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Timo Werner:Vorne pickt der Habicht

Deutschland - San Marino

Timo Werner: "Ich glaube, meine große Stärke ist meine Variabilität"

(Foto: dpa)
  • Timo Werner ist zurzeit Deutschlands einziger Topstürmer.
  • Anders als seine Vorgänger auf der Position der DFB-Team ist er kein echter Neuner.
  • Mit Seeler, Müller und Völler verbindet ihn aber doch eines: Es zieht ihn immer Richtung Tor.

Timo Werner kennt natürlich Rudi Völler. Er weiß, dass Völler dieser weißbärtige Manager ist, der immer ja, gut, sischerlisch sagt und trotzdem aussieht, als sei er das Oberhaupt einer italienischen Großsippe. Timo Werner kennt auch Karl-Heinz Rummenigge, der so oft es geht am Ende des Tages sagt und in seiner Eigenschaft als Vorstandschef des FC Bayern vielleicht irgendwann mal ein Vertragsangebot für Timo Werner vorbereiten wird. Selbstverständlich weiß Werner auch, wer Horst Hrubesch ist. Das ist dieser nette und auch irgendwie coole Onkel, der sich beim DFB für jeden Job eignet, der neu zu besetzen ist (Vorsicht, Reinhard Grindel!). Von Jürgen Klinsmann hat Timo Werner auch schon viel gehört, der "Klinsi" war und ist ein Held in der Stadt, aus der auch Timo Werner stammt (Stuttgart). Und sogar ans Spiel um Platz drei bei der WM 2006 kann Werner sich noch erinnern, er war damals zehn. Das Spiel fand in Stuttgart statt, und der Teamchef hieß Jürgen Klinsmann.

"Aber alles, was vor 2006 passiert ist, ist mir nicht mehr richtig präsent", sagt Werner, 22, "ich bin ganz ehrlich: Als junger Spieler beschäftigt man sich nicht so sehr mit der Vergangenheit."

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So etwas hat Timo Werner also nicht drauf (und das muss er ja auch nicht): Dass Rudi Völler und Karl-Heinz Rummenigge im WM-Finale 1986, obwohl angeschlagen, je ein Tor geschossen haben. Dass Horst Hrubesch im EM-Finale 1980 zwei Tore erzielte, das zweite nach einer Ecke von Rummenigge, der den Fotografen an der Eckfahne vorgewarnt hatte ("stell die Linse scharf, gleich knallt's").

Jürgen Klinsmanns irres Spiel gegen die Niederlande bei der WM 1990, Klaus Fischers Fallrückzieher? Uwe Seelers Hinterkopf? Alte Geschichten. Vielleicht irgendwann mal gehört, aber nie gesehen.

Er habe großen Respekt vor den Stürmern von damals, sagt Werner, "aber ich will ja in der Zeit leben und spielen, in der ich bin. Und zum Glück ist das eine Zeit, in der man mit Messi und Ronaldo zwei der Besten aller Zeiten sehen kann".

Timo Werner ist Fußballprofi, kein Sporthistoriker, er muss in keine Archive steigen und keine alten Bilder auswerten, die der Full-HD-Generation zu krisselig und sowieso zu schwarz-weiß sind. Manchmal, erzählt er mit einem Schmunzeln, gerate er beim Zappen zufällig in Best-of-Sequenzen der Saison 2007/'08 oder so, und selbst das kommt ihm dann trotz nachweislichen Farbbildes ein bisschen grau vor. Ja, der Fußball ist schnell, wenn auch vielleicht nicht ganz so schnell wie Timo Werner.

Joachim Löws Mittelstürmer spürt sehr genau, was das Kuriose an seiner noch jungen Karriere ist: dass die Nation sehnsüchtig auf einen wie ihn gewartet hat und dass sie ihn ohne zu fragen einsortiert in eine Ahnengalerie, mit der er gar nichts anfangen kann. Werner weiß natürlich, wer Gerd Müller ist, die größte Nummer neun dieser und anderer Welten, er hat auch mitbekommen, dass Deutschland sich spätestens seit Müller als Neunerland begreift.

"Ich bin quasi ohne klassisches Mittelstürmer-Vorbild aufgewachsen"

Aber wie so eine gute, alte Neun wirklich drauf ist, wie sie Fußball spielt, das kann er sich höchstens erzählen lassen. Er fühlt es nicht, er kann es gar nicht fühlen.

Timo Werner ist genau in jene Phase hinein geboren, in der der deutsche Fußball gerade neunerlos war. "Ich bin quasi ohne klassisches Mittelstürmer-Vorbild aufgewachsen", sagt er. Als Timo Werner vom kleinen zum großen Fußballer wurde, waren die Spanier die prägende Elf der Welt, "und die haben ohne echte Neun gespielt", sagt er, "da hat David Villa vorne drin gespielt, ein ähnlicher Typ wie heute Marco Reus oder auch ich." Und die Jungs, an denen sich der heranwachsende Werner orientieren konnte und für die er schwärmen durfte, waren eben diese Zwischenwesen, die zu einem Drittel Mittelstürmer, zu einem Drittel Flügelspieler und zu einem Drittel was Neues waren.

"Die prägenden Spieler meiner Jugend waren ja bereits Messi und Ronaldo", sagt er, "seit ich denken kann, wirkt es so, als würden die zwei beim Schnick-schnack-schnuck den Weltfußballer aushandeln."

Es ist also so: Diese Zeit ohne die sogenannten Sturmtanks, die für den deutschen Fußball wie ein Versehen wirkte, ist für Timo Werner völlig normal. Die Ausnahme ist für ihn die Regel. "Ich habe es nur so erlebt, dass der deutsche Spielstil einen beweglichen Stürmer braucht", sagt er, "auch Miro Klose war ja trotz seiner Kopfballstärke kein Brecher. Er ist auch mal in die Halbspur ausgewichen oder auf die Seite, und dann ist er plötzlich vorne aufgetaucht und stand frei. Und auch Mario Gomez war zumindest früher trotz seiner Statur kein reiner Strafraumspieler."