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Tim Walter im SZ-Interview:"Der FC Bayern hat noch kein durchgängiges Konzept"

Lesezeit: 7 min

U23-Trainer Tim Walter verlässt die Münchner. Zum Schluss spricht er über die Gründe für den Abschied, Personalentscheidungen nach dem Mia-san-mia-Prinzip und die Jugendarbeit.

Interview von Sebastian Fischer und Christoph Leischwitz

Am letzten Bundesliga-Spieltag gegen den VfB Stuttgart verabschiedeten sich die Fans des FC Bayern von einem Trainer. Sie widmeten ihm mehrere Transparente, zwei zeigten Fotos von ihm, auf einem stand unter anderem: "Charakterstark. Kompetent. Derbysieger." Und: "Danke!" Die Fans meinten nicht Jupp Heynckes, der später die Meisterschale stemmte; ihn feierten sie natürlich auch, doch ihn werden sie erst nach dem DFB-Pokalfinale am Samstag verabschieden. Gemeint war Tim Walter, scheidender Trainer der U23, die in der Regionalliga Bayern den Meister 1860 München zweimal besiegte und Zweiter wurde. Walter, 42, wechselte 2015 vom Karlsruher SC, wo er die U19 trainierte hatte, zum FC Bayern. Die Ablöse soll 200 000 Euro betragen haben. Er übernahm die U17, wurde im zweiten Jahr deutscher B-Jugend-Meister und trainierte ein Jahr lang die zweite Mannschaft. Nun will er Profitrainer werden. Er ist bei mehreren Klubs im Gespräch.

SZ: Herr Walter, nach drei Jahren im Verein verlassen Sie den FC Bayern schon wieder. Warum?

Tim Walter: Natürlich verlässt man so einen Weltklasse-Verein wie den FC Bayern München immer auch mit einem weinenden Auge. Ich hatte hier eine großartige Zeit, durfte den Fußballlehrer machen, die Arbeit eines solchen Spitzenvereins täglich miterleben, hatte sehr gute Trainingsbedingungen und schließlich hat man mir die Möglichkeit gegeben, den Sprung in den Erwachsenenfußball zu machen. Aber nun habe ich für mich entschieden, dass ich mich in meiner Trainerkarriere weiter entwickeln möchte.

Wir sprechen vom größten Klub in Deutschland, mit den größten Möglichkeiten, den höchsten Ambitionen im Nachwuchsfußball, der im vergangenen Jahr ein 70 Millionen Euro teures Nachwuchsleistungszentrum eröffnet hat. Jeder will zum FC Bayern - und da gibt es keine Möglichkeiten, sich zu entwickeln?

Ich habe während meines Sportstudiums als Co-Trainer bei Markus Kauczinski (heute Trainer beim FC St. Pauli, Anm.) in der Jugend beim Karlsruher SC angefangen. Über die Jahre habe ich mich sehr wohl gefühlt dabei, Kinder zu Fußballern zu entwickeln, Jungs groß werden zu sehen. Das war für mich immer der Anreiz, was anderes wollte ich gar nicht. Aber wenn man merkt, dass das gut ankommt, was man macht, dann will man das weiterführen. Es funktioniert, in der U15, U17, U19, U23. Warum soll das nicht auch in der ersten oder zweiten Bundesliga funktionieren?

Wäre es nicht ein Anreiz gewesen, mit der U23 in die dritte Liga aufzusteigen?

Wir hatten leider zu Beginn der Saison nicht die Voraussetzungen, um das zu schaffen.

Sie meinen die Spiele, nach denen Sie sich beklagten, dass Sie nur zu zweit auf der Ersatzbank saßen? Vor der Saison verließen einige Spieler den Verein. Im Sommer fehlten sechs Akteure wegen der Chinareise der Profis. Und hochtalentierte A-Junioren, die Sie gerne gehabt hätten, standen ihnen oft nicht zur Verfügung, weil sie in der U19 spielen mussten.

Da saß nur mein Co-Trainer auf der Bank. Ich habe Spieler aus der Vorsaison weggeschickt, bei denen ich der Meinung war: Sie passen nicht zu Bayern, sie sind zu alt, sie haben nicht die Qualität, die ein Spieler bei Bayern haben muss. Wenn ich zu Saisonbeginn eine wettbewerbsfähigere Mannschaft gehabt hätte, dann wäre der Aufstieg wohl auch möglich gewesen. Das sieht man jetzt.

