Der Fußballer Tim Kleindienst hatte in letzter Zeit öfter mal das Gefühl, dass es für ihn zu spät ist. Erst verpasste der Mittelstürmer von Borussia Mönchengladbach die Teilnahme an der Weltmeisterschaft, weil er nach einer langen Verletzungspause nicht rechtzeitig wieder fit geworden ist. Und als er die WM-Spiele dann gerne im Fernsehen angeschaut hätte, war ihm der Anpfiff mancher nächtlichen Partie einfach zu spät.
„Ich habe die WM-Spiele im Fernsehen angeschaut, so gut es ging“, sagte der 30-Jährige beinahe entschuldigend zu Beginn der ersten Trainingswoche in Mönchengladbach. „Ich muss aber ehrlich sagen, dass ich mich mit den Zeiten schwergetan habe, weil die Elf-Uhr-Spiele für meinen Schlafrhythmus einfach zu spät waren und ich sie deshalb fast nie geguckt habe.“
Das blamabel frühe deutsche Aus der DFB-Elf im Sechzehntelfinale gegen Paraguay fand Kleindienst „bitter“, und wenn man ihn fragt, ob er der Mannschaft mit seiner Kopfballstärke nicht vielleicht doch hätte helfen können, dann sagt er: „Ich weiß ja gar nicht, ob ich überhaupt gespielt hätte oder nur mitgefahren wäre, insofern war alles in Ordnung, wie es war. Und ich will auf solche Gedanken jetzt auch gar nicht mehr viel Energie verschwenden.“
Die nächste WM findet 2030 in Spanien, Portugal und Marokko statt, Tim Kleindienst wird dann 34 Jahre alt sein. Er hat noch nie bei einer WM gespielt, und vielleicht ist es dann auch schon wieder zu spät für ihn. Aber so weit im Voraus denkt der gebürtige Brandenburger momentan gar nicht. Er will in Mönchengladbach erst einmal zurück zum Leistungsoptimum finden nach seiner langen Verletzung und mit der Borussia eine deutlich bessere Saison spielen als die vergangene. Die Mannschaft hat mit 38 Punkten einigermaßen enttäuscht, Kleindienst musste das Malheur untätig beobachten. „Für mich war es eine Scheiß-Saison, weil ich elf Monate raus war“, sagt er zerknirscht, „und darauf, dass ich jetzt wirklich von Tag eins an wieder dabei bin, habe ich lange hingefiebert.“ Er freue sich auf die Saison, „weil ich auch glaube, dass wir ein paar gute Jungs dazubekommen haben, die hier richtig Vollgas geben wollen“.
In den vergangenen 14 Monaten hat Kleindienst tatsächlich nur sechs Minuten Bundesligafußball gespielt – zweimal je eine Minute im November und einmal vier Minuten jüngst im Mai. Der Torjäger hat eine schwierige Zeit ausgerechnet in jener Phase seiner Karriere erlebt, in der er unverhofft ein WM-Kandidat fürs Nationalteam geworden war.
Vor einem Jahr hatte er sich im vorletzten Saisonspiel das Knie verdreht und musste operiert werden. Ende November wurde er, vermeintlich genesen, in zwei Bundesligaspielen kurz vor Schluss für jeweils besagte Minute wieder eingewechselt – doch das kam womöglich zu früh. Im Dezember musste er sich einem arthroskopischen Eingriff am Knie unterziehen und weitere fünf Monate pausieren. Im letzten Saisonspiel Mitte Mai feierte er dann für vier Minuten sein Comeback, aber für eine WM-Teilnahme reichte es nicht mehr.

In seiner ersten Saison für Gladbach hatte der vormalige Heidenheimer 16 Tore geschossen und neun vorbereitet, er war damals maßgeblich daran beteiligt, dass die Borussia unter dem Trainer Gerardo Seoane zwischenzeitlich vom Europapokal träumte. In der darauffolgenden Spielzeit musste er dann eben mitansehen, wie sich Gladbach nach dem Trainerwechsel unter Eugen Polanski schwertat, wie das Team immer wieder auch mental anfällig wirkte und oft die Leidenschaft vermissen ließ. So etwas kann Kleindienst überhaupt nicht leiden.
Der Trainer bleibt, die Co-Trainer sind neu bei Borussia Mönchengladbach
Nun will er wieder entscheidend Einfluss nehmen auf Kampf und Körpersprache. Er gilt in dieser Hinsicht als eine Art Animateur, braucht aber die Mitmachmentalität der Mannschaft. „Ich hoffe, dass mit den Typen, die wir dazu bekommen, unsere Spielweise ein bisschen intensiver wird“, sagt er. Der seit Herbst tätige Sportchef Rouven Schröder hat in seiner ersten großen Transferphase ordentlich zugeschlagen: Die Abwehrspieler David Herold (Karlsruher SC), Jan Leszczynski (Legia Warschau) und Juchim Konoplja (Schachtar Donezk) sowie im Mittelfeld Enzo Leopold (Hannover 96) und im Sturm Isac Lidberg (Darmstadt 98) verleihen der Elf ein neues Gesicht. Trotz mauer erster Saison durfte Polanski Cheftrainer bleiben, dafür ersetzte der Klub die Co-Trainer Oliver Neuville und Guido Streichsbier durch Jan-Moritz Lichte und Markus Gellhaus.
Kleindienst wünscht sich, dass die Bundesligakonkurrenz die Borussia künftig mit den – positiv gemeinten – Attributen „unangenehm“ und „eklig“ verbinden wird. Zuletzt war die Borussia ja eher angenehm und höflich. „Wir könnten die Basics langsam wieder ein bisschen hochschrauben“, sagt er über jene Eigenschaften, wie sie auch das Nationalteam bei der WM vermissen ließ.
Sollte es in Gladbach gut laufen, würde er sich automatisch auch wieder für die Nationalmannschaft empfehlen. Sehr viele robuste Mittelstürmer mit Führungsspieler-Qualitäten wie den 1,95-Meter-Mann gibt es in Deutschland ja nicht, das sieht womöglich auch ein neuer Bundestrainer namens Jürgen Klopp so.
Die Veränderungen an der Spitze der Nationalmannschaft bewertet Kleindienst sehr zurückhaltend. Er ist mit Julian Nagelsmann gut ausgekommen, hält viel von ihm. „Alles, was nach dem WM-Aus passiert ist, habe ich nur auf meinem Handy in der Kicker-App gelesen“, sagt er lachend, wird dann aber schnell ernst: „Ich finde es schade, weil Julian Nagelsmann für mich ein guter Trainer war.“ Wenn man Kleindienst fragt, was er von Klopp hält, sagt er: „Ich hatte Klopp noch nie, deshalb kann ich ihn nicht beurteilen.“
Gut möglich, dass er ihn bald einmal hat – dass sie einander also kennenlernen. Nach einem Jahr Verletzungspause ist Tim Kleindienst willens und in der Lage, in beiden Mannschaften den Nahkampf zu intensivieren.


