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Golf:Tiger Woods, verwundbar

FILE PHOTO: Tiger Woods of the U.S. celebrates on the 18th hole to win the 2019 Masters

"Wenn du an Woods denkst, was kommt dir in den Sinn?" Jubel nach dem Sieg beim Masters 2019.

(Foto: Lucy Nicholson/Reuters)

Der schwere Unfall von Tiger Woods und die Reaktionen darauf in Los Angeles zeigen: Sportprofis werden einem nicht wegen der Triumphe nahe, sondern bei Rückschlägen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Tiger. Es genügt der Spitzname, damit alle sofort wissen, wer gemeint ist. Bei allem Respekt vor Sänger Tom Jones, Fußballer Stefan Effenberg oder Trommler Onitsuka Taiga: Tiger, das ist Tiger Woods, die Golf-Legende, und wer am Dienstagmorgen in Los Angeles auf sein Handy starrte und all die Push-Mitteilungen der Medienhäuser und Textnachrichten von Freunden sah, von denen jede einzelne mit "Tiger" begann, der wusste, ohne auch nur eine gelesen zu haben: Es musste etwas Schlimmes passiert sein.

Woods, 45, war auf dem Weg vom Hotel zum Golfplatz an einer Stelle von der Fahrbahn abgekommen, die Bewohner der kalifornischen Kleinstadt Rancho Palos Verdes seit Jahrzehnten als überaus gefährlich kennen; allein in den zwölf Monaten davor waren hier 13 Unfälle passiert. Das Fahrzeug überschlug sich mehrmals, Woods musste befreit und im Harbor-UCLA Medical Center operiert werden. Es ist angesichts der schweren Verletzungen an beiden Beinen - Knochen hatten sich durch die Haut gebohrt - nicht absehbar, ob Woods jemals wieder wird Golf spielen können.

Die Nachricht vom Unfall war ein Schock für die Leute in Los Angeles, Woods ist im eineinhalb Autostunden südlich gelegenen Orange County geboren und aufgewachsen. Er war bereits als Kind eine Medienfigur und trat im Alter von nur drei Jahren in der "Mike Douglas Show" zum Putting-Wettbewerb gegen Entertainer Bob Hope an. Tiger ist für die Angelenos, was Uwe Seeler für Hamburg ist oder Dirk Nowitzki für Würzburg: einer von hier, der es zu Weltruhm gebracht hat, und die Leute waren auch deshalb schockiert, weil nur 13 Monate davor eine andere Sportlegende der Metropole verunglückt war: Der Basketballspieler Kobe Bryant kam am 26. Januar 2020 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. Auch bei ihm ist lediglich der Vorname nötig, damit alle wissen, wer gemeint ist - viele Leute rufen, wenn sie eine Papierkugel im Mülleimer versenken, noch immer: "Kobe!"

Fernsehreporter vor dem UCLA Medical Center, wo Woods operiert wurde.

(Foto: Apu Gomes/AFP)

Sportler werden einem nicht wegen der Triumphe nahe, im Gegenteil: Sie werden Normalsterblichen dadurch oft noch viel ferner. Wer von uns kann schon einen Finger gen Himmel strecken als Zeichen, die Nummer eins der Welt zu sein - und das ist dann auch wirklich so? Woods hat in seiner außerweltlichen Karriere (deren Start Nike mit einer ausklappbaren Anzeige im Wall Street Journal und TV-Werbespots mit den nun legendären Worten "Hello World" verkündete) 15 Major-Turniere gewonnen, sein Vermögen wird auf mehr als 800 Millionen Dollar geschätzt.

Was hat so einer gemein mit normalen Leuten? Die New York Times stellte in dieser Woche die interessante Frage: Wenn du an Woods denkst, was kommt dir in den Sinn?

Es können Momente auf dem Golfplatz sein. Der erste Sieg beim Masters 1997, im Alter von nur 21 Jahren. "The Shot" am 16. Loch des Masters 2005, als Woods den weißen Ball vom Vorgrün aus aufs Grün chippt, die Kugel danach auf physikalisch erstaunlichem Weg zum Loch rollt und dort zwei Sekunden liegen bliebt, ehe sie hinein plumpst. Der Reporter fragt danach, und er kennt die Antwort natürlich: "Hast du in deinem Leben schon mal so was gesehen?" Nein, eben. Die Geste von Woods danach, die geballte Faust, hat Einzug in die Popkultur gefunden, sie ist in TV-Serien wie "Scrubs" und Videospielen wie "Fortnite" zu sehen.

