Tischtennisprofi Ovtcharov:Der Boxer steht wieder

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Dimitrij Ovtcharov

"Ich freue mich total, dass ich wieder ein Turnier spielen konnte, nachdem ich so lange raus war - und dass mein Fuß top gehalten hat": Dimitrij Ovtcharov.

(Foto: ADEK BERRY/AFP)

Dimitrij Ovtcharov musste seit seinem dramatischen Olympia-Aus einige Schicksalsschläge verkraften - nun kehrt der Tischtennisprofi erfolgreich an die Platte zurück und sagt: "Ich bin zu hundertzehn Prozent happy."

Von Ulrich Hartmann

Die schlimmste Niederlage des Tischtennisprofis Dimitrij Ovtcharov ist jetzt fast ein Jahr her. Elf Monate, um genau zu sein. Bei Olympia in Tokio verlor der heute 33-Jährige im Halbfinale gegen den Chinesen Ma Long mit 9:11 im siebten Satz. Knapper geht's nicht, deprimierender auch nicht. Es war im 16. Duell seine 16. Niederlage gegen den besten Spieler der Welt. "Als ich den letzten Ball ins Netz gespielt hatte, fühlte ich mich wie ein Boxer, der zu Boden geht", erzählt Ovtcharov. "Es war die schmerzhafteste Niederlage, die ich je erlebt habe." Er weiß: "Ich hätte olympisches Gold gewinnen können, ich war wirklich nah dran." Am Ende wurde es Bronze.

Was Ovtcharov im Juli 2021 noch nicht wusste: Die schlimmste Niederlage seines Lebens war zugleich der Beginn einer aus vielerlei Gründen bewegenden Lebensphase. Im Herbst musste er am Knöchel operiert werden, verpasste die Weltmeisterschaft in den USA, kehrte Wochen später zurück an die Platte, musste noch einmal operiert werden, quälte sich ein zweites Mal durch die Reha, sah in der ukrainischen Heimat seiner Eltern einen Krieg ausbrechen, kündigte deshalb seinen Vertrag beim russischen Klub Gazprom Fakel Orenburg, erzählte im ZDF-"Sportstudio" traurig vom Tod seiner kranken und erst kurz zuvor aus Kiew nach Deutschland geholten Großmutter und wurde ein paar Tage später zum zweiten Mal Vater.

In der vergangenen Woche ist nun endlich auch der Tischtennis-Wettkampf in sein Leben zurückgekehrt. Ovtcharov spielte bei einem Turnier in der peruanischen Hauptstadt Lima seine ersten Matches seit Monaten. Sein Vater hat ihn überreden müssen, es auf der anderen Seite des Planeten doch ruhig schon mal mit einem Comeback zu versuchen.

Und es gelang. Ovtcharov besiegte im Laufe des Turniers den Portugiesen João Monteiro, den Taiwaner Chen Chien-an, den Franzosen Simon Gauzy und den Schweden Anton Källberg, bevor er das Finale ganz knapp mit 8:11 im siebten Satz gegen Dang Qiu verlor, seinen 25 Jahre alten Freund und Kollegen aus dem deutschen Nationalteam. Deshalb war das Resultat auch nicht so schlimm. "Die Niederlage ändert nichts daran, dass ich zu hundertzehn Prozent happy bin", sagte Ovtcharov: "Ich freue mich total, dass ich wieder ein Turnier spielen konnte, nachdem ich so lange raus war - und dass mein Fuß top gehalten hat."

Heute weiß Ovtcharov, dass ihm die Niederlage gegen Ma Long helfen kann

Diese Diagnose ist von großer Bedeutung, denn mit dem millionenschwer dotierten Grand-Smash-Turnier im Juli in Budapest und der Europameisterschaft im August in München stehen zwei relevante Ereignisse bevor. Ganz zu schweigen vom Saisonstart beim TTC Neu-Ulm, der mit dem Schweden Truls Möregårdh, dem Japaner Tomokazu Harimoto, dem Taiwaner Lin Yun-ju und mit Ovtcharov die derzeitigen Nummern fünf, sieben, acht und neun der Weltrangliste verpflichtet hat und bis auf Harimoto alle auch in der Bundesliga und im nationalen Pokal zum Einsatz bringen will.

Mit erbittertem Widerstand muss Neu-Ulm mindestens von Borussia Düsseldorf rechnen, wo außer Timo Boll auch Ovtcharovs Bezwinger Dang Qiu spielt. Der gebürtige Nürtinger bewegt sich mit großen Schritten auf seine erste Top-Ten-Platzierung zu. Ovtcharov sagt über ihn: "Er wird besser und besser, und das ist sehr gut fürs deutsche Tischtennis und die Entwicklung unserer Nationalmannschaft."

Ein Jahr nach seiner dramatischen Niederlage bei Olympia gegen Ma Long ist Ovtcharov mittlerweile auch bewusst, dass ihm diese schmerzhafte Erfahrung in seiner Karriere sogar noch helfen kann. "Geblieben ist der Stolz, dass ich es trotz zuvor 15 Niederlagen gegen Ma Long geschafft hatte, in dieses Spiel zu gehen mit dem festen Glauben: Heute ist mein Tag! Heute werde ich gewinnen! Ich habe das zu hundert Prozent geglaubt." Unmittelbar nach der Niederlage hatte er das Bronze-Match gegen seinen künftigen Klubkollegen Lin Yun-ju nicht mehr spielen wollen.

"Ich habe gesagt: Ich habe Olympia-Bronze schon. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr." Es bedurfte der Überredung durch seinen Vater, dass Ovtcharov keine 24 Stunden später doch wieder an den Tisch gegangen ist. Und heute weiß er, dass es richtig war. "Mein Vater hat mir gesagt, dass ich es sonst eines Tages bereuen würde; und wenn ich beide Spiele, Ma Long und Lin Yun-ju, heute im Gesamten betrachte, dann ist es doch ein toller Abschluss gewesen."

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