In der Rückrundentabelle ist Ihre Mannschaft Erster, nach der Hinrunde war sie Siebter. Der Verein hatte den Aufstieg als Ziel ausgegeben.

Es sind aber zwei Paar Schuhe, was man sich vor einer Saison wünscht und was dann machbar ist. Ich habe versucht, mein Bestmögliches zu geben, den Jungs Fußballerisches und Werte zu vermitteln. Mein Ziel war es, im Sinne des Vereins zu handeln, aber auch im Sinne der Spieler.

Das übergeordnete Ziel, formuliert von Uli Hoeneß bei der NLZ-Eröffnung, ist die Ausbildung der nächsten Schweinsteigers und Müllers. Seit David Alaba 2010 hat es kein Spieler aus der Bayern-Jugend dauerhaft zu den Profis geschafft.

Der Anreiz und die Möglichkeiten sind da, definitiv. Aber jetzt haben wir das Ding auch erst mal hingestellt, es braucht noch Anpassungszeit. Der FC Bayern hat in der Jugend noch kein durchgängiges Konzept entwickelt, wo er hin will. Es ist - glaube ich - momentan für den Verein das Wichtigste, Meisterschaften zu holen. Andererseits sollen auch Spieler zu den Profis. Jetzt spielen ja einige aus meiner Mannschaft oder aus der A-Jugend oben, wie Franck Evina oder Lars Lukas Mai.

Aber?

So viele Spieler dauerhaft oben reinzubringen, ist meiner Meinung nach nicht möglich. Wir haben sehr viel Potenzial, Spieler erst mal für andere Vereine auszubilden. Dafür muss man sich über jeden Spieler austauschen, Phasen ausmachen, in denen er bei den Profis spielt, analysieren. Das bedeutet natürlich, dass du miteinander kommunizieren musst.

Und das ist schwierig beim FC Bayern?

Aus meiner Sicht geht da mehr.

In der Klub-Mitteilung zu Ihrem Abschied war von "seriösen Gesprächen" die Rede. Eine ungewöhnliche Formulierung.

Es gab Gespräche. Aber für mich war klar, dass ich eine neue Herausforderung suche. Und für den Verein war auch klar, dass er sich anders orientiert.

Was müsste denn Ihrer Meinung nach anders laufen?

Die dritte Liga ist für Bayern-Spieler, die zu den Profis wollen, noch zu wenig. Da muss der Verein eine Lösung finden, damit sie auf einem Niveau spielen, das zu ihnen passt: zweite Liga oder erste Liga. Die zweite Mannschaft ist super für die Entwicklung, wenn du sie als U19 anlegst. Bei den meisten Klubs ist die zweite Mannschaft ja schon eine U21 und keine U23 mehr, aber ich würde sie noch jünger machen. Seniorenfußball ist wichtig als Erfahrung, egal auf welchem Niveau. Für die Jungs, die körperlich noch nicht so weit sind. Fußballerisch bringt es dich zwar nicht weiter, in Buchbach oder Pipinsried zu spielen. Aber das Drumherum, die schwierigen Plätze, auf denen - salopp gesagt - Kühe grasen, solche Dinge musst du auch erleben, um alles schätzen zu lernen. Der FC Bayern ist eine Wohlfühl-Oase. Die Jungs durch eine Mühle zu schicken, ist extrem wichtig. Und vor allem wegen der Fankultur würde ich die zweite Mannschaft nie abschaffen.

Aber nach der U19 würden Sie Spieler konsequent ausleihen oder aussortieren?

Genau. Immer den Daumen drauf, ausleihen oder eine Rückkaufoption sichern.

Wurden Ihre Ideen mal aufgenommen?

Nachwuchsleiter Jochen Sauer kennt das von Red Bull Salzburg, ich habe mich mit ihm häufig ausgetauscht. Ob dieses Ziel vom ganzen Verein konsequent verfolgt wird, kann ich nicht beurteilen.

"Langfristiger Erfolg geht nur mit mehr Ballbesitz"

Man hat den Eindruck, dass der FC Bayern mehr als je zuvor Personalentscheidungen nach früherer Klubzugehörigkeit fällt. Hasan Salihamidzic ist Sportdirektor, Niko Kovac wird Trainer, Miroslav Klose übernimmt die U17. Ist das komisch für jemanden wie Sie, ohne Erfahrung als Profifußballer und FCB-Vergangenheit?

Nein, so hat halt jeder Verein seine eigene Identität. Ich weiß, dass ich ein guter Trainer bin, das habe ich unter Beweis gestellt. Wenn dann die Vereinsspitze entscheidet, dass sie lieber einen ehemaligen Profi an der Seite stehen hat, ist nicht meine Sache.

