Golf:Tiger gegen Hai

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Golf: "Ich glaube, Greg muss gehen": Tiger Woods.

"Ich glaube, Greg muss gehen": Tiger Woods.

(Foto: David Blunsden/Action Plus/Imago)

Die erbitterten Diskussionen um die Saudi-Tour haben aus der Sicht von Ausnahmegolfer Woods einen guten Aspekt: Er kann offiziell daran arbeiten, einen Spieler zu demontieren, den er noch nie leiden konnte. Auf den Bahamas attackiert er Greg Norman, den CEO der ungeliebten Konkurrenz-Liga.

Von Felix Haselsteiner, Albany/München

Ein Golfcart, sagte Tiger Woods, sei keine Option. Als der 46-Jährige am Dienstagnachmittag auf den Bahamas die kleine Pressebühne betrat, konnte man ihm ansehen, dass der beste Golfspieler aller Zeiten weiterhin körperliche Probleme hat: beim Hinsetzen, vor allem aber beim Aufstehen. "Ich kann den Ball treffen und jeden Schlag machen, aber ich kann nicht gehen", sagte Woods. Es war die Begründung, warum er bei der Hero World Challenge von Donnerstag nicht antreten, sondern nur zuschauen wird.

Ein Spieler, der den Wettbewerb liebt, sei er weiterhin, sagte Woods. Aber er müsse sich nach den Folgen seines Autounfalls im Februar 2021, als er sich sein Knie zertrümmerte, mit den neuen Realitäten zurechtfinden. Also: ausgewählte Turnierstarts und weniger öffentliche Auftritte. Teil der Strategie sei allerdings nicht, künftig Turniere zu spielen, ohne selbst über den Platz zu gehen: Er, der große Tiger Woods, werde sich bei regulären Turnieren nicht in ein Golfcart setzen und ab und an aussteigen, um den Ball zu schlagen.

Die Haltung zum Golfcart ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Woods seinen Sport sieht: als würdevollen, sportlichen Wettbewerb, in dem es für ihn einzig und allein um den fair errungenen Sieg geht. Und deshalb ist auch offensichtlich, warum Woods ein nachhaltiges Problem mit der LIV-Tour hat, der aus Saudi-Arabien finanzierten Turnierserie, die seit dem Frühjahr hunderte Millionen an Spieler verteilt, die dann Einladungsturniere spielen sollen.

"Ich bin zu einer Tour gewechselt, auf der ich viel Geld verdienen kann, aber ich habe keine Turniere gewonnen, die von Wert sind oder mich in die Hall of Fame bringen" - das ist laut Woods der Satz, den all die LIV-Spieler irgendwann einmal im Rückblick auf ihre Karrieren sagen könnten. Für ihn sei es daher vollkommen unverständlich, wie man seine Zeit auf der Saudi-Tour verbringen könnte.

Die seltenen Pressekonferenzen mit Woods erinnern inzwischen an die "State of the Union"-Rede des US-Präsidenten

Auf dem Podest in Albany war Woods in diesen Momenten längst wieder in der Rolle angekommen, die er im Golf von nun an spielen soll, wenn er schon nicht mehr Woche für Woche auf dem Platz ist. Die seltenen Pressekonferenzen mit ihm haben im Sport längst eine spezielle Position eingenommen, sie erinnern ein wenig an die "State of the Union"-Rede des US-Präsidenten. Es geht um mehr als Woods' Gesundheit, es geht um seinen Blick auf die Golfwelt, die er mit erschaffen hat - und aus der er einen Charakter besonders gerne ausschließen würde.

