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Tischtennis:40:2 Siege

August 10 2019 Lima Lima Peru Table tennis Tischtennis Gaston Alto from Argentina in action at

„Ein sehr familiärer Mensch“: Gaston Alto, hier 2019 bei den Pan Am Games in Lima, fühlt sich in Windsbach offenkundig wohl.

(Foto: Carlos Garcia Granthon/imago)

Der Argentinier Gaston Alto ist in der Weltrangliste im Top-100-Bereich zu finden - und in der viertklassigen Regionalliga beim TSV Windsbach.

Andras Podpinka ist etwas in die Jahre gekommen. Er wird nicht böse sein, wenn er das liest, seine erste Teilnahme an einer Tischtennis-Weltmeisterschaft, damals für sein Heimatland Ungarn, ist nun mal 35 Jahre her. Nach der Flucht in den Westen folgten sieben weitere WM-Auftritte, alle für Belgien, mit dessen Mannschaft er 2001 Silber gewann. Der Neffe der ungarischen Tischtennis-Legende Tibor Klampar war einst die Nummer 23 der Weltrangliste, heute hat er ein kleines Bäuchlein und seine weißen Haare lassen ihn älter aussehen, als er tatsächlich ist. Was ihn dagegen jünger wirken lässt als jene 51 Jahre, die er vor Kurzem erreicht hat, ist seine Spielweise: Immer eng am Tisch stehend, attackiert er kompromisslos nahezu jeden Ball. Seine Laufwege verkürzt das ebenso wie die Reaktionszeiten - die eigenen, aber auch die der Gegner.

Vielen geht das schlicht zu schnell. Wenn Podpinka trifft, gibt es wenig auszurichten. Das erklärt vielleicht nicht nur seine imposante Einzelbilanz von 22:4 Siegen, die er für den TuS Fürstenfeldbruck in der Regionalliga Süd geholt hat, sondern ein bisschen auch, was ihm vor einigen Wochen gegen den TSV Windsbach gelang. Da bezwang er einen gewissen Gaston Alto, gar nicht mal knapp, 11:7, 11:9, 10:12, 11:4. Noch erstaunlicher als das Ergebnis ist es, dass er in der vierten Spielklasse überhaupt auf einen solchen Gegner traf. Denn auch Alto, der Argentinier, war mal nicht schlecht in der Weltrangliste, er stand auf Position 95. Und zwar, Moment, mal nachsehen ... im Februar 2020.

Häufig spielt Mäzen Staudacher selbst als Ersatzmann mit, auch wenn er die Einzel selten gewinnt

Mit 34 ist Alto nicht wirklich in die Jahre gekommen, er hat dichtes schwarzes statt lichtes weißes Haar, und auch kein Bäuchlein - wenngleich er ein klitzekleines bisschen stämmig wirkt, ein Hauch von Ailton. Jedenfalls stand er noch nie so weit vorne in der Weltelite wie vor einigen Wochen, als er auf Podpinka traf, irgendwo zwischen hohem Amateur- und semiprofessionellem Leistungssport. Was hat ein Mann wie Alto in der Regionalliga verloren?

Podpinkas Vereinskarriere ist leichter zu skizzieren. Nach allerhand europäischen Erstliga-Stationen trat er kürzer, spielte in der zweiten Liga für Hilpoltstein, dann für Fürstenfeldbruck, wo er sich als Jugend- und Spielertrainer irgendwann in die zweite Mannschaft begab. Als der Klub sich aus dem Profisport zurückzog, verhalf er ihm als Anführer wieder zu Aufstiegen: von der Bayern- über die Ober- in die Regionalliga. Nun hat sein Verein erneut einen Rückzug beschlossen, hinab in die Landesliga, den Podpinka als Spieler nicht mehr mitgehen will. Als Trainer soll er bleiben.

Die Frage nach Gaston Alto kann dagegen nur einer beantworten. Er heißt Andreas Staudacher, ist beim mittelfränkischen TSV Windsbach Mannschaftsführer und für die Finanzierung des Kaders zuständig. "Er hat einen gewissen Ehrgeiz, die Mannschaft voranzubringen", sagt Abteilungsleiter Karl-Heinz Mertel. "Wenn man höherklassig spielen will, braucht man Kapital, und unsere Sparte hätte da nur begrenzte Möglichkeiten." Aber Staudacher regelt alles, er besorge die Spieler, die erste Mannschaft sei daher etwas abgekoppelt vom Rest des Vereins, "ein Satellit". Häufig spielt Staudacher selbst als Ersatzmann mit, auch wenn er erst eines seiner 14 Einzel in dieser Saison gewonnen hat. "Das macht mir nichts aus", sagt er, "ich kümmere mich vor allem ums Management und darum, dass die Stimmung gut ist."

