„In China“, sagt Ying Han, „hat man eine hohe Meinung von Deutschland und der deutschen Mentalität.“ In China spreche man auch mit großem Respekt von deutschen Produkten: „Als ich klein war, hat meine Mama immer gesagt: Was aus Deutschland kommt, hat eine gute Qualität.“
In dieser Woche nun kommt aus Deutschland Ying Han selbst nach China. Sie fliegt in jenes Land, in dem sie vor 43 Jahren geboren wurde. Die Wahl-Düsseldorferin lebt seit mittlerweile 24 Jahren in Deutschland, ist seit 16 Jahren deutsche Staatsbürgerin und seit 13 Jahren deutsche Tischtennis-Nationalspielerin. Sie hat die jüngere Vergangenheit des deutschen Frauentischtennis entscheidend mitgeprägt. Am Gewinn von zehn deutschen Medaillen war sie bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften beteiligt. Sie ist mit 43 Jahren die Nummer 16 der Weltrangliste und aktuell die zweitbeste Deutsche nach Sabine Winter.
Am Wochenende beginnt in Peking das mit zwei Millionen US-Dollar dotierte Topturnier China Smash. Dort will Ying Han den chinesischen Zuschauern zeigen, wie gut sie geworden ist – oder besser: wie gut sie mit 43 Jahren immer noch ist. Und das auch trotz des Stresses, den ihr die Reisen um die Welt bisweilen bereiten.
Nach dem China Smash zum Beispiel geht es von Peking aus direkt weiter ins slowenische Ljubljana. Dort startet Ying Han mit der nicht ganz unrealistischen Chance, im vorgerückten Stadium ihrer Karriere erstmals Einzel-Europameisterin zu werden. So sagen würde sie das allerdings nie. „Ich gebe mein Bestes“, ist einer ihrer liebsten Sätze.
Bei ihrer EM-Premiere 2013 war sie eine von fünf gebürtigen Chinesinnen im deutschen Aufgebot
Mit fünf Jahren begann Ying Han in ihrer Heimatstadt Shenyang mit dem Tischtennis. Mit 18 wurde ihr allerdings bewusst, dass es keine Gewissheit geben würde, im weltbesten Tischtennisland China Nationalspielerin zu werden. „Als ich mit 18 noch keine Nationalspielerin war, war mir klar: Das wird nichts mehr“, erzählt sie der SZ. Ihre Trainerin damals hatte Kontakt nach Deutschland. Also wagte Ying Han 2002 mit 19 die Reise um die halbe Welt zum badischen Bundesligaklub TV Busenbach. Sie wollte erst mal nur ein Jahr in Deutschland bleiben. Mittlerweile sind es 24 geworden.
Ying Han heiratete einen Chinesen und bekam eine Tochter. Sie erhielt einen deutschen Pass, verlor die chinesische Staatsbürgerschaft und gewann seit 2013 im deutschen Trikot Team-Olympiasilber (2016), zweimal WM-Bronze, fünfmal EM-Gold sowie je einmal EM-Silber und -Bronze.
Die Anfänge in Deutschland waren nicht leicht. Als Ying Han bei der Europameisterschaft 2013 in Österreich erstmals für Deutschland spielte, war sie neben Xiaona Shan, Jiaduo Wu, Zhenqi Barthel und der Bundestrainerin Jie Schöpp eine von fünf gebürtigen Chinesinnen im deutschen Aufgebot. Nur drei deutsche Spielerinnen bei jener EM waren in Deutschland geboren. Das DTTB-Team gewann damals Gold, Xiaona Shan Einzel-Silber, Ying Han Einzel-Bronze, Zhenqi Barthel und Xiaona Shan Doppel-Silber – und in manchen Medien wurde provokant die Frage aufgeworfen, wie deutsch diese Medaillen eigentlich noch waren.

Anfang 2011 hatte sie mitansehen müssen, wie die chinesischen Behörden ihren chinesischen Pass durchschnitten und wegwarfen. Damit war sie offiziell keine Chinesin mehr. „Das war ein komisches Gefühl“, sagt sie, „aber irgendwann hatte ich es verdaut.“ Die eigene Identität ist letztlich nicht von einem Dokument abhängig. „Ein Pass ist nur ein Stück Papier“, sagt Ying Han. „Ich bin froh, dass ich beide Kulturen kenne, und kann nicht mal sagen, ob ich mich mehr chinesisch oder mehr deutsch fühle – denn ich fühle mich vor allem als Mensch.“
In Deutschland eröffneten sich ihr sportliche Chancen, auf die sie in China wahrscheinlich vergeblich gewartet hätte. „Es ist mir eine Ehre, für Deutschland zu spielen“, sagt sie, „und es war für mich die Chance, mir den Traum von Olympia zu erfüllen.“ An den Sommerspielen würde sie gern zum dritten Mal teilnehmen nach Rio 2016 und Tokio 2021. Gut möglich, dass sie mit Olympia 2028 in Los Angeles ihre Karriere beendet. Es wäre ein würdiger Anlass.
Dass sie überhaupt noch spielt, grenzt an ein kleines Wunder, denn 2024 schien sich das Schicksal gegen sie verschworen zu haben. Im Januar riss ihr bei einem Turnier in Doha die rechte Achillessehne, und als sie nach harter Reha sechs Monate später kurz vor Olympia in Paris bei einem Turnier in Bangkok ihr Comeback feierte, riss ihr die linke Achillessehne. Danach hatte sie den Gedanken, ihre Karriere zu beenden. Doch sie kehrte zurück.
Dass sie mit 43 Jahren immer noch in der Weltspitze mitspielen kann, sagt sie, „das ist ganz viel harte Arbeit“. Ying Han ist Abwehrspezialistin, sie spielt oft zwei Meter hinter der Platte und antwortet auf die Angriffsbälle ihrer Gegnerinnen mit kraftraubenden Unterschnittbällen. Sobald sich aber die Gelegenheit eröffnet, geht sie in Tischnähe in den Angriff über. „Dabei muss ich sehr viel laufen“, sagt sie.
Wer ihre Stilistik am besten kennt, das sind die Kolleginnen aus der Nationalmannschaft, aus der Trainingsgruppe im Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf. Deshalb sind drei ihrer größten Rivalinnen bei der EM ab 11. Oktober Sabine Winter (Weltranglisten-9.), Nina Mittelham (29.) und Annett Kaufmann (42.). Im Ranking der Europäischen Tischtennis-Union steht Winter als Nummer eins vor der Rumänin Bernadette Szocs, dann kommen Ying Han, die Österreicherin Sofia Polcanova, die Französin Jia Nan Yuan und Nina Mittelham. „Meine Hauptgegnerinnen kommen aus Deutschland“, weiß Ying Han.
Und wenn das Karriereende dann schon auch ein bisschen absehbar ist: Mag Ying Han sich vielleicht irgendwann als Trainerin um den deutschen Tischtennisnachwuchs kümmern? „Ich habe mich fast mein ganzes Leben lang für Tischtennis gequält“, sagt sie auf so eine Frage und ergänzt lachend: „Vielleicht würde ich auch ganz gern einfach in Rente gehen.“
Und weil Ying Han lange genug in Deutschland ist, um zu wissen, dass man mit 45 Jahren noch keine Rente bekommt, sagt sie: „Ich habe in letzter Zeit ein bisschen mehr gespart – vielleicht würde ich das Leben gern erst mal ein bisschen genießen.“