Das führt zu anderen Momenten im Kopfkino. Der charismatische, extrovertierte Typ in einem Sport, in dem das Tippen an die Mütze als Jubelgeste gilt. Der als Sohn einer Asiatin und eines Afroamerikaners umso mehr auffällt, weil alle anderen weiß sind. Der bereits im Alter von 17 Jahren, daran erinnerte der Los Angeles Times-Autor Bill Plaschke, nicht über Golf reden wollte, sondern über die Beleidigungen auf dem Platz wegen seiner Hautfarbe. Dessen Arroganz - er sagte zu Beginn der Karriere etwa, dass er den Major-Rekord von Jack Nicklaus mit 18 Titeln brechen wolle - umso faszinierender ist, weil er sie sich leisten kann. Er steht derzeit bei 15 Erfolgen bei den großen Turnieren.

Man kann auch an andere Dinge denken, und auch das führt zu dieser immensen Anteilnahme nach dem Unfall, nicht nur in Los Angeles; denn: Wer derart hoch fliegt, der kann sehr, sehr tief fallen. Der Skandal um außereheliche Affären im Jahr 2009 zum Beispiel, die Gerüchte um "Sexsucht", die Trennung von der Mutter seiner Kinder. Oder wie er 2017 am Straßenrand schlafend am Steuer seines Autos aufgegriffen wurde - und kurz danach das Video eines völlig orientierungslosen Mannes um die Welt gingen, der versucht, barfuß auf einer weißen Linie zu gehen.

Kaum jemand weiß, wie das ist: der Beste der Welt zu sein

Bei Leuten, die, wie die Amerikaner sagen, größer sind als das Leben, sind auch diese Skandale multipliziert, und es gibt dann zwei mögliche Reaktionen: Schadenfreude, wie sie nicht zuletzt die Deutschen genüsslich über einstige Sporthelden wie Boris Becker oder Lothar Matthäus gießen. Oder, das ist die amerikanische Variante: Der Übermenschliche wird dadurch menschlich, verwundbar, nahbar.

Kaum jemand weiß, wie das ist, der Beste der Welt zu sein. Der Mensch verbringt einen Großteil seines Lebens damit, Fehler zu machen oder zu scheitern, deshalb weiß er, wie das ist, Mist zu bauen oder auf die Schnauze zu fliegen.

Es ist ein Sujet, das immer wieder thematisiert wird, ob in Heldensagen oder Hollywoodfilmen: Der Hochnäsige muss scheitern, aber er muss sein Scheitern anerkennen, damit er weiter geliebt wird. Die Aussage von Woods nach all den Skandalen im Jahr 2009: "Ich dachte, dass ich mit allem davonkomme. Ich dachte, dass ich mein Leben lang hart gearbeitet und es mir verdient habe, all die Versuchungen um mich herum zu genießen, die aufgrund von Reichtum und Ruhm nicht schwer zu finden waren. Ich hielt mich für besser. Ich lag falsch. Ich war töricht."

Der Unfallwagen, aus dem Woods befreit werden musste, nachdem er sich mehrmals überschlug.

(Foto: Marcio Jose Sanchez/AP)

Bei Woods kam irgendwann hinzu, dass sein geschundener Körper die Jagd nach Rekorden bremste. Vor der Saison 2019 hatte er elf Jahre lang kein Major-Turnier mehr gewonnen, er kam als Außenseiter zum Masters nach Augusta - doch wer hätte gewagt, gegen ihn zu wetten? Niemand, der dabei war, wird den Moment vergessen, als Woods den Ball am 18. Loch zum Sieg versenkt. Die Markenzeichen-Faust, der wilde Jubel, und dann natürlich der Augenblick, als er mit Sohn Charlie und Tochter Sam vom Grün geht. Der Held, der wegen seiner Skandale sprichwörtlich und wegen der Verletzungen am Rücken wortwörtlich am Boden gelegen hatte, er stand auf und siegte entgegen aller Wahrscheinlichkeiten.

Es kann keine amerikanischere Geschichte geben als diese, die nun vielen in den Sinn kommt, wenn sie an Woods denken, und das ist freilich auch der Grund, warum dem Schock über den Unfall nur wenige Stunden später dieser grenzenloser Optimismus folgte, dass Woods nicht nur genesen, sondern wieder Golf spielen werde. Es verbietet sich in den USA , auch nur einen Cent gegen jene zu wetten, die man anhand des Vor- oder Spitznamens identifizieren kann. Gegen LeBron, der die Angelenos nach dem Tod von Kobe mit einem Titel der Lakers getröstet hat. Gegen Serena. Oder, selbst nach diesem verheerenden Unfall: gegen Tiger.

© SZ/cca/bkl/ska
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Von Jürgen Schmieder

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