Premiere beim Münchner DOK.festVon Aufstieg und Zerfall

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Alles im Kasten: Vorne feiert Trainer Dmitrij Mazunov mit Lin Yun-ju (von links), Truls Moregardh und Dimitrij Ovtcharov den Pokalsieg mit dem TTC Neu-Ulm, im Hintergrund jubeln die russischen Teammitglieder – und immer dabei: das Dokumentarfilmteam (hier Felix Riedelsheimer).
Alles im Kasten: Vorne feiert Trainer Dmitrij Mazunov mit Lin Yun-ju (von links), Truls Moregardh und Dimitrij Ovtcharov den Pokalsieg mit dem TTC Neu-Ulm, im Hintergrund jubeln die russischen Teammitglieder – und immer dabei: das Dokumentarfilmteam (hier Felix Riedelsheimer). Benjamin Lau/Eibner/Imago

In eindrücklichen Bildern dokumentiert der Kinofilm „Ping Pong Paradise“ die Geschichte des einstigen Tischtennis-Erstligisten TTC Neu-Ulm. Dabei kommt er nicht nur den Stars um Dimitrij Ovtcharov erstaunlich nahe.

Von Andreas Liebmann

Präzision. Akribie. Ruhe. Nur ein weißer Plastikball, 40 Millimeter klein, ist im Kinosaal zu hören, wie er sich auf einer blauen Oberfläche dreht und dabei ein helles, schabendes Geräusch erzeugt.

Wie beginnt man wohl einen Dokumentarfilm, der fast zwei Stunden lang Spannung bieten soll – und der sich mit einer Sportart beschäftigt, die zwar fast jeder einmal ausprobiert hat, die aber für Laien doch nicht immer leicht zugänglich ist? Der Regisseur hat sich für eine sehr ruhige Szene entschieden: Tischtennistrainer Dmitrij Mazunov, wie er sich konzentriert über die Platte beugt, wie er immer wieder diesen Ball dreht, um daran festzustellen, dass der Tisch um eine Winzigkeit schief steht; und ein paar Profis, die in einer alten rumänischen Sporthalle unter den Tisch krabbeln, um dieses Problem selbst zu beheben. Noch sind die Ränge ringsum leer, die drei Spieler aber, die sich in diesem tristen Betonklotz auf eine Champions-League-Partie vorbereiten, sind allesamt Weltstars ihres Sports.

„Ping Pong Paradise“ heißt der Film, der an diesem Samstag (20.30 Uhr, Rio-Filmpalast) uraufgeführt wird, als deutscher Wettbewerbsbeitrag beim Dokumentarfilmfestival („DOK.fest“) München. Er erzählt die ziemlich einmalige Geschichte vom Aufstieg und Fall des TTC Neu-Ulm. Jenes viel kritisierten Klubs, der sich 2019 aus dem Nichts mittels einer Wildcard in die höchste deutsche Liga eingekauft hatte und im Jahr seines größten Erfolges eine Art Weltauswahl um den deutschen Spitzenspieler Dimitrij Ovtcharov beschäftigte.

Eine turbulente Saison lang hat ein Kamerateam die Protagonisten begleitet und ist ihnen dabei erstaunlich nahegekommen. Der Vereinsmäzen Florian Ebner habe ihnen da „viel Vertrauen entgegengebracht“, sagt Regisseur Jonas Egert. Dabei ist der 31-Jährige selbst gar nicht zu Hause in dieser Sportart. Der Bielefelder studierte an der Münchner Filmhochschule und war auf der Suche nach einem Thema für seinen Abschlussfilm. Da sei er auf einen SZ-Artikel gestoßen über die spektakuläre Verpflichtung von Ovtcharov, Truls Moregard (Schweden), Lin Yun-ju (Taiwan) und Tomokazu Harimoto (Japan), damals allesamt in den Top Ten der Weltrangliste. Was daraus werden würde, ahnte Egert noch nicht.

