Im exklusiven Kreis der Titel-Titanen ist Borussia Düsseldorf auf Platz drei zurückgefallen. Während der Tischtennis-Rekordmeister seit zwei Jahren bei 34 deutschen Meistertiteln verharrt, hat ihn der Fußball-Rekordmeister Bayern München mit Titel Nummer 34 im vergangenen Jahr und Nummer 35 in diesem Jahr überholt. Ganz oben bleibt, sportartübergreifend, der Wasserball-Rekordmeister Spandau 04. Die Berliner haben 38 Titel gesammelt.
Bayern und Spandau sind aber natürlich nicht die Konkurrenten, auf die die Düsseldorfer achten. Ihr Erzrivale heißt 1. FC Saarbrücken. Die Saarländer haben dieses Jahr alle drei Titel abgegriffen: Meisterschaft, Pokal und Champions League. Am Sonntag gewannen sie das Bundesligafinale mit 3:1 gegen Düsseldorf. Das kratzt am Ehrgefühl des Rekordmeisters. Auch deshalb wirbt er den Saarbrückern jetzt ihren besten Spieler ab: den chinesischen Olympiasieger Fan Zhendong, 29.
Borussia Düsseldorf hat ein Problem: Der Gewinnerklub gewinnt zurzeit nicht mehr nur keine deutschen Meisterschaften – sondern gar keine Titel. Bis 2024 hat dieser große deutsche Sportverein 78 nationale und internationale Titel angehäuft – aber auf den 79. Titel wartet er seit zwei Jahren. Letztmals Meister war Düsseldorf im Juni 2024, letztmals Pokalsieger im Januar 2024 und letztmals Champions-League-Sieger im Dezember 2020. Wenn Titel bei Borussia Düsseldorf zur DNA gehören, dann stellt sich die Frage: Wie ist dort eigentlich die Stimmung?
„Die Stimmung ist nicht gerade im Himmel“, sagt Andreas Preuß diplomatisch. Borussias Manager ist schon lange zuständig für Kaderplanung und Erfolg. „Wir denken momentan viel darüber nach, wie wir Dinge verändern“, sagt er. Der 64-Jährige beschäftigt sich bereits mit der mittelfristigen Zukunft. Erfolg muss im Leistungssport weit vorausgeplant werden.
Saarbrücken hat vieles richtig gemacht, erkennt Borussia-Manager Preuß an, „Respekt dafür! Wir waren gefordert …“
Unter diesem Aspekt war der 31. Mai 2025 kein schöner Tag für Düsseldorf. An jenem Samstag vor einem Jahr teilte der 1. FC Saarbrücken überraschend mit, dass er den chinesischen Olympiasieger Fan Zhendong verpflichte. Ein irrer Coup! „Darauf konnten wir damals nicht mehr reagieren“, sagt Preuß heute. So spät im Jahr hatten die Düsseldorfer ihren Kader für die Saison 25/26 längst zusammen. Die Konsequenzen: Im Januar gewann Saarbrücken mit Fan den Pokal; Mitte Mai gewann Saarbrücken mit Fan die Champions League; und am Sonntag gewann Saarbrücken mit Fan die Meisterschaft. Saarbrücken holte mit Fan Zhendong jenes Triple, das die Düsseldorfer historisch für sich reklamieren.
Weil Tischtennis ein Sport des Respekts ist, sagt Preuß über Saarbrückens Coup mit Fan und den Titel-Dreifacherfolg „Sie haben die Chance ergriffen und vieles richtig gemacht. Respekt dafür! Aber das hat etwas mit uns gemacht. Wir waren gefordert.“
Wenn ein Rekordmeister und Branchenprimus um seinen Erfolg fürchtet, dann gibt es immer ein letztes probates Mittel: Man schnappt dem Herausforderer den besten Spieler weg. Man könnte das die FC-Bayern-Methode nennen. Der Fußballklub aus München hat sich immer wieder auch dadurch verstärkt, dass er Konkurrenten geschwächt hat. So macht es Borussia Düsseldorf jetzt auch.
FC-Bayern-Methode? Das hört Preuß nicht gern
Im Tischtennis ist dieses Vorgehen eher unüblich. Hier gibt es oft keine langen Vertragslaufzeiten, geschweige denn Ablösezahlungen. Die Düsseldorfer kaufen Saarbrücken Fan nicht ab. Der Chinese hatte mit den Saarländern eine Verabredung über eine Saison. Zu einer zweiten kam es nicht, weil die Düsseldorfer ihren Trumpf zogen: Timo Boll. Der 45-Jährige hat 20 Jahre lang für Düsseldorf gespielt und ist seit seinem Karriereende 2025 Klubbotschafter. Und er ist mit Fan befreundet.

FC-Bayern-Methode? Das hört Preuß nicht gern. „Nein“, sagt er, „mit einer FC-Bayern-Methode identifiziere ich mich nicht, und es ist im Tischtennis auch nicht so, dass man sagt: Scheckbuch auf, trag die Summe selber ein!“ Preuß sagt: „Wir haben intensiv um Fan Zhendong geworben, haben uns angestrengt und Emotionen reingesteckt. Und wir hatten Timo Boll.“
Als sein Wechsel nach Düsseldorf bekannt wurde, sagte Fan Zhendong: „Borussia Düsseldorf ist eine der stärksten Kräfte im Tischtennis, und meine enge Beziehung zu Timo Boll hat mich zusätzlich inspiriert, mich einer neuen Herausforderung zu stellen.“ Saarbrückens Manager Nicolas Barrois sagte: „Natürlich haben wir um Fan Zhendong gekämpft, aber ich glaube, die Strahlkraft von Borussia Düsseldorf und Timo Boll haben den Ausschlag gegeben – Düsseldorf ist im Tischtennis immer noch eine Macht.“ Natürlich spielte auch Geld eine Rolle, aber dazu sagte Preuß bislang nur so viel: „Fan Zhendong ist ein Superstar und wird auch wie ein Superstar bezahlt.“ Verschärft dieser Wechsel die Rivalität zwischen Düsseldorf und Saarbrücken? Schon möglich. Preuß sagt über das Abwerben von Spielern grundsätzlich: „So etwas muss möglich sein!“ Borussias Manager, auch Aufsichtsratsvorsitzender der Tischtennis-Bundesliga, erklärt: „Schon am 1. Juni 2025, vor einem Jahr, war für mich klar, dass wir uns um Fan Zhendong bemühen müssen.“
Die Bedingungen für den Rekordmeister haben sich geändert. „Die Liga ist bombenstark“, sagt Preuß. Die besten Spieler kommen nicht mehr wie selbstverständlich ins Rheinland. Die Titel fallen hier nicht mehr wie Früchte von den Bäumen. Vor zwei Jahren wurde Ochsenhausen Meister. Dieses Jahr Saarbrücken. Und dass Düsseldorf jetzt mit Fan Zhendong, Dang Qiu, Anton Källberg und Kanak Jha seine Titelsammlung einfach fortsetzt, ist längst nicht ausgemacht. Saarbrücken bietet den brasilianischen Weltranglistenachten Hugo Calderano auf, und in der Champions League spielt auch Schwedens Weltranglistendritter Truls Möregardh weiter für die Saarländer. „Ich denke nicht, dass wir nächste Saison Favorit sind“, vermutet Preuß. Trotz Fan Zhendong. „Das werden Battles, das werden, leider, offene Spiele.“


