Süddeutsche Zeitung

Bundesliga:Warum Timo Werner noch nicht in der Gerd-Müller-Stadt ist

  • Timo Werner, der mutmaßlich beste deutsche Stürmer der Gegenwart, kann jetzt auch Müller-Tore.
  • Ob der Leipziger Stürmer nach München wechselt, ist aber auch vor den direkten Duellen beider Klubs offen.

Von Christof Kneer

Es war nicht seine schönste Bewegung, aber sie könnte noch wichtig werden. Timo Werner war fast schon zu schnell, als sein Mitspieler Yussuf Poulsen den Ball vom linken Flügel nach innen passte. Timo Werner bremste, stoppte den Ball und legte ihn gleichzeitig wieder ein Stück zurück, er tat das alles in einer einzigen fließenden Bewegung, dann drehte er sich um die eigene Achse, holte aus und schoss den Ball ins sogenannte kurze Eck.

Okay, es war kein 1:0 gegen den FC Liverpool oder Barcelona, es war einfach nur ein 1:0 gegen den SC Freiburg am 31. Bundesliga-Spieltag. Dennoch steckte in diesem Tor viel mehr, als man ihm auf den ersten Blick ansieht. In diesem Tor steckte fast schon die ganze Geschichte.

Ein Tor, das Vergangenheit und Zukunft enthielt

Timo Werners 1:0 war nicht nur ein Tor für die Gegenwart, es war nicht nur das Tor, mit dem sich RB Leipzig, Werners aktueller Arbeitgeber, endgültig für die Champions League qualifizierte. Es war auch ein Tor, das auf eine sehr spezielle Art Vergangenheit und Zukunft enthielt. Wenn man das Tor nun mit zweiwöchiger Verspätung noch mal herbeizappt und wenn man sich die Szene ein bisschen langsamer und vielleicht ein bisschen schwarz-weißer denkt und wenn man in Gedanken dann noch schnell einen anderen Kopf auf diesen Körper montiert: Dann hat man ein reinrassiges Gerd-Müller-Tor vor Augen.

So, auf präzise diese Weise, hat der größte deutsche Stürmer der Vergangenheit viele, viele Tore geschossen, wenn auch niemals gegen RB Leipzig und viel häufiger unter Zuhilfenahme seines Hinterns, mit dem er seine Gegenspieler plausibel beiseiteschob. Und es ist eine doch eher neue Erkenntnis, dass Timo Werner, der mutmaßlich beste deutsche Stürmer der Gegenwart, ebenfalls solche Tore schießen kann, wenn auch ohne Hintern - eine Erkenntnis, die ihn in sehr naher Zukunft tatsächlich zum FC Bayern führen könnte. Zu jenem Klub, der auf den Toren des großen Gerd Müller erbaut worden ist.

Warum der Wechsel sich zieht

Kann Timo Werner auch Gerd Müller? Die Antwort auf diese sportfeuilletonistische Frage ist durchaus entscheidend für den Ausgang eines der spektakulärsten Transfergeschäfte, die dem deutschen Markt bevorstehen. Timo Werner, 23, sei auf dem Sprung nach München, das hört man seit Monaten überall, aber dafür, dass dieser Werner so sündhaft schnell ist, geht dieser Wechsel ganz schön langsam.

In einer einzigen fließenden Bewegung passiert hier jedenfalls gar nichts, was vor allem zwei Gründe hat: Erstens könnte Werner noch zu einer zentralen Figur im Saisonfinale werden, zweimal binnen zwei Wochen begegnet er mit Leipzig den Bayern, am Wochenende erst in der Bundesliga und anschließend im Pokal-Endspiel. Zwei ideologisch aufgeladene Duelle sind zu erwarten, das alte bayerische Festgeld begegnet dem neumodischen Brausegeld aus der Dose, und niemand will dieses Duell mit einer vorzeitigen Wechselmeldung weiter schärfen. Aber dieser Wechsel zieht sich - zweitens - auch deshalb, weil er tatsächlich noch nicht feststeht.

Zwar haben alle beteiligten Parteien - die Klubs, der Spieler und dessen Berater Karlheinz Förster - in unterschiedlichen Konstellationen schon mal gesessen und gesprochen, aber noch gibt es nur ein nicht zusammenpassendes Puzzle aus folgenden Fakten: Werner steht in Leipzig bis 2020 unter Vertrag. In Leipzig lehnen sie es weiterhin ab, den Stürmer im Sommer 2020 ablösefrei zu verlieren, sie müssten ihn also in diesem Sommer verkaufen. Und Werner will nicht nach Liverpool oder sonst wohin, er will nur zum FC Bayern.

In der Gerd-Müller-Stadt

Und genau dort, in der Gerd-Müller-Stadt, sind offenbar noch nicht alle entscheidenden Leute vollständig überzeugt, dass dieser Großraumsprinter sich auch in jenen kleinen Räumen auskennt, die man als Stürmer des FC Bayern meistens nur angeboten bekommt. Leipzigs Trainer-Sportchef Ralf Rangnick hat die Münchner Debatten in dieser Woche noch mal öffentlich gemacht: "Wir wissen konkret von den Verantwortlichen des FC Bayern noch nicht, ob sie ihn wollen und wann sie ihn wollen", sagte er. So um die 30 Millionen Euro, hört man, könnten sich die Bayern als Ablösesumme vorstellen. Die Leipziger finden diese "30" wohl auch eine ganz hübsche Zahl - vorausgesetzt, man multipliziert sie mit zwei.

So ist im Moment tatsächlich kein Tor klein genug, als dass es nicht doch für etwas stehen könnte. Szenen wie jene hinternlose Gerd-Müller-Drehung gegen Freiburg könnten die Münchner zur Überzeugung bringen, dass Timo Werner eben doch der Stürmer ist, den sie zur Zuspitzung ihres Umbruchs brauchen. Mit der Verpflichtung dieses Mittelstürmers würden die Bayern auch den Amtsinhaber Robert Lewandowski nur mäßig verwunden, Werner könnte auch neben, hinter oder links von Lewandowski spielen und wäre im Sinne der Kaderhygiene besser vermittelbar als etwa Frankfurts Luka Jovic, 21, der sich als klassischer Neuner versteht.

Einstweilen können die Leipziger nur abwarten, ob und wann die Bayern den Werner-Transfer forcieren, aber eine geheime Resthoffnung haben sie schon noch bei RB. Leipzigs künftiger Trainer Julian Nagelsmann gilt als Lieblingstrainer der Generation Werner, nach Gesprächen mit ihm funkeln bei den jungen Spielern oft die Herz-Emojis in den Augen, und so spekulieren sie in Leipzig im Stillen mit diesem Szenario: Vielleicht lässt sich Timo Werner von der Perspektive "Champions League/Nagelsmann/gesetzter Mittelstürmer" überzeugen, in den nächsten Wochen seinen Vertrag zu verlängern - womöglich mit einer Ausstiegsklausel für die Gerd-Müller-Stadt.

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Quelle:
SZ vom 11.05.2019
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