Tischtennis Im Rausch der Schmerzmittel

Timo Boll führt das deutsche Team trotz massiver Nackenblockaden zur dritten Medaille in Serie seit 2008.

Von René Hofmann

Die Geschichte interessiert dann auch Ludger Beerbaum. Der Reiter hat bei den Spielen so einiges erlebt. 1988 in Seoul war er das erste Mal dabei gewesen. Die Nummer mit dem Gleit-Wirbel, die wollte der 52-Jährige dann aber doch noch einmal etwas genauer erzählt bekommen, als er am Donnerstagvormittag Timo Boll im Deutschen Haus traf. Beerbaum verkündete dort das Ende seiner Olympia-Karriere (siehe Seite 22), Boll, der inzwischen auch schon 35 Jahre alt ist und in Rio seine fünften Olympischen Spiele erlebt, berichtete von seinen Schmerzen: "Leider haben die Schmerzmittel dann irgendwann nachgelassen." Er ließ aber erkennen, dass diese seine Zukunft nicht wirklich beeinflussen werden: "Demnächst beginnt dann ja auch schon wieder die Bundesliga-Saison. Bis dahin dürfte aber wieder alles gut sein."

Timo Bolls Nackenwirbel spielte eine entscheidende Rolle beim Sieg des deutschen Tischtennis-Teams im Spiel um Bronze gegen Südkorea. Der 3:1-Erfolg bedeutete die dritte Olympia-Medaille nacheinander für Boll und seinen Mitstreiter Dimitrij Ovtcharov im Team-Wettbewerb. 2008 in Peking hatten sie mit Christian Süß Silber gewonnen, vor vier Jahren in London war - mit Bastian Steger - Bronze herausgesprungen. In der gleichen Aufstellung glückte nun die Wiederholung in Rio. Gäbe es eine Sonderwertung für Konstanz: Die deutschen Tischtennis-Männer wären weit mit vorne.

Timo Boll, 36, ist ein gefragter Mann: Nach der EM stehen Bundesliga, Champions League, German Open, World Cup und weitere Wettbewerbe auf dem Plan.

(Foto: Luis Acosta/AFP)

The same procedure as every Olympics: Irgendwie schon. Aber irgendwie war dieses Mal dann doch alles speziell gewesen. Nach einer knappen Niederlage von Bastian Steger gegen Südkoreas Nummer eins, Jeoung Youngsik, bei der sich ihm drei Matchbälle geboten hatten, hatte Dimitrij Ovtcharov gegen Joo Saehyuk ein 3:2 erkämpft und zum 1:1 ausgeglichen. Dem Doppel, das wussten alle Beteiligten, kam anschließend eine wegweisende Bedeutung zu. Und deshalb war es auch mehr als nur ein Schreckmoment, als sich Timo Boll plötzlich an den Nacken griff, Eiswürfel orderte und diese hinten an seinen Hals führte.

Steger hielt die Deutschen im Spiel und die Partie damit offen. Beim Stand von 2:2 nach Sätzen aber konnte Boll nicht mehr. Er beantragte eine Behandlungspause, die ihm auch gewährt wurde. Mit dem medizinischen Betreuer des deutschen Teams verschwand er für zehn Minuten aus den Augen des Publikums, hinter eine der tiefschwarzen Stoffbahnen, die in Rio in den Tischtennishallen hängen, um die Bühne ein wenig einzugrenzen und hübscher erscheinen zu lassen. Was dort geschah, erzählte Boll Beerbaum am nächsten Morgen so: "Zehn Betäubungsspritzen" habe er erhalten, wobei die Zahl eher ein Näherungswert sein dürfte. Unmittelbar nach der Partie hatte Boll am Abend zuvor noch beschieden, er habe schlicht nicht mitgezählt, als der Arzt die Nadeln gesetzt hatte.

Die Medaillengewinner im Teamwettbewerb

2008 in Peking

Gold: China

Silber: Deutschland

Bronze: Südkorea

2012 in London

Gold: China

Silber: Südkorea

Bronze: Deutschland

2016 in Rio de Janeiro

Gold: China

Silber: Japan

Bronze: Deutschland

Olympia-Medaillenspiegel im Tischtennis

1. China 28 Gold, 17 Silber, 8 Bronze

2. Südkorea 3 Gold, 3 Silber, 12 Bronze

3. Schweden 1 Gold, 1 Silber, 1 Bronze

4. Deutschland 3 Silber, 4 Bronze

5. Japan 2 Silber, 2 Bronze

Ein Wirbel im Nacken hatte seinen angestammten Platz kurz verlassen. Er war zwar gleich wieder dorthin zurückgehüpft, wo er hingehört, die umliegenden Muskeln und Bänder aber nahmen ihm den Ausflug übel. "Die Fußballer sagen: Der Muskel macht zu", sagte Boll. So sei das auch bei ihm gewesen.

Die Schmerzmittel halfen, das Gewebe ruhig zu stellen. Im fünften Satz setzten Boll und Steger sich knapp mit 11:9 gegen Sangsu Lee und Youngsik Jeoung durch. Im folgenden Einzel ließ Boll dann, im Rausch der Schmerzmittel, Joo Saehyuk keine Chance. Das 3:0 war eine Demonstration seines beeindruckenden Könnens - und der Macht der medizinischen Möglichkeiten.

Boll hat bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne getragen. Im Moment des Leidens dachte er an Dirk Nowitzki, den deutschen Fahnenträger in Peking. "Der hat in den NBA-Finals auch mal mit mehr als 40 Grad Fieber gespielt, obwohl das ja eigentlich lebensgefährlich ist", sagte Boll. Ein Ende seiner Olympia-Karriere war für ihn weder am Abend des Erfolges noch am nächsten Morgen ein Thema. Ein sechster Start 2020 in Tokio? "Wir haben eine gute Truppe zusammen. Ich hoffe, dass es so sein wird", sagte Boll.