GolfDas vierte Leben des Tiger Woods

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Tiger Woods, hier bei einem Turnier Ende März.
Tiger Woods, hier bei einem Turnier Ende März. Reinhold Matay/AP
  • Tiger Woods nimmt nicht am Masters 2026 in Augusta teil, nachdem er am 27. März nach einem Autounfall unter Substanzeinfluss festgenommen wurde.
  • Die veröffentlichten Bodycam-Aufnahmen zeigen Woods benommen und verwirrt, in seinem Auto wurden hochdosierte opioide Schmerzmittel gefunden.
  • Woods zieht sich für einige Zeit aus der Öffentlichkeit zurück und hält sich Berichten zufolge in einer Schweizer Heilanstalt auf.
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Beim Masters in Augusta fehlt einer – und steht dennoch erneut im Fokus: Tiger Woods und die Nachwehen seiner Festnahme vor einigen Wochen beschäftigen den Golfsport.

Von Felix Haselsteiner

Diese Geschichte vom vierten Leben des Tiger Woods spielt nicht in Augusta. Allein deshalb ist diesmal alles anders. Am Champions Dinner etwa, dem traditionellen Treffen am Dienstagabend in der Masters-Woche, an dem die ehemaligen Sieger zu Ehren des Siegers aus dem Vorjahr zusammenkommen, wird Woods in diesem Jahr nicht teilnehmen. Was nicht nur deshalb besonders ist, weil dort sein guter Freund Rory McIlroy unter anderem Thunfisch-Carpaccio und Filet Mignon servieren wird. Sondern weil es einen Einschnitt im Leben dieses großen Sportlers darstellt, denn genau diese jährlichen Rituale im Epizentrum des Golfsports gaben dem Dasein des alternden Woods einen Rahmen. Einen, den er sonst kaum noch vorfand – obwohl er ihn offenbar dringend brauchte.

Mehrfach schon hat Tiger Woods gelebt, diese These vertreten einige Menschen im Golfsport: Ein so umfassendes Wirken auf und neben dem Platz kann schließlich kaum in ein einzelnes Leben passen. Am besten hat es der brillante Autor Michael Bamberger zusammengefasst, in seinem Buch „Tigers zweites Leben“, das 2020 erschien. Damals, als die Leserschaft denken konnte, dass Woods mit einer einzelnen Neuerschaffung seiner Persönlichkeit auskommen würde. Ein Trugschluss, wie man inzwischen weiß.

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Seit einigen Tagen sind Bilder im Umlauf, die eindrücklich von Woods’ Status im Jahr 2026 erzählen. Das Sheriff-Büro von Jupiter County in Florida hat die Aufnahmen der Bodycam desjenigen Offiziers veröffentlicht, der Woods am Freitag, dem 27. März, nach einem Autounfall festnahm. Er habe unter Einfluss von nicht näher zu bestimmenden Substanzen gestanden, so die Feststellung vor Ort, die nun anhand der Fotos erläutert wurde: Woods ist zu sehen, wie er offenbar benommen spricht, verwirrt niederkniet, eine große Sonnenbrille verdeckt die Augen. In einem besonders markanten Ausschnitt berichtet er den Beamten, er habe soeben mit „dem Präsidenten“ telefoniert, in einem anderen gähnt er auf dem Rücksitz des Polizeiwagens.

In seinem Auto wurden hochdosierte opioide Schmerzmittel gefunden, einen Bluttest zur Klärung verweigerte er. Vor allem aber wirkt Woods wie ein Mensch unter dem Einfluss eines schwer auszuhaltenden Lebens. An dessen Anfänge man zurückkehren muss, um die Herausforderungen, denen Woods immerzu ausgesetzt war, besser zu verstehen.

Ein Unfall im Jahr 2009 brachte so manches zu Tage

Lange vor den 82 Turniersiegen in den USA, vor den fünf Triumphen in Augusta beim Masters, vor den zwölf Operationen an seinem geschundenen Körper war Woods bereits ein öffentlicher Mensch. Als kleines Kind, im Alter von zwei Jahren, trat er erstmals gemeinsam mit seinem einflussreichen Vater Earl in einer Talkshow auf. Natürlich hatte der kleine Tiger einen Golfschläger in der Hand, so wie auf den meisten Bildern, die folgten. Woods wurde zum Idol einer ganzen Generation, beginnend in den 1990er-Jahren, als er etwa 1997, 21 Jahre alt, mit sagenhaften zwölf Schlägen Vorsprung das Masters gewann. Im Folgejahr servierte er beim Champions Dinner im noblen Augusta National Golf Club Cheeseburger, Chicken Sandwiches und Milkshakes: Das „Kid’s meal“ ist bis heute legendär, es steht für die wenigen Spuren von kindlicher Naivität und Lebensfreude, die man in Woods Karriere fand. Und die eine so dunkle Wende nahm, abseits des Golfplatzes, wo er den Preis für sein jahrelang umjubeltes öffentliches Dasein bezahlen musste.

