Zwei Jahrzehnte lang hat die Team-Europameisterschaft im Tischtennis der Männer die ganze Branche ein bisschen gelangweilt. Noch am besten kamen damit die deutschen Spieler zurecht, sie waren schließlich der Grund für die Langeweile – weil sie fast immer gewonnen haben. Zwischen 2007 und 2023 stand die deutsche Männermannschaft zwölfmal nacheinander im EM-Finale. Sie gewann davon neun und verlor drei, holte also neunmal Gold und dreimal Silber. Bezwungen wurde Deutschland 2014 von Portugal, 2015 von Österreich und 2023 von Schweden.
An zehn der zwölf deutschen EM-Mannschaftsmedaillen war Dimitrij Ovtcharov beteiligt, an neun Timo Boll. Boll und Ovtcharov waren die treibenden Kräfte einer zwei Jahrzehnte währenden deutschen Dominanz im europäischen Tischtennis. Irgendwann wurden die Deutschen als „die Chinesen Europas“ bezeichnet, weil sie in Europa genauso unbezwingbar erschienen wie die Chinesen weltweit. Allerdings waren die Chinesen (zwischen 2001 und 2024 elfmal nacheinander Mannschaftsweltmeister) weltweit eindeutig noch viel schwieriger zu bezwingen als die Deutschen in Europa.
Wenn nun seit dem Wochenende und noch bis zum kommenden Sonntag im kroatischen Zadar die Mannschafts-Europameisterschaft 2025 ausgetragen wird, dann sind die deutschen Männer nicht mehr zwingend Favorit auf Gold – und unter Umständen erreichen sie nicht mal das Endspiel. Frankreich und Schweden sind exzellent besetzt und stehen in der Mannschafts-Weltrangliste als Zweiter und Dritter hinter China sogar vor den Deutschen, die dort derzeit nur Sechste sind. „Die neue Wahrheit ist: Niemand erstarrt mehr vor der deutschen Mannschaft“, hat vor der EM ein relevanter Funktionär gesagt, und man hätte das als gezielte Provokation auffassen können, hätte diesen Satz nicht der deutsche Verbandssportdirektor Richard Prause gesagt. Ein Mann, der zur Wahrheit neigt, und diese lautet: Ohne Boll nach seinem Karriereende und ohne Ovtcharov, der sich diesmal schonen muss, ist der 13. deutsche EM-Finaleinzug nacheinander nicht garantiert.
Die Internetseite des Veranstalters erwähnt das deutsche Team nur beiläufig
Das sieht man offenbar auch international so. Auf der Internetseite der Tischtennis-EM (ettczadar2025.com) steht auf Kroatisch doch tatsächlich Folgendes: „In der Kresimir-Cosic-Halle werden einige der besten Spieler der Welt und zwei großartige Mannschaften zu sehen sein: Es handelt sich dabei um Schweden und Frankreich, die Silber- und Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele in Paris, deren Duell im Finale von allen erwartet und von vielen gewünscht wird.“ Der Europa-Ranglistenerste Schweden spielt zwar ohne seinen verletzten Star Truls Möregardh, trotzdem aber immer noch mit absoluten Topspielern wie Anton Källberg, Kristian Karlsson und Mattias Falck. Der Ranglistenzweite Frankreich spielt mit den herausragenden Brüdern Felix und Alexis Lebrun sowie mit Simon Gauzy. Der Ranglistendritte Deutschland mit seinen drei Topspielern Benedikt Duda, Dang Qiu und Patrick Franziska wird in diesem Artikel auf der kroatischen EM-Internetseite nur beiläufig erwähnt.
Und so könnte aus deutscher Demut vor diesen Titelkämpfen vielleicht auch ein bisschen Wut werden, vor allem aber ganz viel Wille, denn mit Duda auf Weltranglistenplatz acht sowie Qiu und Franziska auf 14 und 15 muss sich das deutsche Team keineswegs verstecken. Der Schwabe Dang Qiu mit Wahlheimat Düsseldorf räumt allerdings ein: „Schweden und Frankreich haben für Europa zuletzt die besten Ergebnisse abgeräumt – wir sind momentan in der Position des Jägers.“ Der 28-Jährige freut sich aber gerade deshalb auf „eine richtig spannende EM“.
Unter Wert gehandelt werden will der Männer-Bundestrainer Jörg Roßkopf aber auf keinen Fall. „Unser Ziel ist der Titel“, sagt der 56-Jährige. Dass sein Team manchem nicht mal als Finalkandidat gilt, kann er so nicht stehen lassen und sagt ein bisschen grimmig: „Wir wollen bei dieser EM ein paar Dinge wieder gerade rücken.“ Zum Auftakt jedenfalls gelang ein 3:0 ohne Satzverlust gegen die Ukraine.


