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Tischtennis:Haos Ruhe

Hao Shuai Tischtennis China TTC Neu-Ulm

Gewann 2013 WM-Silber an der Seite von Ma Lin (r.): Der Chinese Hao Shuai, 37, hat am Sonntag erstmals für den Bundesligisten TTC Neu Ulm gespielt.

(Foto: imago)

Mit fünf Siegen ist der TTC Neu-Ulm in die Saison gestartet. Sein neuester Zugang macht den Klub nun noch unberechenbarer.

Von Johannes Kirchmeier

Als er sich dann am Sonntag zum ersten Mal im roten Trikot des TTC Neu-Ulm an die Tischtennisplatte stellte und 40 Minuten später sogar mit seiner geballten rechten Faust den ersten Sieg feierte, da hatten sich all die Anstrengungen der vergangenen Wochen gelohnt. "Ein sehr, sehr langer Prozess" war es schon, der der Siegerfaust vorausging, erinnert sich die Neu-Ulmer Teammanagerin Nadine Berti. Es ist ja nicht so leicht in diesen Tagen, einen Menschen aus China nach Bayerisch-Schwaben zu bekommen - und daher mussten sie sich schon strecken für die Ankunft des Chinesen Hao Shuai, 37 Jahre alt und 2010 mal Siebter der Weltrangliste. Erst nach dem zweiten Visumsantrag und der Eingliederung von außereuropäischen Berufssportlern als Fachkräfte in der EU hatten die Neu-Ulmer Erfolg - theoretisch dürfte Hao nun bis zum Saisonende bleiben.

Dass das keine schlechte Idee sein könnte, wenn es auch so kommt, zeigte sich bereits bei seinem ersten Bundesliga-Einsatz am Sonntag beim TTC Schwalbe Bergneustadt, der zwar mit einer 1:3-Niederlage endete, der ersten für Neu-Ulm im sechsten Saisonspiel übrigens. Hao gewann aber eben sein Einzel gegen die Nummer eins der Bergneustädter, Benedikt Duda. Vom Start weg präsentierte er sich in guter Form, und das obwohl auch dem TTC Neu-Ulm nicht völlig klar war, wie fit er wirklich ist. Auch in China war das Sporttreiben zuletzt nicht so leicht wie vor der Pandemie.

An diesem Mittwoch wird Hao aller Voraussicht nach ab 19 Uhr zum zweiten Mal mitspielen - in der Stadthalle in Pfaffenhofen an der Roth, wo der TTC bis auf Weiteres seine Heimspiele austrägt. Im Spitzenspiel der Liga trifft der Zweite auf den Tabellenführer und Rekordmeister Borussia Düsseldorf, den der TTC schon gerne ärgern will, wie Berti sagt. Dabei haben die Düsseldorfer Topspieler alle noch kein Einzel in dieser Saison verloren - Anton Källberg (Bilanz 9:0), Kristian Karlsson (5:0) und der nach Rückenproblemen jüngst zurückgekehrte Timo Boll (2:0) überzeugen. Dennoch sagt ihr Trainer Danny Heister: "Uns erwartet ein echtes Spitzenspiel. Neu-Ulm ist ein harter Brocken, den es zu knacken gilt." Die Worte zeigen, wie ernst die Konkurrenz die Neu-Ulmer bereits in deren zweiten Erstliga-Saison nehmen muss.

Das hat natürlich auch mit Hao zu tun. Er ist nicht nur ein guter Einzelspieler, sondern beherrscht auch das Spiel im Doppel, das in der Bundesliga enge Partien nach dem 2:2 entscheidet. Je zwei Silber- und Bronzemedaillen holte Hao in Doppel und Mixed bei Weltmeisterschaften, zuletzt 2013 Silber an der Seite des einstigen Weltranglistenersten Ma Lin. Gegen Bergneustadt konnte man schon ein wenig davon erkennen, was ihn auszeichnet: Er ist kein allzu spektakulärer Spieler, aber er versteht es, wenige Fehler zu machen. Berti vergleicht seine Art ein bisschen mit der von Boll: "sehr ruhig - und er ist extrem schwer vom Tisch wegzukriegen". Durch den neuen Mann aus China ist ihr Team nun also vor allem noch schwerer auszurechnen, denn Emanuel Lebesson, Einzel-Europameister von 2016, und Tiago Apolonia, Team-Europameister von 2014, zählen ohnehin zu den Stärksten der Liga. Apolonia ist dazu noch ein formidabler Doppelspieler. Zuletzt harmonierte er mit dem russischen Talent Vladimir Sidorenko, 18.

Das Spiel am Mittwoch ist nun ein Highlight für den jungen Klub: "Das zeigt, dass wir gut arbeiten", sagt Berti, sie fügt aber an: "Es ist schon sehr schade für das Team, dass wir ohne Zuschauer spielen müssen." Gerade jetzt, da neben Düsseldorf bis Weihnachten auch noch die Partien bei den Verfolgern SV Werder Bremen, gegen den ASV Grünwettersbach und das Derby gegen die noch ungeschlagenen TTF Ochsenhausen anstehen, die wegen einer Corona-Quarantäne erst drei Partien absolviert haben.

Wenn die Neu-Ulmer in den Wochen vor Weihnachten so erfolgreich weiterspielen, könnte es gut sein, dass sie danach ihre Ziele nach oben korrigieren. Bislang wollen sie ja lediglich besser sein als in der Premierensaison, in der sie Rang acht belegten. Spätestens seit Hao Shuais erster Partie ist ihnen aber durchaus auch zuzutrauen, dass sie ernsthaft ins Rennen um die Top vier eingreifen - also gleich in Spieljahr zwei in die Playoffs um die Meisterschaft einziehen.

© SZ vom 18.11.2020
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