Die Sache mit Alto sei ein glücklicher Zufall gewesen. Vor zwei Jahren haben sie über einen Bekannten den Kontakt bekommen, eigentlich auf der Suche nach jemandem, der beim Aufstieg aus der Oberliga helfen könne. Der erledigte sich dann von allein, weil der TSV überraschend als Viertplatzierter nach oben durfte. Alto blieb die fünfte Liga also erspart. Anfangs habe man nicht gewusst, wie gut der Neue war, erzählt Staudacher, "da war er noch kein Top-100-Spieler". Die Weltrangliste dürfe man aber ohnehin nicht zu ernst nehmen. Abdel-Kader Salifou zum Beispiel, Stammkraft im ersten Erstligajahr des TTC Neu-Ulm, ist nur auf Rang 195 zu finden, Kilian Ort vom TSV Bad Königshofen auf 188. "Kilian Ort ist aber viel stärker als Gaston", versichert Staudacher. Trotzdem ist der Argentinier natürlich viel zu gut für die vierte Liga, selbstverständlich könnte er weiter oben spielen, lukrativere Angebote hätte er. Seine erste Saison für die Mittelfranken endete mit einer 20:0-Bilanz. Auch Podpinka, den Alto übrigens vom gemeinsamen Training in Bad Aibling gut kennt, bezwang der Argentinier damals. Im zweiten Jahr steht er aktuell bei 20:2 Siegen.

Nächste Saison soll das Team aufsteigen - ein Ausnahmespieler allein genügt dafür nicht

Alto, so erklärt es Staudacher, sei ein sehr familiärer Mensch, der sich in Windsbach wohlfühle; der es zu schätzen wisse, dort ohne großen Druck etwas Geld zu verdienen; der eben keiner jener Zwanzigjährigen mehr sei, "die täglich von früh bis spät trainieren". Sofern sein Verband einwillige, erhält er je Hin- und je Rückrunde ein Dreimonatsvisum, diese Zeit verbringt die Nummer zwei Argentiniens dann in Bayern. Auch für die kommende Saison ist er ab September wieder fest eingeplant.

Der Deutsche Tischtennis-Bund und die meisten Landesverbände haben die Saison wegen der Pandemie bislang nur unterbrochen; der Bayerische Tischtennis-Verband hat seine für beendet erklärt. Was das für Auf- und Abstiege bedeutet, ob etwa die Hinrundentabelle gewertet wird, der letzte aktuelle Stand, oder ob die gesamte Spielzeit annulliert wird, ist offen. Für die erste Mannschaft des TSV Windsbach ist das unerheblich. Nach Rang sechs im ersten Alto-Jahr stand sie zuletzt auf Rang drei, ohne Chance auf den Aufstieg. Heikel ist die Lage für die zweite Mannschaft, die auf Aufstiegskurs in die Verbandsoberliga lag. In ihr spielen einige Talente, die der Verein vor ein paar Jahren hervorbrachte. "Ein Jahrgang, in dem alles gepasst hat", sei das gewesen, erklärt Spartenchef Mertel, und Staudacher sagt: "Das wäre ein herber Rückschlag, wenn das nicht klappt, das war unser Ziel. Aber wir hoffen noch."

Nächste Saison soll dann die erste Mannschaft aufsteigen. Die muss attraktiv sein, glaubt Staudacher. Dazu werde ein weiterer Neuer kommen, von ähnlichem Niveau wie Alto. "Ein junger Spieler aus dem europäischen Ausland", mehr könne er nicht verraten. Klar ist: Ein Ausnahmespieler allein genügt nicht in einer Sechsermannschaft. Ab der dritten Liga wird zu viert gespielt, da ist es einfacher. "Wir wollen uns den Erfolg nicht zusammenkaufen", beteuert Staudacher, der sich einen "Ur-Windsbacher" nennt; ihm sei es wichtig, dass menschlich alles passt. Gerne würde er mehr deutsche Spieler aus der Umgebung holen, wie Tobias Ehret und Denis Emter, die zum Stammsextett zählen, gleich hinter den Tschechen Jan Urbanek und Petr Husnik. Doch das Angebot sei begrenzt in Franken. Das gehe allen so. Beim TTC Kist zum Beispiel spielt Jorge Campos, 28. Der Kubaner nahm 2016 an Olympischen Spielen teil, das hat er sogar Podpinka und Alto voraus. Kist ist ein solider Fünftligist.

© SZ vom 31.03.2020

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