Sabine Winter hatte durchaus geahnt, dass sie Anfang November ein enthusiastisches Heimspiel erleben könnte. Schließlich findet diese Woche in Frankfurt das mit einer halben Million Dollar dotierte Champions-Turnier der lukrativen World-Table-Tennis-Serie statt. Was die Tischtennisspielerin aber nicht für möglich gehalten hätte: dass schon im Turnier eine Woche davor im südfranzösischen Montpellier Tausende Zuschauer begeistert ihren Namen skandieren. Vom Viertelfinale an war die 33-Jährige in Montpellier nämlich die letzte Nichtasiatin im Feld. Während sie die Hongkong-Chinesin Doo Hoi Kem und die Südkoreanerin Shin Yubin besiegte und im Endspiel gegen die Topchinesin Wang Yidi unglücklich mit 9:11 im siebten Satz verlor, rief das extrovertierte französische Publikum immer wieder lautstark „Sabin, Sabin“. Und Winter sagte lächelnd ins Hallenmikro: „Merci beaucoup pour votre support!“
Man darf Sabine Winter vom bayerischen Bundesligisten TSV Dachau ohne Verunglimpfung als neue Anti-Heldin des deutschen Tischtennis bezeichnen. Denn das Geheimnis ihres neuen Erfolgs ist ein sogenannter Anti-Topspin-Belag, kurz: Anti, auf der Rückhand. Auf diesen hat sie vor einem Jahr ihr Spiel umzustellen begonnen. Mit dem glatten und reibungsfreien Belag entschärft sie zunächst Tempo und Rotation der mit viel Effet geschlagenen gegnerischen Topspins, um dann mit ihrer eigenen rotationsstarken Vorhand Punkt um Punkt zu erzielen. In Montpellier hat Winter mit ihrem neuen unkonventionellen Spiel höher platzierte Gegnerinnen reihenweise an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht. In den ersten beiden Runden hatte sie die in der Weltrangliste zuvor bestplatzierte Deutsche Han Ying sowie die zuvor bestplatzierte Europäerin Bernadette Szocs aus Rumänien besiegt. Jetzt ist sie als Siebzehnte der Weltrangliste erstmals in ihrer Karriere selbst die bestplatzierte sowohl deutsche als auch europäische Spielerin. Im deutschen Frauentischtennis hat die Winter-Zeit begonnen.
Winter hat als erste Europäerin überhaupt das Finale eines dieser weltweit ausgetragenen Champions-Turniere erreicht und steht in der Weltrangliste nun so hoch wie nie zuvor in ihrer Karriere. Das hätte sie kaum für möglich gehalten, als sie vor einem Jahr ihr Spiel umstellte, weil sie sich mit ihrem bisherigen Rückhandspiel nicht mehr weiterentwickelt hatte und etwas Neues ausprobieren wollte, etwas Gewagtes. Es hat dann natürlich ein bisschen gedauert, ehe sie sich an die steten Tempowechsel zwischen schneller Vorhand und bremsender Rückhand gewöhnte. In Montpellier, so das Gefühl, hat sie damit den Durchbruch geschafft. Und nun folgt das echte Heimspiel in Frankfurt, nur 15 Kilometer entfernt von ihrer Geburtsstadt Bad Soden am Taunus. „Ich hoffe, dass diese traumhafte Reise vor heimischem Publikum weitergeht“, sagt sie.
In Frankfurt träfe sie schon in Runde zwei auf die topgesetzte Japanerin Harimoto
Vier deutsche Frauen und sechs deutsche Männer starten in den beiden 32er-Feldern in der Frankfurter Süwag-Energie-Arena im Stadtteil Höchst. Benedikt Duda als Weltranglistenachter sowie die aufstrebende 19-jährige Annett Kaufmann dürften zu den Publikumslieblingen gehören – aber mit am meisten Spektakel verspricht aktuell Sabine Winter. In Montpellier hat sie gegen Doo aus Hongkong einen 0:3-Satzrückstand gedreht, sie hat die klar favorisierte Shin Yubin demoralisiert und gegen die nahezu unbesiegbare Chinesin Wang Yidi einen Matchball zum Turniersieg vergeben. Das sind hervorragende Voraussetzungen, um in Frankfurt vielleicht sogar noch erfolgreicher zu sein.
Ihr Auftaktspiel bestreitet Winter am Donnerstagmittag gegen die 46 Jahre alte Portugiesin Fu Yu. In der zweiten Runde träfe sie dann vermutlich schon auf die an eins gesetzte Japanerin Miwa Harimoto. Weil die chinesischen Frauen und Männer in Frankfurt nicht dabei sind, böte sich Winter bei einem Sieg gegen Harimoto der erneute Weg ins Endspiel. Wie schon in Montpellier brächte der Einzug ins Finale 700 Weltranglistenpunkte und 20 000 US-Dollar Preisgeld. Für Winter in ihrem zweiten Frühling als Profi sind das imponierende Zahlen.
„Der Anti spielt schon eine große Rolle“, sagt sie über den Steilflug so spät in ihrer Karriere, „aber eine genauso große Rolle spielt, dass ich mit dem Anti den Spaß am Tischtennis wiedergefunden habe.“ Vor ihrem Finale in Montpellier hatte sie mit dem Nationalteam in Kroatien den Mannschafts-EM-Titel gewonnen, kein einziges Match gab das deutsche Team dabei ab. Ende 2024, als sie die Umstellung auf den Anti gerade erst begonnen hatte, sei sie noch verunsichert gewesen und habe zwischenzeitlich auch Zweifel an dem revolutionären Plan bekommen.
Mittlerweile weiß sie, dass sich die Umstellung gelohnt hat. Sie erwartet zwar, dass die Kontrahentinnen sich zunehmend effektiv gegen ihr Spiel wehren können, sie selbst werde ihr Spiel aber weiter perfektionieren und sei noch längst nicht am Ende der Entwicklung angekommen. 2027 ist die nächste Individual-WM in Kasachstan. Ein Jahr später sind Olympische Spiele in Los Angeles.


