Vielleicht werden sie sich bald wieder etwas einfallen lassen müssen in Bad Königshofen. Das unterfränkische 6000-Einwohner-Städtchen im Kreis Rhön-Grabfeld beherbergt seit Jahren einen Tischtennis-Erstligisten, der bekannt ist für seine vielen verrückten Fans. Vor langer Zeit schon haben sie hier eine Tribüne entworfen und selbst gebaut, die sich mit wenigen Handgriffen in fahrbare Einzelelemente zerlegen lässt. Nur so lassen sich Spieltag für Spieltag bis zu tausend Zuschauer in der örtlichen Schulturnhalle unterbringen, was – wenn nicht gerade Timo Boll zu Besuch kam – dem Andrang meist genügte. Bis Fan Zhendong kam.
Der chinesische Olympiasieger ist vor dieser Saison nach Saarbrücken gewechselt. Es war eine aufsehenerregende Personalie, deren Tragweite für die Sportart man auch in Unterfranken spürte: Von Ticketbestellungen aus „Canberra, New York, Peking, Shanghai“ berichtete Teammanager Andreas Albert im Sommer, „von Chinesen aus der ganzen Welt“, die das Spiel des TSV Bad Königshofen gegen Saarbrücken sehen wollten. 3000 Karten und mehr hätte man verkaufen können, sagte Albert. Und nun, einige Monate später, meldet der Verein selbst die Verpflichtung eines chinesischen Weltklassespielers. Xue Fei, 26, soll dem Tabellenletzten in der Rückrunde den Klassenerhalt sichern helfen.
Der Penholderspieler zählt zur zweiten Garde der Tischtennis-Großmacht, sein Wechsel ist dennoch ähnlich bemerkenswert. Denn während Fan sich nach Beendigung seiner internationalen Karriere selbst für das Abenteuer Europa entschieden hatte, als Privatmann gewissermaßen, ist Xue der erste aktuelle Nationalspieler seit sehr vielen Jahren, dem sein Verband eine Freigabe für die Bundesliga (TTBL) erteilt. Von der ersten Kontaktvermittlung bis zum Einverständnis von Nationaltrainer Wang Hao bedurfte es vieler Gespräche. Albert und sein Verein bauen nun darauf, mit Xues Hilfe den Weg aus dem Tabellenkeller zu finden, aber mit seinem Wechsel verbinden sich weitere Hoffnungen. Denn mit dem chinesischen Nationalkader öffnet sich für die Deutschen zugleich ein riesiger Markt, wenn auch erst einmal nur einen Spalt weit.
Schon der Hype um Fan Zhendong hat sogar dem TSV Bad Königshofen ungeahnte Aufmerksamkeit in China beschert. Der Kanal, den der Verein auf der Plattform Weibo eröffnete, sammelte binnen Wochen 100 000 Follower. Davon erhofft er sich mit Xue Fei nun noch ungleich mehr, vielleicht ja sogar einen chinesischen Großsponsor. Wobei: Erst einmal muss Xue natürlich an der Platte stehen. Der nicht weit entfernte Ligarivale Mühlhausen aus Thüringen hatte vor Jahresfrist gleich zwei chinesische Topspieler unter Vertrag genommen. Trotz Zusagen – die nur für die eigenständige Champions League galten – kam nur ein einziger Einsatz zustande.
Seit Fan Zhendongs Wechsel wird die Bundesliga auch in China übertragen
Die Bundesliga nimmt die neue Personalie jedenfalls begeistert auf. „Das ist eine großartige Bereicherung“, schwärmt TTBL-Chef Nico Stehle, Xue Fei bringe viel mehr mit als nur sportliche Qualität. Seit Fans Wechsel übertragen gleich zwei Anbieter deutsche Ligaspiele in China, berichtet er, die TTBL sei auf chinesischen Social-Media-Plattformen sprunghaft auf knapp 400000 Abonnenten gewachsen. Und Stehle hofft, dass sich diese Entwicklung durch Xue verstetigt und weitere Nachahmer findet. „Das kann uns viele Türen öffnen.“
Stehle ist sich mit den Unterfranken einig in der Einschätzung, dass Xues Weltranglistenplatz – aktuell 69, Karrierehöchstwert 36 – nicht seinem wahren Leistungsvermögen entspricht. Hinter den absoluten Spitzenleuten kommt Chinas zweite Reihe kaum zu internationalen Einsätzen und damit kaum zu Punkten. „Wer Chinas Nationaltrikot überstreifen darf, hat große Qualität“, sagt Stehle. Xue hat in diesem Jahr etwa den deutschen Top-Ten-Spieler Dang Qiu bezwungen und gleich zweimal den Weltranglistenfünften Tomokazu Harimoto aus Japan, zuletzt mit 3:0 in Macau. Wer das überwiegend chinesische Publikum im Video beim verwandelten Matchball kreischen hört, ahnt, dass es auch in Bad Königshofen bald noch etwas lauter zugehen könnte als bisher.


