Am Ende war Geduld gefragt, aber wer sonst hätte so viel davon aufbringen können wie Ding Yaping und Swetlana Ganina. Es war das letzte Einzel im Playoff-Entscheidungsspiel um die Meisterschaft in der ersten Tischtennis-Bundesliga der Frauen, Titelverteidiger TTC Berlin Eastside führte 4:3. Nun also belauerten sich Ganina, ehemalige Europameisterin im Doppel, und Ding, die einst für China zweimal WM-Bronze gewann. Beide sind Abwehrspielerinnen, also versuchten sie, die jeweils andere mit Schnittwechseln und Finten zu verführen und selbst auf die Gelegenheit zum Überraschungsangriff zu warten. Ganina, die 42-jährige Russin, die seit 2017 für Kolbermoor spielt, war sozusagen der junge Hüpfer in diesem Duell - Ding, im Vorjahr noch ihre Mannschaftkollegin und seit diesem Jahr Berlinerin, ist bereits 54.
Ganina verlor den ersten Satz, was an sich nicht tragisch war, denn sie glich aus, ging 2:1 in Führung und hatte damit gute Chancen, das 4:4 zu sichern, ein Unentschieden also. Doch dann wären die Sätze ausgezählt worden in dieser dritten und letzten Begegnung dieses Playoff-Finales, dessen erste Partie Berlin und die zweite Kolbermoor gewonnen hatte, jeweils auswärts. Und schon mit diesem ersten Satzverlust stand fest, dass Berlin nach Sätzen gewonnen hatte und somit einmal mehr deutscher Meister war. Yuan Wan und Ganina hätten ihre letzten Einzel jeweils 3:0 für Kolbermoor gewinnen müssen, um nach Sätzen noch gleichzuziehen, was Wan mit einem 3:1-Sieg gegen Britt Eerland knapp verfehlte und Ganina letztlich etwas deutlicher - sie unterlag Ding nach 42 Spielminuten in fünf Sätzen. "Wir sind enttäuscht, weil wir es in der Hand hatten", sagte Kolbermoors Coach und Abteilungsleiter Michael Fuchs später.
Yu Fu kassiert am Sonntag die entscheidende Niederlage - es ist ihr Abschiedsspiel für Kolbermoor
Die entscheidende Niederlage hatte ausgerechnet die zuvor so zuverlässige Portugiesin Yu Fu bezogen. Im vorderen Paarkreuz, so hatte Fuchs vor der Serie orakelt, sei "zwischen 0:4 und 4:0 alles möglich", eigentlich aber doch im schlimmsten Fall nur ein 1:3 - weil Berlins deutsche Meisterin Nina Mittelham seiner routinierten Nummer eins Yu nun mal so wunderbar liege. In den ersten beiden Partien behielt Fuchs damit Recht, zweimal setzte sich Yu ohne Satzverlust durch, doch am Sonntag verlor sie erstmals einen Durchgang, vergab im vierten Satz zwei Matchbälle - und verlor, 13:11, 11:9, 9:11, 11:13, 8:11. "Das war ein Punkt, den wir holen mussten", wusste Fuchs. Der Knackpunkt.
Der in Berlin laut Fuchs "unglaublichen" Kristin Lang, die an zwei Tagen vier knappe Einzel für Kolbermoor gewann, hatte am Samstag Yuan Wan mit zwei Siegen gegen Ding Yaping und Britt Eerland erfolgreich assistiert, tags darauf aber hatte Ding wieder ihre ganze Erfahrung ausgespielt und die 21 Jahre Jüngere mit einer offensiveren Taktik überrumpelt. Immerhin setzte sich Wan danach erneut gegen Eerland durch, obwohl Berlins Holländerin als Weltranglisten-27. gegenüber Wan (163) klar favorisiert war. "Sie hat sich erstmals richtig belohnt", lobte Fuchs.
Vielleicht müsse man noch ein paar Nächte darüber schlafen, aber eigentlich, findet Fuchs, "können wir trotzdem stolz sein". Die knappen Niederlagen im Pokal- und im Meisterschaftsfinale hätten ja gezeigt, dass man mithalte mit dem Serienmeister, zweimal Vize sei auch etwas wert. Einige Weichen für die kommende Saison sind nun schon gestellt: Lang und Ganina haben laufende Verträge, Wan habe den ihren kürzlich verlängert. Yu Fu allerdings wird zum polnischen KTS Zamek Tarnobrzeg zurückkehren. "Wir hätten sie gerne behalten", versichert Fuchs, doch bei ihrem ehemaligen Klub könne sie wohl häufiger spielen und mehr verdienen.
Kolbermoor hatte sich Yu Fus Dienste nur im Pokal und in den Playoffs geleistet, in der Hauptrunde hatten die Jungen ausgeholfen: Laura Tiefenbrunner, 19, Anastasia Bondareva, 18, Naomi Pranjkovic, 16, Laura Kaim, 15. Deren Zweitligaspiele waren der Pandemie zum Opfer gefallen, nun halfen sie dabei, dass Kolbermoors Erstligateam nach der Hauptrunde Zweiter wurde. Pranjkovic, das nur am Rande, fiel besonders dadurch auf, dass sie im Februar Berlins Mittelham besiegte.
