Tischtennis-Bundestrainer Jörg Roßkopf "Die Chinesen haben ein paar Sorgen"

Unglaublich gut in Form, und das mit 36 Jahren: der deutsche Tischtennisprofi Timo Boll.

(Foto: dpa)

Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov revolutionieren die Tischtennis-Welt, sind sogar besser als die Chinesen. Wie kann das sein? In der SZ spricht Bundestrainer Jörg Roßkopf.

Interview von Ulrich Hartmann

Die Tischtenniswelt gerät aus den Fugen, China kriselt, die Revolutionsführer sind zwei Deutsche. Timo Boll, 36, hat in diesem Herbst den Olympiasieger und Weltmeister Ma Long besiegt sowie gleich zweimal binnen drei Wochen den Asienmeister Lin Gaoyuan. Dimitrij Ovtcharov, 29, gewann im Zuge seines Triumphs bei den German Open in Magdeburg gegen Yan An sowie im Halbfinale zum ersten Mal in seiner Karriere gegen den WM-Zweiten Fan Zhendong. Nie zuvor haben deutsche Tischtennisspieler derart viele Chinesen besiegt. Bundestrainer Jörg Roßkopf, 48, ist darüber glücklich, macht sich aber keine Illusionen über die künftige Rollenverteilung im globalen Tischtennis.

SZ: Herr Roßkopf, Dimitrij Ovtcharov und Timo Boll sind momentan die besten Spieler der Welt. Sind die beiden so stark oder die Chinesen so schwach?

Roßkopf: Beides. Dima und Timo spielen zurzeit mit sehr viel Selbstvertrauen und schwimmen auf einer Welle des Erfolgs. Sie hetzen von Turnier zu Turnier und haben kaum Zeit fürs Training. Zu Beginn einer Woche klagen sie über Müdigkeit, aber am Wochenende steigern sie sich trotzdem jedes Mal wieder zu Höchstform. Und die Chinesen haben schon ein paar Sorgen. Ma Long hat Handgelenksprobleme und war in Magdeburg nicht dabei, Xu Xin ist nach einer Verletzung noch nicht wieder richtig fit, und Lin Gaoyuan ist zwar ein guter Spieler, aber nicht gerade der überragende. Zhang Jike ist eigentlich nur noch für die Show unterwegs. Zurzeit funktioniert nur Fan Zhendong, und dass Dima ihn geschlagen hat, beweist, wie gut wir zurzeit sind.

Applaus für seine Spieler: Bundestrainer Jörg Roßkopf bei den German Open in Magdeburg.

(Foto: Marco Steinbrenner/imago/Kirchner-Media)

Bei den Chinesen gibt's aber auch Stress. Cheftrainer Liu Guoliang wurde abgesetzt. Die Spieler haben bei den China Open im Juni deswegen sogar gestreikt.

Ich glaube, seine Absetzung wird überschätzt. Die deutschen Spieler würden auch nicht plötzlich schlecht spielen, wenn ich suspendiert würde. Nein, China ist zurzeit ohne System. Es gibt ein paar Machtkämpfe, Trainer wurden abgesetzt. Es war lange nicht klar, wann die chinesische Liga gespielt wird. Die Spieler mussten eine Pause einlegen, dadurch haben ihnen Wettkämpfe auf hohem Niveau gefehlt. Und die Spieler werden älter. Ma Long und Xu Xin spielen schon unglaublich lange auf sehr hohem Niveau. Kommen dann noch Verletzungen hinzu, schmerzt es doppelt.

Ist Chinas Dominanz zu Ende?

(lacht) Da sind wir uns alle ganz, ganz sicher, dass die Chinesen ab Januar ihr Trainingspensum wieder nach oben fahren und bei der Mannschafts-WM im Mai in Schweden auch wieder der ganz große Favorit auf den Titel sein werden. Es gibt zurzeit ein bisschen Hoffnung für uns, aber es ist nicht so, dass China wankt und fällt. Ma Long, Fan Zhendong und Xu Xin in Topform sind weiterhin schwierig zu bezwingen.

Warum spielt Timo Boll mit 36 Jahren noch so phänomenal?

Timo ist schlichtweg ein begnadetes Talent. Er strahlt eine Ruhe aus und ist im Aufschlag-Rückschlag-Spiel vielleicht sogar der beste Spieler der Welt. Es ist Wahnsinn, dass er schon so lange auf so hohem Niveau spielt. Er braucht über einen Rücktritt nicht nachzudenken. Ich plane mit ihm bis 2020 und darüber hinaus.