Da war er wieder, dieser plötzlich so träge vor sich hin segelnde Ball. So lange stand er in der Luft, dass man sich in der Zwischenzeit wohl schon Gedanken machen konnte über die historische Bedeutung dieses Matches. Mit einem Finalsieg gegen die Rumäninnen würden die deutschen Frauen endgültig Ungarn überholen, wären mit dem zehnten Team-Gold in der Geschichte der Tischtennis-Europameisterschaften alleiniger Rekord-Titelträger und hätten nach 2021 und 2023 den Hattrick geschafft.
Und es sah gut aus: Die Zukunft dieses Teams, die 19-jährige Olympiaheldin Annett Kaufmann, war zuvor erneut in einem wichtigen Moment über sich hinausgewachsen, hatte im ersten Match dieses Finales Bernadette Szöcs bezwungen, die beste Europäerin in der Weltrangliste, zum 1:0 für Deutschland. Und nun stand Sabine Winter Elizabeta Samara gegenüber, und sie hatte gerade wieder einen Schlag mit ihrem seltsamen Antitopspin-Belag eingestreut, der so langsam ist, dass es wirkt, als könne sie zwischen ihren Power-Vorhänden mal eben alles auf Zeitlupe stellen. Samara verschlug, Winter scherzte nach dem zweiten Satzgewinn schon mit den Coaches, und auch wenn sie danach noch etwas zittern musste: Sie holte den zweiten Sieg. Nina Mittelham setzte den Schlusspunkt.
Wie schon vor zwei Jahren waren die deutschen Frauen durchs Turnier gezogen, ohne auch nur ein Einzel zu verlieren, dabei waren ihre Routiniers Ying Han und Xiaona Shan gar nicht dabei. Und während Kaufmann aus einer Verletzung kam und Mittelham anfangs erkältet aussetzte, gab Winter als klare Nummer eins die Anführerin. Wobei: „So wirklich führen musste ich die Mannschaft jetzt nicht“, sagte Winter angesichts all der 3:0-Erfolge.
Trotzdem ist es eine bemerkenswerte Geschichte: Nachdem sie vor Paris einmal mehr nicht für Olympia berücksichtigt worden war, hatte sich die Dachauerin, von vielen zunächst skeptisch beäugt, diesen völlig neuen Spielstil zugelegt, mit diesem Spezialbelag, für den sie oft blitzschnell den Schläger dreht. Im November begann sie damit, jetzt steht sie in der Weltrangliste so hoch wie nie – und das mit 33 Jahren. Es war bereits Winters fünftes Team-EM-Gold, aber das erste in einer Hauptrolle. „Es ist unglaublich, was sie im letzten Jahr gemacht hat“, schwärmte Bundestrainerin Tamara Boros. „Wirklich meinen Respekt, wie sie ihr Spielsystem geändert hat. Das hat sie sich verdient.“
Bereits am Samstag war das Turnier für die Männer zu Ende, die nun auf der Tribüne saßen. Mit 1:3 waren sie im Halbfinale den favorisierten Franzosen unterlegen – allerdings hatten sie ihre Chancen. „Deshalb sind wir natürlich enttäuscht, auch wenn wir uns gut präsentiert haben“, sagte Bundestrainer Jörg Roßkopf.
Die Männer haben die schwerstmögliche Auslosung
Nach dem Ende der Ära Boll und ohne den angeschlagenen Dimitrij Ovtcharov gab es also Bronze für das Team, das seit 2007 immer im Finale gestanden hatte, meist mit Gold dekoriert. Und doch zeigten die Tage im kroatischen Zadar, dass die deutschen Männer weiter zur europäischen Spitze zählen. Und wie die Frauen hatten auch sie einen formstarken Anführer, der lange in der zweiten Reihe stand: Benedikt Duda, 31, der neuerdings auf Rang acht in der Welt steht.
Intern könne sich alles schnell drehen, warf Roßkopf ein, „wir haben vier starke Spieler“ – Dang Qiu und Patrick Franziska folgen bereits auf den Plätzen 14 und 15. Aber ja: Duda sei in Zadar „absolut“ vorangegangen. Die Deutschen hatten „die schwerstmögliche Auslosung“, bereits im Achtelfinale Dänemark mit zwei Top-30-Spielern („die wollte da keiner“), im Viertelfinale die euphorischen Gastgeber, im Halbfinale schon die Franzosen. Duda gab sich nie eine Blöße.
Auch gegen Frankreich brachte er sein Team gegen Alexis Lebrun mit 1:0 in Führung, eine beeindruckende Dreisatzrevanche für das 2024 verlorene EM-Einzelfinale. „Benne hat sich extrem verbessert“, lobte Roßkopf, und er sei voller Selbstvertrauen durch seine guten Ergebnisse. „Was er gegen Alexis gezeigt hat, war Wahnsinn.“ Das war es auch, womit Roßkopf haderte: „Sein Sieg war ein echter Dämpfer für die Franzosen, da hätten wir nachlegen müssen.“ Doch erst hatte Franziska in fünf Sätzen knapp das Nachsehen gegen Félix Lebrun, dann unterlag Qiu, der Europameister von 2022, dem Spinkünstler Simon Gauzy mit 0:3. Diese Partie hätte man „definitiv“ holen müssen, fand Roßkopf. Schlussendlich war Félix, der Jüngere der Lebrun-Brüder, auch für Duda zu stark.
Was Roßkopf dennoch zufrieden stimmte? Dass seine Spieler auch im Hinblick auf Olympia gezeigt hätten, dass sie umsetzen können, was man sich vorgenommen habe. „Alle waren superheiß“, alle hätten die Bereitschaft, an Dingen zu arbeiten, die dem Trainerteam international auffielen. „Frankreich zum Beispiel agiert viel mit langen Aufschlägen“, eine Entwicklung, an die man sich anpassen müsse. „Das ist das, was ich von den Spielern erwarte, und es ist gut zu sehen, dass sie das annehmen. Das gibt mir Hoffnung für die Zukunft.“ Winter und Duda haben da etwas gemeinsam mit ihren späten Erfolgen: „Benne arbeitet seit Jahren sehr intensiv und versucht, Dinge zu optimieren“, sagt Roßkopf, „und auch Sabine hat sich diese Gedanken gemacht, was sie verändern kann.“ Beide sind noch ohne Olympiaeinsatz, ließen sich von Rückschlägen aber nie aufhalten.
Bei den Männern werden es nach Jahren deutscher Dominanz wohl die Franzosen sind, die es künftig zu schlagen gilt, schätzt Roßkopf: „Aber wir werden versuchen, ranzukommen, und ich gehe davon aus, dass alle sich richtig den Hintern aufreißen.“ Bei den Frauen sind es weiter Winter und Co., die es auf europäischer Ebene zu besiegen gilt.


