Yu Fu wirkte unbeteiligt, fast gelangweilt. Zwei Szenen gibt es von ihr, die aus dieser Saison in besonderer Erinnerung geblieben sind, und diese hier war mindestens mal kurios: Pokal-Halbfinale der Frauen Anfang Januar, es duellierten sich die bayerischen Tischtennis-Erstligisten SV-DJK Kolbermoor und TSV Schwabhausen, nun lag Schwabhausens Sabine Winter fassungslos auf dem Hallenboden. Nach einer 10:4-Führung im fünften Satz hatte sie sechs Matchbälle am Stück gegen Yu Fu vergeben, sechs Chancen, ihr Team ins Finale zu bringen. Nach dem 10:12 lag Winter also verzweifelt auf dem Rücken - und Yu Fu schritt achtlos an ihr vorbei. Keine Regung im Gesicht, kein Jubel, kein Blick zur Gegnerin. Nichts.
Es gibt, wie gesagt, eine zweite Szene, gar nicht lange her, entstanden nach Yu Fus Sieg gegen Petrissa Solja vom TSV Langstadt im Playoff-Halbfinale. Man sieht sie beim Abklatschen mit dem Team - lächelnd!
Es sagt eine Menge aus über Kolbermoors Nummer eins, dass Coach Michael Fuchs nicht etwa die erste, sondern die zweite Szene hervorhebt. Er hat es noch nicht oft erlebt, dass Yu Fu ein Lächeln entfleucht, und nun gab es sogar einen Fotobeweis. "Sie ist eine sehr ruhige, in sich gekehrte Person, die kaum Emotionen zeigt", sagt Fuchs.
Für Kolbermoor war es ein Glücksfall, dass Berlin vor dieser Saison für Yu Fu offenbar keine Verwendung mehr sah
An diesem Samstag (13 Uhr) tritt sein Klub zum Rückspiel im Playoff-Finale beim TTC Berlin Eastside an, das Hinspiel hat er zu Hause 3:5 gegen den Titelverteidiger verloren. Noch rechnen sich die Oberbayern Chancen aus, mit einem Auswärtssieg ein Entscheidungsspiel um den deutschen Meistertitel zu erzwingen, es fände dann gleich tags darauf statt. Klar ist: Sie sind auf Punkte der schweigsamen Yu Fu angewiesen.
Jene beiden Szenen sagen ja nicht nur etwas über Yus Persönlichkeit aus, sondern auch über ihre sportliche Bedeutung. Winter und Solja sind Weltklassespielerinnen, Winter war die beste Hauptrundenakteurin der Bundesliga, ungeschlagen bis zu den Playoffs, nur dieses eine Einzel im Pokal verlor sie bis dahin. Gegen Solja, die deutsche Nationalspielerin, Nummer 19 der Welt, setzte sich Yu in den Halbfinals gleich zweimal durch, da darf man lächeln.
Yu Fu selbst ist in der Weltrangliste auf Rang 55 notiert, sie war mal Nummer 15, aber ihre Karriere lässt sich kaum in solche Zahlen fassen. Was man wissen sollte: Sie ist bereits 42 Jahre alt, Portugiesin, und ihr bislang größter Erfolg liegt noch nicht lange zurück. 2019 führte sie das portugiesische Nationalteam zum Gewinn der European Games, im Viertelfinale setzte es sich gegen Deutschland durch, auch damals bezwang Yu Fu Petrissa Solja. Kolbermoors Trainer und Abteilungsleiter Fuchs findet all das sehr beeindruckend, vor allem in Anbetracht der Vita von Yu Fu.
Es gibt viele Tischtennisspieler, die aus China auswandern, weil die Leistungsdichte nirgends so erdrückend ist wie dort. Yu Fu, geboren in Hebei, verließ ihre Heimat 1998. Erst lebte und spielte sie in Spanien, 2001 zog sie nach Portugal, wo sie heiratete. International trat sie bis 2013 nicht mehr in Erscheinung, "das hatte sie gar nicht auf dem Plan", weiß Yuan Wan, ihre Mitspielerin in Kolbermoor. Dann aber nahm sie die portugiesische Staatsbürgerschaft an und eroberte von 2013 bis 2016 noch drei EM-Einzelmedaillen, quasi als Erfolge auf dem zweiten Bildungsweg.
"Sie weiß immer schon drei Schritte vorher, was zu tun ist", sagt ihre Mitspielerin über Yu Fu
Gefährliche Aufschläge, eine starke Vorhand, eine enorm sichere Rückhand, alles in klassischer Penholder-Griffhaltung, dazu gute Nerven - so lässt sich ihre Spielweise skizzieren. Für Kolbermoor war es "ein Glücksfall", sagt Fuchs, dass der TTC Berlin, der Yu 2019 verpflichtet hatte, vor dieser Saison offenbar keine Verwendung mehr für sie sah, just als Kolbermoor kurzfristigen Ersatz für die Österreicherin Liu Jia suchte. Für Yu ist das Playoff-Finale also ein Wiedersehen mit ihrem ersten deutschen Verein. Das Hinspiel lief nicht gerade ideal für ihr Team, alle knappen Spiele, zwei Einzel von Kristin Lang und eines von Yu Fu gegen Shan Xiaona, gingen verloren. Nur gegen Nina Mittelham setzte sich Yu durch, glatt in drei Sätzen. Noch ist alles drin, glaubt Fuchs.
Für den Erfolg in solch wichtigen Spielen ist Yu unverzichtbar, der Verein hat deshalb einigen Aufwand betrieben, um sie trotz Quarantänebestimmungen zur Verfügung zu haben. Seit Ende März weilt sie in Deutschland. Yu Fu lebt auf Madeira, sie hat eine Tochter und trainiert überwiegend mit ihrem Mann, weil es "auf Madeira wohl nicht viele Tischtennisspieler gibt", so hat Fuchs es in Erfahrung gebracht. Er spricht weder Portugiesisch noch Mandarin, das Notwendigste lässt sich auf Englisch austauschen. Manchmal kann Yuan Wan dolmetschen, die Nummer drei, geboren in Eberswalde. Die 23-Jährige scheiterte im Hinspiel an der Routine der 54-jährigen Ding Yaping, 54, die 2020 noch für Kolbermoor spielte.
Yu Fus Ruhe am Tisch sei etwas, das sie bewundere, sagt Wan, und "dass sie immer schon drei Schritte vorher weiß, was zu tun ist". Trotzdem werde es schwer im Rückspiel. "Wir müssen richtig kämpfen, und es muss diesmal einiges für uns laufen." Und wenn es richtig gut läuft, wer weiß, wird Yu Fu vielleicht sogar lächeln.