Der Film pendelt dramaturgisch zwischen den Gegensätzen: den Weltstars und den von Zweifeln geplagten Jungprofis

Es ist dann doch ziemlich viel Welt über den kleinen Klub und damit auch über den Film hereingebrochen in der Saison 2022/23 – weshalb keineswegs nur die vier Topstars die Handlung tragen. Denn der russische Angriffskrieg hatte nicht nur dazu geführt, dass Ovtcharov und Lin den russischen Spitzenklub Fakel Orenburg verließen, was die Bildung dieses Topensembles überhaupt erst ermöglichte. Er führte auch dazu, dass Neu-Ulms bisherige Profis international gesperrt wurden. Denn Trainer Mazunov, der selbst aus Russland stammt, hatte hier über Jahre eine Trainingsgruppe aus jungen Russen aufgebaut, die er formen, denen er zu internationalen Karrieren verhelfen wollte. Und denen er, weil sie ohne ihre Familien in Deutschland lebten, eine Art Ersatzvater sein musste. Nun also kamen die Stars, um gemeinsam jene Champions League zu gewinnen, in der die bisherigen Spieler des Klubs gar nicht mehr antreten durften. Die jungen Russen bestritten derweil den Bundesligaalltag.

Und so spielt dieser beeindruckend fotografierte Film nicht nur rein technisch mit Kontrasten – Stille und Spektakel, trister Trainingsdrill und große Show –, er pendelt auch dramaturgisch zwischen den Gegensätzen: dem Starensemble einerseits, das letztlich nicht die Champions League, aber den deutschen Pokal gewinnt; und andererseits den russischen Jungprofis, die, von Heimweh und Selbstzweifeln geplagt, vergeblich auf ein Ende des Krieges und bessere Zeiten hoffen – und über ihrer ausweglosen Lage auch ihren Coach Mazunov mehr und mehr verlieren.

Es gibt keinen Sprecher in dieser Dokumentation. Alle Zusammenhänge erschließen sich aus Gesprächen der Protagonisten mit Medien und vor allem untereinander, wobei man tiefe Einblicke in ihren Profialltag erhält. Eindrücklich, wie Ovtcharov Moregard von den strikten Trainingsmethoden seines Vaters erzählt. Oder wie Moregard, der als einer der kreativsten und verspieltesten Typen im Weltcupzirkus gilt, im Training an seiner Rückhand verzweifelt. „Hoffnungslos“, sagt er seinem Bruder mit unterdrückten Tränen, „ich bin zu nichts zu gebrauchen.“

Der große Eklat wird erst gegen Ende thematisiert: der Streit zwischen Verein und Liga, der letztlich zur Auflösung des TTC Neu-Ulm führt.

Natürlich bringt der Film manchen Ballwechsel in einer atemberaubenden Dynamik auf die große Leinwand, die selbst Insider weder aus der Halle noch vom Fernsehen kennen. Dennoch, sagt Regisseur Egert, sei er „nicht mit einem Tischtennisblick an die Sache herangegangen“. Womöglich sei das für die Zuschauer ein Vorteil. Sogar ein Verleiher hat sich gefunden, weshalb der Film nicht nur während des Festivals laufen wird, sondern 2026 noch einmal in die Kinos kommt. Ihm sei besonders der Klubtrainer ans Herz gewachsen, erzählt Egert: Mazunov, 53, wie er sich den Pokalerfolg mit den Stars auf den Rücken tätowieren lässt. Und Mazunov, wie er verzweifelt und letztlich vergeblich versucht, seine jungen russischen Schüler aus ihrer Hoffnungslosigkeit zu befreien. Bis schließlich auch deren gemeinsamer Weg endet.

Die weiteren Spieltermine von „Ping Pong Paradise“: So., 11.5., 18.30 Uhr, Atelier 2; Mo., 12.5., 20 Uhr, Liliom Kino Augsburg; Do., 15.5., 18 Uhr, HFF - Kino 2; Sa., 17.5., 14 Uhr, HFF - Audimax; jeweils mit Regisseur Jonas Egert

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:Der letzte Flug des Phönix

An Ostern spielt der TTC Neu-Ulm mit Dimitrij Ovtcharov um den Champions-League-Titel. Unmittelbar nach dem Final Four in Saarbrücken endet dann die kuriose Geschichte eines Klubs, der die Bundesliga seit seiner Gründung vor fünf Jahren ganz schön aufgemischt hat.

SZ PlusVon Andreas Liebmann

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