es sogar nach einem Sieg für Kolbermoor aus, weil Bondereva im letzten Einzel des Tages am anderen Tisch bereits 2:0 in Sätzen gegen Nikitchanka vorne lag. Doch wie schon in ihrem ersten Einzel, als sie gegen Feher drei Matchbälle vergab, nutzte die 18-Jährige ihre Chancen nicht. Nikitchanka drehte die Partie und sicherte für den TSV den 4:4-Endstand.

Vor der Saison hatte Kolbermoor höhere Ambitionen. Doch von denen hat sich der Verein auch noch keineswegs verabschiedet. "Abgerechnet wird am Schluss", sagt Fuchs, wohl wissend, dass für 2021 wieder Playoffs vorgesehen sind, in denen man "viel wiedergutmachen" könne. Zurzeit stünden Ergebnisse nicht an oberster Stelle, es sei ja nicht selbstverständlich, dass überhaupt gespielt werden dürfe. Sogar ein Team des Bayerischen Rundfunks war am Sonntag in der Halle. Tiefenbrunner grinste in die Kamera, als sie ihren Wechsel erklärte: "Daheim ist's doch am schönsten", sagte sie. Sabine Winter hätte kaum widersprochen.

© SZ vom 24.11.2020
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