Tischtennis:Triumphale Nacht in Transsilvanien

Tischtennis: Pokal-Wettbewerb der Frauen, Finalturnier

Der entscheidende Punkt: Nina Mittelham sichert den Erfolg für die Kolleginnen (Archivbild)

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Angereist waren sie nur als vermeintliche B-Mannschaften. Doch sowohl die Auswahl der Männer als auch der Frauen wächst über sich hinaus - beide Teams gewinnen den Europameistertitel.

Von Ulrich Hartmann

Mit einem mulmigen Gefühl hatte die deutsche Delegation die Reise nach Transsilvanien angetreten. Ohne die erfahrensten Tischtennisspieler, Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov bei den Männern sowie Petrissa Solja, Han Ying und Shan Xiaona bei den Frauen, galt es zunächst nur, sich bei der Mannschafts-Europameisterschaft im rumänischen Cluj-Napoca so tapfer wie möglich aus der Affäre zu ziehen. Doch die zweite Garde entpuppte sich jeweils durch erstklassige Leistungen als unbezwingbar für die europäische Konkurrenz und gewann recht überraschend sowohl den Frauen- als auch den Männer-Titel.

Einen deutschen Doppeltriumph bei Mannschafts-Europameisterschaften hatte es zuvor erst ein Mal gegeben, vor acht Jahren. 2013 waren aber beide Teams nahezu in Bestbesetzung angetreten. Umso überschwänglicher fiel diesmal die Nacht in Transsilvanien aus.

Nachdem Nina Mittelham, Sabine Winter und Chantal Mantz am Sonntagnachmittag zunächst ihr Endspiel mit 3:1 gegen den Titelverteidiger Rumänien gewonnen hatten, triumphierten am Abend auch Benedikt Duda, Patrick Franziska und Dang Qiu in ihrem Finale mit 3:1 gegen Russland. Bei den Frauen hatte Winter eine ganz einfache Erklärung für den unverhofften Erfolg: "Wir hatten hier alle vier sehr viel Spaß als Mannschaft, wir hatten richtig Bock zu spielen - und dann lief es einfach."

Die Bundestrainerin hat erst nach Olympia das Amt übernommen - und gewinnt prompt Gold mit einem jungen Team

Als die neue Bundestrainerin Tamara Boros erfahren hatte, dass bei ihrer EM-Premiere die drei besten deutschen Spielerinnen fehlen würden, könnte sie sich bekreuzigt haben. Am Sonntag jedoch ballte die 43 Jahre alte Kroatin ihre Hände derart oft zu Fäusten des Jubels, dass sie das vielleicht noch länger in den Fingern gespürt hat. Kaum dass im vierten Einzel Mittelham gegen Elizabeta Samara mit einem nervenzerrenden 3:2-Erfolg den dritten Punkt und damit den Europameistertitel perfekt gemacht hatte, liefen auch schon ihre Teamkolleginnen auf sie zu. Das Quartett der Spielerinnen, komplettiert durch die erst 15 Jahre alte Annett Kaufmann, zeigte eine eigens vorbereitete Choreographie, bei der sie zu viert gegeneinander sprangen, wie es im Sport sonst eher zu zweit praktiziert wird.

Als sie im Laufe der Woche nacheinander die Slowakei (3:0), Spanien (3:1), im Viertelfinale Polen (3:0) und im Halbfinale Portugal (3:1) besiegt hatten, waren die deutschen Spielerinnen noch nicht so über sich hinausgewachsen wie im Finale. Dieser Ausflug ans Limit war schon deshalb erforderlich, weil die Rumäninnen Bernadette Szocs auf Rang 25 der Weltrangliste und Elizabeta Samara auf Rang 30 hinter der Österreicherin Sofia Polcanova bei dieser EM die bestplatzierten Spielerinnen waren.

Doch gleich im ersten Einzel stibitzte Mittelham den ersten Punkt. Als Nummer 33 der Weltrangliste machte sie es gegen Szocs spannend und triumphierte im finalen fünften Satz mit 12:10. Damit entnervte sie die rumänische Delegation sichtlich. Winter als Nummer 116 der Weltrangliste gewann anschließend gegen Samara klar mit 3:0. Nachdem Mantz gegen Daniela Monteiro Dodean mit 2:3 verloren hatte, wäre beinahe auch Mittelham gegen Samara gekippt. Doch sie behielt die Nerven und wurde sodann als erstes von der Bundestrainerin umarmt, die ihr Glück kaum fassen konnte.

Boros hat das Amt nach Olympia von Jie Schöpp übernommen. Die Kroatin weiß um die Machtverhältnisse im Frauen-Tischtennis, sie war 2003 die bislang letzte Europäerin, die bei Einzel-Weltmeisterschaften mit Bronze eine Medaille gewinnen konnte. Als Trainerin feierte sie nun mit den deutschen Frauen gleich einen Riesenerfolg, zu dem im Laufe der Woche Mittelham sieben, Winter vier und Mantz drei Punkte sowie Kaufmann einen Zähler beisteuerten. Das achte EM-Gold für ein deutsches Frauenteam ist gewiss das überraschendste.

Die Männer-Auswahl setzt sich im Finale gegen russische Talente durch

Vielleicht nicht ganz so unerwartet triumphierten danach die Männer in einem Endspiel gegen eher unbekannte russische Talente. Einfach war es deshalb aber noch lange nicht. So verlor der in der Weltrangliste an 42 positionierte Duda zu Beginn gegen Maksim Grebnew als 540. der Weltrangliste mit 2:3 und setzte Franziska und Qiu direkt unter Druck. Der Weltranglisten-14. Franziska tat sich ebenfalls schwer beim 3:2 gegen Lew Katsman als Nummer 281 der Welt. Etwas leichter schien es für Qiu (Nummer 52) beim 3:1 gegen die Nummer 176 Wladimir Sidorenko. Den Schlusspunkt setzte erneut Franziska beim 3:2 gegen Grebnew. Anschließend fielen sich die Männer, die Ruwen Filus und Kay Stumper zum Quintett ergänzten, ebenfalls begeistert in die Arme.

Die Team-EM insgesamt war diesmal nicht mit den absoluten Topleuten besetzt, weil sie nach einer coronabedingten Verschiebung eingebettet war zwischen Olympia und der Einzel-WM Ende November in den USA.

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