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Hans Tilkowski:Der Torwart von Wembley

Hans Tilkowski gestorben

Das „Wembley-Tor“ anno 1966: Aus Sicht von DFB-Torwart Tilkowski ist der Schuss von Geoff Hurst (nicht im Bild) eindeutig nicht drin.

(Foto: dpa)

"Nein, er war nicht drin": Zum Tod von Hans Tilkowski, der das berühmteste Gegentor der WM-Geschichte kassiert hat.

Es gibt Menschen, die sind dermaßen mit einer Episode der Historie verwoben, dass sie sich kaum mit Namen vorzustellen brauchen. Sondern nur mit dem Ort eines Geschehens, das sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Etwa im Fußball.

"Wenn man auf meinen Grabstein eines Tages nur ,Hamburg 1974' schreibt, weiß jeder, wer darunter liegt", sagte einmal Jürgen Sparwasser, damals - ja, genau - Schütze des 1:0-Siegtores der DDR gegen den späteren Weltmeister BRD. Hans Tilkowski wiederum war, im Grunde Zeit seines Lebens, mit einem 1966 entstandenen, erstaunlicherweise im Duden nicht aufzuspürenden Neologismus namens "Wembley-Tor" verbunden. Tilkowski stand für die DFB-Elf im Tor, als der englische Stürmer Geoff Hurst den Ball mit solcher Gewalt im Wembley-Stadion in London an die Querlatte schoss, dass er gen Torlinie knallte und dann ins Feld zurücksprang. Und so wie Helmut Rahn immer wieder das Wunder von Bern erklären musste, sprich: sein Tor zum 3:2-Sieg gegen Ungarn beim WM-Finale 1954, so verfolgte Tilkowski eine Frage zum umstrittensten Tor der Fußball-Geschichte, 1996 wurde sie sogar zum Titel eines monografischen Buchs über "das dritte Tor". Die Frage hieß: "Drin oder Linie?"

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WM 1966

Das andere Wembley-Tor

Das 3:2 im WM-Finale 1966 ist heftig umstritten. Aber das Tor danach hätte in diesem Spiel nie zählen dürfen.

Manchmal, so jedenfalls geht die Legende, entbot Tilkowski dem Gegenüber seine Antwort darauf unvermittelt zur Begrüßung, und sie lautete selbstverständlich: "Nein, er war nicht drin." Am Sonntag verstarb Tilkowski im Alter von 84 Jahren. In dem Wissen, dass Forscher der Universität Oxford schon 1995 per Computeranimationen, also lange vor Einführung der Torlinientechnologie und des Videoschiedsrichters, zum Schluss gekommen waren, wie richtig Tilkowski lag.

Tilkowski wurde 1935 in Husen geboren, das heißt: als Sohn eines Bergmanns, denn in jenem Dortmunder Stadtteil stand seinerzeit eine der größten Bergwerksanlagen des Potts. Tilkowski stammte aus einer Zeit, da Fußballer nicht aus Nachwuchsakademien kamen, sondern - wie er - gelernte Schlosser waren und die Bälle nur bei schlechtem Wetter mit Handschuhen festhielten - mit selbstgestrickten Handschuhen, versteht sich. Er war aber auch das Paradigma des nüchternen Torhüters, den man später lange vermissen sollte, und der zumeist eine schwarze, an Trauerkleidung gemahnende Uniform trug. Der Engländer Gordon Banks, der Spanier José Ángel Iríbar und der wohl legendärste aller Keeper, Lew Yashin, waren auch stilistisch Zeitgenossen Tilkowskis.

Bezeichnend für die Zeit danach war, dass der frühere Bayern-Torwart Sepp Maier seinen DFB-Vorgänger Tilkowski in einer Autobiografie einen Torwart "ohne Feuer, ohne Temperament, ohne Ausstrahlung" nannte. Als ob es Zufall gewesen wäre, dass Tilkowski 1959 mit der damaligen Großmacht Westfalia Herne als Meister der Oberliga West nur 23 Gegentore kassiert und damit einem Rekord für die Ewigkeit aufgestellt hatte. 1965 wurde er der erste Torwart, der in Deutschland den Titel "Fußballer des Jahres" zugesprochen bekam. Da war er längst zur Dortmunder Borussia gewechselt, mit der er 1965 den DFB-Pokal und 1966 den ersten internationalen Titel eines deutschen Klubteams überhaupt gewann, den Europapokal der Pokalsieger.

Sein Debüt in der Nationalelf feierte Tilkowski 1957. Dass er in den folgenden zehn Jahren auf lediglich 39 Länderspiele kam, lag an einer Episode aus seiner ersten WM-Teilnahme, 1962 in Chile. Der damalige Bundestrainer Sepp Herberger hatte ohne Vorwarnung den damals blutjungen Wolfgang Fahrian ins Tor gestellt, an Tilkowski vorbei. Die später kursierende Geschichte, Tilkowski habe in der Militärschule von Santiago, wo der DFB-Tross untergebracht war, ein Zimmer zerlegt, sollte er später zwar dementieren. Verärgert war er freilich massiv. Erst 1964, in der Endphase von Herberger, hatte Tilkowski seinen Ärger überwunden und kehrte in den Kreis der Nationalelf zurück. Bei der WM 1966 war er schon unumstritten. Und es lag auch an ihm, dass Deutschland ins Finale von Wembley kam.

Dort wartete aber vor allem Geoff Hurst. Der Mittelstürmer von West Ham United traf beim 4:2-Sieg (n. Verl.) nicht nur zum legendären 3:2, sondern gleich drei Mal. Hurst ist bis heute der Einzige, der in einem WM-Finale einen Hattrick erzielte. Erst 2002, in seiner Autobiografie 1966 and all that, räumte Hurst ein, dass es "so aussieht, als habe der Ball die Linie nicht überschritten". Die Tatsachenentscheidung von Referee Gottfried Dienst aber blieb. Der Schweizer hatte auf seinen Linienrichter gehört, den aserischen Sowjetbürger Tofik Bachramow, der sich so sicher war: "Yes, behind the line. Goal, goal!"

Ein Fehlurteil, das Tilkowski, der später als Trainer zahlreiche Bundesligisten betreute, nie davon abbrachte, ein Gegner der Torlinientechnologie zu sein. Wer würde über ein Tor wie das von Wembley sprechen können?, pflegte er zu fragen. Etwas Stolz verspürte er schon, zentraler Bestandteil einer legendären Polemik gewesen zu sein. 1994 sagte Tilkowski im SZ-Magazin: "Sobald in irgendeinem Stadion der Ball von der Querlatte runterspringt in Richtung Torlinie, sagt der Reporter: Genau wie beim Wembley-Tor! Die Fußballfans werden das nie vergessen, das Wembley-Tor, das keins war." Ihn, den Torwart von Wembley, auch nicht.

© SZ vom 07.01.2020/schm
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