Der Verein soll auf der Suche nach Ihrem Nachfolger bei Mehmet Scholl angefragt haben, bevor feststand, dass U17-Trainer Holger Seitz die U23 übernimmt. Das wirkte wie eine Kehrtwende - vom jungen Trainer ohne Erfahrung zu Deutschlands größtem Junge-Trainer-Kritiker.

Ich habe zu Mehmet ein sehr gutes Verhältnis. Wir sind im Austausch miteinander, er hat mir beispielsweise nach dem Derbysieg gegen den TSV 1860 emotional gratuliert, was mich sehr gefreut hat. Es liegt ja für einen Klub auf der Hand, dass man einen Freund bittet, in der Not einzuspringen.

In der Not?

Wenn du keinen Trainer hast, musst du halt gucken, dass du einen bekommst, den man aus nächster Nähe kennt und einschätzen kann. Langfristig und strukturell zu arbeiten, ist dann etwas anderes.

Trainer wie Sie, die in der Jugend Erfolge feiern, sind scheinbar gerade sehr gefragt im Profifußball.

Wenn du einen Cheftrainer suchst, und du hast eine gute Nachwuchsausbildung, ist es ja ganz wichtig, dass du einen nimmst, der auch eine Affinität für den Jugendfußball hat. Julian Nagelsmann oder Christian Titz sind gute Beispiele. Ich sehe mich ja auch als Ausbilder. Und ich glaube, dass ich weiß was nötig ist, um es als Profi zu schaffen.

Und das wäre?

Fußballerische Klasse und Mentalität. Das wichtigste ist Charakter. Der Wille, sich täglich zu verbessern. Mit Spaß, Freude und Enthusiasmus an die Sache ranzugehen. Es ist für mich als Trainer auch wichtig, eigene Kinder zu haben. Seit ich selbst Vater bin (seit neun Jahren, d. Red.), weiß ich: Was für meine eigenen Kinder wichtig ist, darauf legen auch meine "Spieler-Kinder" Wert.

Was bei Ihren Spielen in der Regionalliga auffiel, ist ein mutiger Stil, viel Ballbesitz, gegen den Trend im deutschen Fußball.

Ich würde keinem Kollegen in die Suppe spucken, jeder hat seinen Ansatz. Aber in der Natur des Menschen liegt es nicht, dass er dem Ball hinterherläuft, sondern dass er mit dem Ball spielt. So ist auch meine Trainingsarbeit ausgelegt. Und wenn ich den Ball nicht habe, will ich ihn so schnell wie möglich wiederhaben. Es ist schwieriger, mit dem Ball als gegen den Ball zu spielen. Langfristiger Erfolg geht nur mit mehr Ballbesitz.

Woher kommt Ihr Selbstbewusstsein? Dadurch, dass Sie schon Angebote haben?

Das wird am meisten dadurch geprägt, wie meine Mannschaften agieren.

Was sagen Sie den Sportdirektoren, die aufgrund Ihrer mangelnden Profi-Erfahrung vielleicht skeptisch sind?

Viele Vereine setzen mehr auf die Jugend. Wenn sie langfristig was erreichen wollen, können sie nicht nur mit alten Spielern starten. Dann ist es wichtig, Jungs in die Mannschaft einzubinden. Das habe ich immer gemacht. Ich habe alles erlebt, was der Jugendfußball hergibt und freue mich nun auf einen Verein, der mir das Vertrauen schenkt, mit frischem, mutigen Fußball die Spiele anzugehen.

Domenico Tedesco, 32, hat beim FC Schalke 04 auch ältere Spieler wie Naldo von sich überzeugt. Trauen Sie sich das auch zu?

Natürlich. Es geht ja um zwischenmenschliche Beziehungen, um Empathie. Das ist der entscheidende Aspekt. Ein erfahrener Spieler weiß, wenn er einem jüngeren Trainer gegenübertritt: Der hat noch nichts erreicht. Dann geht es darum, ihn mit Qualität zu überzeugen. Du musst ihm erklären, was du von ihm willst und wie du ihn besser machen willst. Und du musst dazu stehen, nicht beim nächsten Wind umfallen. Es geht um eine Vertrauensbasis.

Jetzt müssen Sie also nur noch einen Profiklub suchen.

Ich suche nicht. Die Vereine suchen mich (lacht).

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Quelle:
SZ vom 17.05.2018/chge
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