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Unfall von Tiger Woods:"Er kann froh sein, dass er noch am Leben ist"

Golfprofi Tiger Woods hat bei seinem Autounfall schwere Verletzungen erlitten, sei aber nach einer ersten Operation wach, ansprechbar und erhole sich in seinem Krankenhauszimmer. Ob der 15-malige Major-Gewinner seine Karriere fortsetzen kann, erscheint indes mehr als fraglich.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es gibt mittlerweile ein Video, veröffentlicht vom Prominentenportal TMZ, in dem zu sehen ist, wie der Golfprofi Tiger Woods am frühen Dienstagmorgen auf dem Hawthorne Boulevard in der kalifornischen Kleinstadt Rancho Palos Verdes etwa eine Autostunde südlich von Los Angeles entlang fährt. Im Hintergrund sind der Pazifik und die Villen der wohlhabenden Gegend zu erkennen. Woods scheint nicht besonders schnell zu fahren. Es wirkt geradezu idyllisch.

Nur ein paar Minuten später, kurz nach sieben Uhr, wird sich dieser SUV mehrere Male überschlagen und erst nach 250 Metern auf dem Rasen am Straßenrand zum Stillstand kommen. Der bekannteste Golfer der Welt muss aus dem Fahrzeug befreit werden. Er wird mit schweren, aber nicht lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.

The vehicle of golfer Tiger Woods is recovered in Los Angeles

Ein Polizist untersucht das schwer beschädigte Auto von Tiger Woods.

(Foto: Gene Blevins/Reuters)

Am frühen Mittwochmorgen meldete sich Chefarzt Anish Mahajan vom Harbor UCLA Medical Center via Twitter. Woods sei nach dem "langen chirurgischen Eingriff an seinem rechten Unterschenkel und Knöchel" derzeit wach, ansprechbar und erhole sich in seinem Krankenhauszimmer. Offene Frakturen des Schien- und Wadenbeins seien mit Schrauben stabilisiert worden. Mark Steinberg, Manager von Woods, sprach zwar von "mehreren Verletzungen", wollte aber aus "Rücksicht vor der Privatsphäre" keine weiteren Informationen geben. Carlos Gonzalez, der als erster Polizist zum Unfallort gekommen war und mit Woods gesprochen hatte, sagte später auf einer Pressekonferenz: "Er kann froh sein, dass er noch am Leben ist."

Er verunglückte auf einer ohnehin gefährlichen Strecke

Woods, 45, war unterwegs vom Luxus-Ressort Terranea zum 15 Kilometer entfernten "Rolling Hills Country Club", um mit den Footballprofis Drew Brees und Justin Herbert ein bisschen zu üben. Der TV-Sender Golf TV wollte die Lehrstunde wie am Vortag (Woods spielte mit Schauspieler David Spade und Basketballprofi Dwyane Wade) für eine Sondersendung aufzeichnen. Zahlreiche Golfprofis und Prominente waren in der Gegend, weil am Wochenende das von Woods' Stiftung TGR organisierte PGA-Turnier Genesis Invitational stattgefunden hatte; der 30 Jahre alte Max Homa hatte gesiegt und von Woods den Pokal überreicht bekommen.

Woods war nicht am Start gewesen, er erholte sich von seiner Rückoperation kurz vor Weihnachten und sorgte als Gastgeber für Aufregung mit der Ankündigung, dass er nach dem fünften Eingriff am Rücken noch nicht sicher sei, ob er Anfang April beim Masters in Augusta antreten könne. "Gott, ich hoffe es", hatte er in einem Fernsehinterview mit dem bekannten CBS-Kommentator Jim Nantz am Sonntag lediglich gesagt.

FILE PHOTO: Tiger Woods of the U.S. celebrates on the 18th hole to win the 2019 Masters

"Wenn du an Woods denkst, was kommt dir in den Sinn?" Jubel nach dem Sieg beim Masters 2019.

(Foto: Lucy Nicholson/Reuters)

Nun aber der schwere Unfall, über dessen Hergang es zahlreiche Spekulationen gibt. Es heißt, dass Woods es eilig gehabt habe an diesem Morgen, weil er wohl zu spät dran gewesen sei. Sein Auto sei in der Einfahrt von einem anderen Fahrzeug blockiert gewesen, er sei darüber ungeduldig und ungehalten gewesen und danach "ziemlich rasant losgefahren", wie Oliver Konteh zu TMZ sagte. Konteh arbeitet bei der TV-Serie "Grown-ish", die derzeit in dem Hotel gedreht wird; einer der Regisseure habe ohne Wissen vom Unfall seinen Kollegen erzählt, dass er gerade beinahe von Woods gerammt worden sei, weil der das Gelände so schnell verlassen habe.

