Die meisten Tränen waren schon vor Wochen geflossen. Am Marktplatz der unterfränkischen Kleinstadt Bad Königshofen hatte sich eine stattliche Delegation versammelt, um die japanische Familie Ueda zu verabschieden. Nicht ganz zwei Jahre hatten sie hier gelebt, ein Ehepaar und zwei kleine Kinder, sie waren schnell Teil der Ortsgemeinschaft geworden, zu der auch ein familiär geführter Tischtennis-Erstligist gehört. Dann aber stand die Trennung an, und fast alle hatten feuchte Augen. Jin Uedas Zweijahresvertrag lief mit Saisonende aus, die Familie hatte sich zur Rückkehr in die Heimat entschlossen. Aber weil der TSV Bad Königshofen mit Ueda nun mal recht erfolgreich war, schickte er seine Familie voraus. Er hatte noch etwas zu Ende zu bringen.
Ganz am Anfang, da hatte es eher bemüht höflich geklungen als wirklich realistisch, was der inzwischen 33-jährige Ueda ankündigte. Er wolle seinem neuen Team helfen, erstmals in dessen Geschichte die Playoffs zu erreichen. Dabei hatte Ueda selbst eine schwierige Zeit hinter sich, war in der heimischen Liga kaum noch eingesetzt worden wegen seines Alters, hatte die internationale Karriere beendet und eine Art Burn-out überwunden. Und sein neuer Klub war ja nun nicht zufällig noch nie in den Playoffs der besten vier Teams gewesen, sondern weil er mit deutlich geringeren Mitteln hantiert als die Branchengrößen der Tischtennis-Bundesliga (TTBL). Und dann war auch noch schiefgegangen, was schiefgehen konnte: Weil der TSV ein Formular für den Wechsel vergessen hatte, durfte der nach Bad Königshofen umgezogene Ueda eine gesamte Vorrunde lang nicht eingesetzt werden. Und Kilian Ort, das Eigengewächs, fiel mit Bandscheibenproblemen komplett aus.
„Wir haben mehr erreicht als gedacht“, sagt Teammanager Andreas Albert
Um es kurz zu machen: Ueda überrollte die Liga dann zwar nicht, aber er leistete viele entscheidende Beiträge dazu, dass es der TSV tatsächlich in die Playoffs schaffte. Im ersten und auch im zweiten Jahr. Dass am Sonntag im Halbfinale erneut Schluss sein würde, war zwar irgendwie absehbar, nach dem 1:3 im Hin- ging auch das Rückspiel bei Rekordmeister Borussia Düsseldorf verloren. Aber wie, das war weniger vorhersehbar. Denn die Gäste zwangen den Favoriten diesmal ins Schlussdoppel, verloren dort dann aber trotz ihrer gefürchteten Doppelstärke in drei äußerst knappen Sätzen. Endstand 3:2.
Teammanager Andreas Albert hatte zuvor schon festgehalten: „Wir haben mehr erreicht als gedacht.“ Zweimal mit einem der kleinsten Etats der Liga unter die besten vier zu kommen, dabei einmal den viermaligen Meister Ochsenhausen hinter sich zu lassen und diesmal den ambitionierten TTC Fulda-Maberzell um Dimitrij Ovtcharov, „das erfüllt uns alle mit Stolz“.
Und nun zeigten sie ein letztes Mal, dass das kein Zufall war, dass sie auch gegen Topteams in Bestbesetzung mithalten können. Allen voran Ueda. Im Hinspiel hatte noch der Kroate Filip Zeljko den Ehrenpunkt geholt, gegen Timo Boll, der auf Abschiedstour ist. Wäre ihm das am Sonntag erneut gelungen, es hätte glatt zum Sensationssieg für die Unterfranken gereicht und damit zu einem entscheidenden dritten Playoff-Spiel. Doch Altmeister Boll behielt diesmal die Oberhand, und das war auch dringend nötig. Denn Ueda glich nach den Niederlagen von Bastian Steger und Zeljko jeweils aus, durch Viersatzsiege gegen Anton Källberg und Dang Qiu.
Und dann hieß es also ein allerletztes Mal auch für die Bad Königshöfer Abschied nehmen. Kilian Ort, dessen Bandscheibenschaden ihn letztlich zum verfrühten Karriereende zwang, war schon beim letzten Hauptrundenheimspiel emotional verabschiedet worden. Für Ueda und den Doppelspezialisten Martin Allegro galt das zwar auch, aber sie durften eben bis zur Partie in Düsseldorf noch etwas weiterspielen. Allegro wird nun zum TTC Grenzau wechseln. Das Team für kommendes Jahr steht, verpflichtet wurden das deutsche Toptalent Andre Bertelsmeier und der österreichische Routinier Daniel Habesohn. Ein Platz, um für Notfälle einen Asiaten nachzuverpflichten, wäre damit noch frei, sagt Albert, was aber eher nach einer Lebensversicherung im Falle von Abstiegsgefahr klingt als nach dem Ansinnen, gleich noch ein drittes Mal auf die Playoffs zu schielen.
Ueda jedenfalls hat Wort gehalten. Künftig wird er als Privattrainer für Shunsuke Togami arbeiten, die Nummer 30 der Welt. Und er wird in Tokio endlich seine Familie wiedersehen.