"Ich glaube, Greg muss gehen", sagte Woods. Gerichtet waren seine Worte direkt an Greg Norman, 67, CEO der LIV Tour und damit der ultimative Bösewicht aus Sicht der traditionellen Golfgemeinschaft. Die zwei zerstrittenen Parteien - die PGA Tour auf der einen und die Saudi-Tour auf der anderen Seite - finden sich in einer komplexen Situation aus sportjuristischen und medialen Streitigkeiten wieder, die sich - zumindest aus Woods Sicht - eher lösen lassen würden, wenn Norman als Kopf der Organisation seinen Hut nehmen würde. Wie genau ein Kompromiss aussehen könnte, wollte Woods am Dienstag noch nicht skizzieren. Aber allein die Botschaft war wertvoll: Es könnte ein Treffen geben, wenn Norman abgetreten sei und die Klagen von LIV vor den Gerichten fallengelassen seien.

Vor einer Woche hatte Woods' enger Freund und Geschäftspartner, der Weltranglistenerste Rory McIlroy aus Nordirland, bereits ähnliche Worte in Richtung Norman gewählt - beim Amerikaner allerdings haben sie noch eine historische Note: Woods arbeitet daran, einen Spieler zu demontieren, den er noch nie leiden konnte.

Woods' Heimatklub The Medalist in Florida wurde von Norman gegründet, beide wohnen in derselben Nachbarschaft

In den 1990er-Jahren war Norman, ein gut aussehender, blonder Australier mit furiosem Golfspiel, einem übergroßen Sonnenhut und dem Spitznamen "The Shark" ("der Hai") als Markenzeichen, der beste Golfspieler der Welt - bis ein kaum erwachsener Kalifornier ihn ablöste. Woods wurde 1997 Weltranglistenerster und dominierte in den Folgejahren den Sport, auch weil er sich mit den Leuten umgab, die zuvor Norman groß gemacht hatten, wie Trainer Butch Harmon und Caddie Steve Williams. Nur mit dem Australier selber wollte er nichts zu tun haben, nicht als junger Spieler und auch nicht später in seiner Karriere. Gelegenheiten hätte es genug gegeben: Woods' Heimatklub The Medalist in Florida wurde von Norman gegründet, beide wohnen in derselben Nachbarschaft.

"Wir mögen viele ähnliche Dinge", sagte Norman im Jahr 2020 zu Golf-Journalist Michael Bamberger: "Tauchen, Boot fahren, das Leben in Jupiter Island, Golf. Aus meiner Sicht wäre es leicht, eine Beziehung zu ihm zu haben." Früher habe er ihm nach Siegen Gratulationskarten geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten. Als Woods im Mai 2020 mit Phil Mickelson und den Football-Quarterbacks Tom Brady und Peyton Manning eine Benefiz-Runde in Normans Medalist-Club spielte, hätte dieser die vier Sportler gerne zum Grillen eingeladen. Das Treffen kam nie zustande.

Woods' Antipathie gegenüber Norman rührt neben Fragen von Stil und Anstand - Disziplinen, in denen der politisch nicht immer korrekte Norman und Woods sich unterschieden - vor allem daher, dass der Australier schon immer das traditionelle Ökosystem des Golfsports in Frage stellte und sein eigenes Ding durchziehen wollte. Ganz anders als Woods, der genau dieses System prosperieren lassen wollte, das ihm die Möglichkeit gegeben hatte, erfolgreich zu werden. Als sich dann die Saudis bereit erklärten, Normans Plan einer Konkurrenztour mit ihren Öl-Milliarden zu unterstützen, sah dieser eine einzigartige Gelegenheit.

Im Gegenzug wurde er aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, die ihn ohnehin immer kritisch sah. Als bei der 150. British Open im Juli die vergangenen Sieger geehrt wurden, war Norman nicht eingeladen - obwohl er auch einst gewonnen hatte. Woods und McIlroy sind nun die zwei Wortführer, die öffentlich den CEO der verfeindeten Organisation absägen wollen, der allerdings von sich aus wohl nicht einfach abtreten wird. Offen ist zudem, ob die beiden wirklich für alle PGA-Tour-Spieler sprechen - und ob ihre Worte überhaupt etwas erreichen werden. Denn ob Norman weiterhin den LIV-Kurs bestimmt, entscheiden einzig und allein seine Finanziers in Saudi-Arabien.

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