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Tischtennis:Roßkopf will den Webcoach

Tischtennis 87 Nationale Deutsche Meisterschaften am 02 03 2018 in der Rittal Arena in Wetzlar Tim

Ewiger Titelsammler: Timo Boll ist der erfolgreichste deutsche Tischtennisprofi – in Wetzlar sammelte er seinen 16. nationalen Pokal ein.

(Foto: Revierfoto/imago)

Noch hegt Tischtennisprofi Timo Boll, bald 38, große Ziele - doch der Bundestrainer stellt ihm bereits einen Job in Aussicht.

Von Ulrich Hartmann, Düsseldorf

"Ein Name ist schnell verflogen", sagt Timo Boll schelmisch. Ausgerechnet der beste Spieler des deutschen Tischtennis fürchtet, dereinst allzu schnell vergessen zu sein. Dabei werden seine acht Buchstaben im deutschen Sport noch lange Bedeutung haben, unabhängig davon, wann er seine Karriere beendet.

Im vergangenen Jahr war Boll mit 37 Jahren ältester Weltranglistenerster der Tischtennis-Geschichte sowie ältester Einzel-Europameister. Am vorigen Wochenende verabschiedete er sich mit seinem 13. nationalen Einzel-Titel für immer von den deutschen Individual-Meisterschaften, weil er seine Auftritte künftig stärker selektieren muss. Diesen Freitag wird Boll 38 Jahre alt. Noch hat er einiges vor. 2020 will er in Tokio seine sechsten Olympischen Spiele bestreiten, und bis 2022 läuft sein Vertrag beim Bundesligisten Borussia Düsseldorf. "Dem Karriereende sehe ich nicht so gern entgegen", sagt er in seinem 23. Profijahr. "Dazu spiele ich einfach noch zu gern."

Seinen Videoblog produziert und schneidet Timo Boll selbst

Vor Kurzem hat Boll das japanische Tischtennis-Wunderkind Tomokazu Harimoto, 15 Jahre alt, interviewt. Boll wechselt in letzter Zeit häufiger mal die Perspektive. Auf seiner Internetseite namens Timoboll-Webcoach zeigt er in Lehrvideos die vielen Facetten des Tischtennisspiels, er erzählt im Videoblog aus seinem ereignisreichen Leben und befragt manchmal sogar andere Profis. "Ich produziere und schneide das alles selbst", sagt er, "und möchte dieses Angebot nach meiner Karriere intensivieren." Zurzeit macht er das alles nebenher - aus gutem Grund: "Solange man noch aktiv ist, zieht der Name - später ist er schnell verflogen."

Dabei wird er für das deutsche Tischtennis gewiss immer das bleiben, was Boris Becker für den Tennissport ist oder Michael Schumacher für die Formel 1. Drei olympische Medaillen, achtmal WM-Edelmetall, 18 EM-Titel, 16 DM-Titel, zehnmal deutscher Klubmeister, elf Mal Pokalsieger, sechsmal Champions-League-Sieger: Boll hat fast alles gewonnen. Die noch fehlende olympische Einzelmedaille hat er emotional halbwegs kompensiert durch seine Rolle als deutscher Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier 2016 in Rio de Janeiro.

Der Abschied von den deutschen Einzel-Meisterschaften ist ein erster Schritt zur sukzessiven Entlastung. Darüber, wie lange er noch auf Weltklasseniveau spielen kann, soll das nichts aussagen. 2018 war ein bezeichnend wechselvolles Jahr: sportliche Höhepunkte mit der vierten Eroberung der Weltranglistenspitze und dem Europameistertitel - aber auch sorgenvolle Gedanken und starke körperliche Erschöpfung nach wochenlangen Nacken- und Rückenschmerzen. Immer längere Pausen wurden erforderlich. "In meinem Alter kann es schnell gehen", sagt er über das latent drohende Ende. Doch noch folgte bislang auf jede Zwangspause die Erholung. "Noch bin ich so heiß, dass ich Ziele habe", erklärt Boll, zum Beispiel Olympia in Tokio. Bloß wegen der sechsten Teilnahmewolle er aber nicht nach Japan reisen. "Wenn, dann will ich da mit Ambitionen hinfahren und keinem anderen Spieler den Platz wegnehmen."

Danach sieht es bislang nicht aus. Boll spielt noch immer weitgehend auf dem selben Niveau wie der fast acht Jahre jüngere Dimitrij Ovtcharov und meist klar besser als der fast zwölf Jahre jüngere Patrick Franziska, den er am Sonntag im Meisterschaftsfinale in Wetzlar 4:0 besiegte. Talente, die im Schatten dieser drei Spieler demnächst ähnlich erfolgreich die deutschen Farben bei internationalen Meisterschaften vertreten, sind kaum in Sicht. Bundestrainer Jörg Roßkopf spricht bereits davon, dass man Boll nach dem Ende seiner aktiven Karriere als Trainer ins Boot holen müsse und dass es dazu die Bedingungen zu verbessern gelte. "Der Verband muss Spielern wie Timo Boll den Trainerjob schmackhaft machen", sagt Roßkopf, "wir brauchen mehr erfolgreiche Ex-Profis, weil sie mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen Dinge weitergeben können, die man in der Trainerausbildung nicht lernt." Man wird sich im Deutschen Tischtennis-Bund also kaum damit abfinden wollen, dass junge Kaderathleten neben dem Tisch auf einem aufgeklappten Laptop den Timoboll-Webcoach laufen lassen.

Keine DM mehr? "Ich musste irgendwo einen Strich ziehen."

Und noch ist dies ja auch für Boll nur eine perspektivische Ergänzung. Das nächste sportliche Ziel ist Ende April die Individual-WM in Budapest. Boll ist zurzeit Fünfter der Weltrangliste hinter drei Chinesen und dem Japaner Harimoto. Eine aus diesem Ranking hervorgehende gute Position in der Setzliste relevanter Turniere zu wahren, wird für ihn zunehmend schwieriger, weil man immer mehr spielen muss, um Punkte zu sammeln. Aus diesem Grund hat er beschlossen, nicht mehr bei einer deutschen Meisterschaft anzutreten. "Ich musste irgendwo einen Strich ziehen, um meinem Körper nicht zu viel zuzumuten." Seinem guten Namen, hofft er, wird das nicht schaden.

© SZ vom 06.03.2019

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