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Tiger Woods:Plötzlich ohne Herde

The Memorial Tournament - Preview Day 2

Eine Art Mini-Comeback: Tiger Woods greift wieder an.

(Foto: Sam Greenwood/AFP)

Der 44 Jahre alte Golfprofi kehrt nach fünf Monaten nun in Ohio auf die US-Tour zurück - und ist selbst gespannt auf seine erste Teilnahme bei einem Turnier ohne Zuschauer. Bei Kollegen hat er sich schon mal umgehört, womit er rechnen muss.

Von Gerald Kleffmann

Möglicherweise war das Buch mit dem Titel "Die Augen der Finsternis" unter jenen Werken, die Tiger Woods las. Oder "Todesregen". Oder "Im Bann der Dunkelheit". Woods liebt die düsteren Romane des Autors Dean Koontz, wie er vor seinem Start beim Memorial Tournament im Muirfield Village Golf Club in Dublin, Ohio, nun verriet. Gleich einige von ihnen habe er zuletzt verschlungen. Ansonsten? Habe er Zeit mit seinen Kindern verbracht, Charlie, 11, und Sam, 13. Allerdings hätten sie nicht gekickt wie sonst. Sondern Tennis gespielt. Praktisch, wenn man seinen eigenen Hardcourt im Garten hat.

Ja, der reichste Sportler, den Golf je hervorbrachte, hat die letzten herausfordernden Monate durchaus mit ein paar Annehmlichkeiten verbracht. Aber entspannt oder gar heiter wirkte Woods bei seinem isolierten Pressekonferenzauftritt vor einer Kamera trotzdem nicht. Ernst gab sich der 44-Jährige, und es drängte sich schon das Bild auf: Die Golfbranche mag gespannt auf seine erste Turnierteilnahme seit fünf Monaten blicken - Woods selbst ist es noch viel mehr. Aber weniger aus sportlicher Sicht. Das Ausüben seines Berufs inmitten einer Pandemie ist ihm offensichtlich nicht geheuer.

Seinen letzten Einsatz hatte Woods im Februar bei der Genesis Invitational in Pacific Palisades, Kalifornien. Den Cut hatte er damals geschafft, im halbierten Feld aber den 68. und letzten Rang belegt, "steif" hätte er sich gefühlt. Um Beschwerden auszukurieren, die ihn seit Ewigkeiten begleiten (vor allem im Rücken), zog er sich seitdem zurück. Nur bei einem Showevent, als er mit Phil Mickelson sowie den Footballern Peyton Manning (nicht mehr aktiv) und Tom Brady eine fürs Fernsehen gehypte Runde spielte, tauchte er auf. "Ich wollte lieber zu Hause bleiben und in Sicherheit sein", erklärte er.

Woods lebt in Florida auf Jupiter Island, alles sehr abgeschottet. Dass er dort Ruhe fand, war auch in diesen Zeiten natürlich kaum anders. Ganz anders indes wird sein Comeback auf dem Golfplatz werden. Denn da herrscht plötzlich auch Jupiter-Island-Ruhe - und nicht wie sonst bei ihm der helle Wahnsinn. Seit dem Restart der US-Tour Mitte Juni finden die Turniere ja ohne Zuschauer statt. Was für Woods, den stets herden-artig verfolgten, meistbedrängten Spieler bei jeder Veranstaltung die radikalste Veränderung seiner Arbeitsbühne darstellt. Und das beschäftigt ihn mehr als nur ein bisschen. Woods hat genau deshalb all diese Geisterturniere im Fernsehen studiert. Und sich bei Kollegen, die bei den fünf Events Erfahrung gesammelt haben, umgehört. Um sich ein Bild zu machen. Gesagt wurde ihm: "Das ist eine sehr andere Welt da draußen, ohne die Ablenkungen, den Lärm, die Aufregung, die Energie, die die Fans mitbringen. Es ist einfach eine stille und andere Welt." Darauf muss er sich nun einstellen. Ausgerechnet Woods, der die personifizierte Energie verkörpert. Und von der Energie von außen lebt.

Fit fühle er sich immerhin. Woods gab aber auch zu, dass er nicht viel geübt habe. Er wisse inzwischen mit längeren Pausen umzugehen. Einmal, bei seiner Pressekonferenz, da sagte er, er wolle gewinnen, so trete er immer an, mit diesem Anspruch. Da klang er wie früher, wie der 15-malige Majorsieger vor Corona, der ein Jahrzehnt seinen Sport in Grund und Boden dominierte. Aber diese Überzeugtheit war diesmal eher eine Ausnahme. Woods zeigte sich nachdenklich, auch mal unsicher. Vor seiner ersten Runde an diesem Donnerstag stellt er sich selbst Fragen. Wie nah darf er dem Caddie kommen? Wie wird das ohne Familie sein? Wie ist das mit dem Maske-Tragen? Wie ohne Handshake? Ohne das Kappe-Absetzen bei Applaus? Gibt ja keinen. Manche Tradition verschwindet gerade, hat Woods festgestellt. Kleinigkeiten augenscheinlich. Aber wenn einer wie er in 25 Jahren nach den exakt gleichen Mustern funktioniert und sich über Nacht Abläufe ändern, wirken Kleinigkeiten eben größer.

Woods muss, das schwang in den Worten mit, nun mit dieser seltsamen Einsamkeit klarkommen. Für junge Profis, die noch nicht so oft Trubel erfuhren, sei das nicht so ein Faktor, befand Woods. "Aber für die älteren Jungs ist das alles sehr augenöffnend."

© SZ vom 16.07.2020
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