Die Strecke, auf der Woods fuhr, gilt als überaus herausfordernd. Die Straße ist vierspurig, vielkurvig und teils steil. Viele missbrauchen sie als Mini-Highway und rasen. Es gibt zahlreiche Ablenkungen, den Pazifik und die Aussicht zur Insel Santa Catalina, zahlreiche Golfplätze, Canyons, Parks, Villen. Es gibt keine Leitplanken zwischen den Fahrbahnen, lediglich einen leicht erhöhten Rasenstreifen mit Sträuchern und Bäumen.

Woods kam von der Fahrbahn ab, der Bordstein in der Mitte diente offenbar als Rampe. Der SUV streifte ein Verkehrsschild und einen Baum, überschlug sich mehrmals und kam erst nach 250 Metern auf einer Wiese zum Stillstand, nur wenige Meter von einem Wohnhaus entfernt. "Er war bei Bewusstsein und ruhig. Er wusste, wer er ist und wo er war. Es war jedoch klar, dass er das Auto nicht ohne Hilfe würde verlassen können und dass er nicht würde stehen können", sagte Polizist Gonzalez. Erste Ermittlungen hätten ergeben, dass Woods nüchtern gewesen sei und seinen Gurt angelegt hatte.

"Nicht noch einmal wie bei Kobe"

Der Vorfall erinnerte viele, nicht nur in Los Angeles, an den Unfall einer anderen Sportlegende vor 13 Monaten. Der einstige Basketballprofi Kobe Bryant war damals auf dem Weg zu einem Turnier und kam beim Absturz des Hubschraubers in den Hügeln nordwestlich von LA wie seine 13 Jahre alte Tochter Gianna und sieben weitere Insassen ums Leben. "Oh nein. Nicht schon wieder. Nicht noch einmal wie bei Kobe", schrieb Bill Plaschke in der Los Angeles Times: "Es kamen viele Erinnerungen hoch, aber dann gab es die Nachricht: Er hat überlebt."

Der Unfall erinnerte aber auch an andere Vorfälle von Woods im Auto: 2009 kollidierte er in seinem Fahrzeug mit einem Baum - im Zuge dessen kamen außereheliche Affären ans Licht, nach sechs Jahren wurde die Ehe mit Elin Nordegren im August 2010 geschieden. 2017 fand die Polizei den bewusstlosen Woods in seinem Fahrzeug in der Nähe seines Hauses im US-Bundesstaat Florida. Er habe verschriebene Medikamente genommen, ohne gewusst zu haben, welche Wirkung sie hätten, erklärte Woods später. Nun untersucht die Polizei diesen Unfall von Woods, der seine erfolgreiche Karriere (15 Major-Triumphe, darunter der Sieg beim Masters 2019) vor 29 Jahren als 16 Jahre alter Amateur bei jenem Turnier begonnen hatte, das er nun selbst veranstaltet; mit den Einnahmen dort hilft er unterprivilegierten Kindern.

Die Dimension der Anteilnahme nach dem Unfall zeigte, welch große Persönlichkeit Tiger Woods nicht nur in der Welt seines Sports ist. "Wenn wir im Laufe der Jahre etwas gelernt haben, dann, dass man Tiger nie aufgeben sollte", twitterte der frühere US-Präsident Barack Obama. Auch seine ehemalige Lebensgefährtin, die frühere Skirennfahrerin Lindsey Vonn, der frühere Basketball-Profi Earvin "Magic" Johnson, Ex-Schwimmer Michael Phelps und Ex-Boxer Mike Tyson übermittelten Genesungswünsche. In US-Medien wird indes über ein Karriere-Ende von Woods spekuliert. Bereits im vergangenen Dezember, als er an einem Vater&Sohn-Turnier mit dem hochbegabten Charlie, 11, teilnahm, betonte Woods, dass er neue Prioritäten in seinem Leben habe. Er wolle sich noch mehr um Charlie und Tochter Sam, 13, kümmern. Im Interview mit Jim Nantz am vergangenen Sonntag hatte Woods auch erstmals durchklingen lassen, dass er nicht mehr bereit ist, unter allen Umständen seine Karriere fortsetzen zu wollen. "Ich habe nur einen Rücken", sagte er und gab zu: "Ich habe da nicht mehr viel Spielraum."

© SZ/ebc/klef/pps
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