Das erste Leben des Tiger Woods endete mit einem Unfall im Jahr 2009, in dessen Folge seine erste außereheliche Affäre an die Öffentlichkeit kam. 120 Frauen meldeten sich in den Wochen darauf und gaben an, angeblich Verhältnisse mit Woods gehabt zu haben, der innerhalb weniger Tage viel vom Ruhm verlor, den er sich zuvor über Jahrzehnte aufgebaut hatte. Zehn Jahre dauerte die Phase voller Aufschwünge und Abstürze. Erst mit dem erneuten Triumph beim Masters 2019 schrieb Woods, der in den Armen seiner Kinder jubelte, eine neue Geschichte: Sie handelte vom Aufstehen und vom Vergeben; einer Disziplin, die das US-Publikum durchaus beherrscht. Wenngleich kaum jemand die Grenzen dieser Geduld so oft austestete wie Woods.

Ende März wurde Tiger Woods nach einem Autounfall festgenommen. Der Golfprofi habe unter Einfluss von nicht näher zu bestimmenden Substanzen gestanden, lautete die Feststellung.
Ende März wurde Tiger Woods nach einem Autounfall festgenommen. Der Golfprofi habe unter Einfluss von nicht näher zu bestimmenden Substanzen gestanden, lautete die Feststellung. Uncredited/Martin County Sheriff's Office/dpa

Beinahe hätte dessen zweites Leben als Lichtgestalt wenige Jahre später in einer Tragödie geendet. Im Februar 2021 verunglückte er in Los Angeles bei einer rasanten Autofahrt, mit Glück überlebte er – und trug doch eine fatale Verletzung im Knie davon, die ihn bis heute beeinträchtigt. Wegen der Folgeschäden dieses Unfalls kann Woods nicht mehr der geniale Sportler werden, der er einst war. Woods, der seit seiner Kindheit immer dann am besten funktionierte, wenn er der strikten Taktung eines Athletenalltags folgte, musste in seinem dritten Leben lernen, ein Mensch zu werden.

Er werde sich für einige Zeit aus der Öffentlichkeit zurückziehen, kündigt Woods nach seinem Unfall an

Unterstützer hatte er auf diesem Weg. Die PGA Tour etwa bezog ihn in die Debatten um die Zukunft des Sports ein, McIlroy gründete mit ihm gemeinsam eine erfolgreiche Indoor-Golfliga, sogar eine eigene Bekleidungsmarke entstand um ihn herum. „Ich habe ihm nie geschrieben, weil ich wissen wollte, wie es seinem Golfspiel ging oder seiner Marke“, sagte Fred Couples dieser Tage in Augusta. Der heute 66-Jährige avancierte für den jungen Woods einst zu einer Art zweiten Vaterfigur, in den vergangenen Jahren sorgte er sich nach eigener Aussage immer nur um den Menschen: „Ich möchte ihm sagen, dass ich ihn lieb habe und dass die Dinge wieder besser werden können“, sagte Couples. Und setzte damit den Tenor, bei einem Turnier, das sich daran gewöhnt hat, ohne den Golfer Woods auszukommen. Aber nicht ohne dessen Präsenz abseits des Platzes.

Zwischen wenigen kritischen Stimmen, die Woods an seine Fahrlässigkeit am Steuer erinnern und ein möglicherweise lange fehlendes Eingeständnis einer Abhängigkeitsproblematik anmahnen, bekommt der 50-Jährige viel Unterstützung aus dem Golfumfeld. Trotz all seiner Fehltritte haben ihm viele immer wieder eine Chance gegeben. Das ist auch diesmal der Fall, während er nicht unter seinen Weggefährten weilt.

Er werde sich für einige Zeit aus der Öffentlichkeit zurückziehen, kündigte Woods nach seinem Unfall an und trat damit nicht nur von seiner Masters-Teilnahme, sondern auch von einem möglichen Amt als Kapitän des US-amerikanischen Ryder-Cup-Teams zurück. Zumindest in der Mitteilung klang es so, als träte der Sport im Leben von Tiger Woods erstmals zurück hinter Themen aus seinem Privatleben. Sein Privatjet landete vor einigen Tagen in der Schweiz, Berichten zufolge hält sich Woods dort in einer Heilanstalt auf. Ob ihm dort der Schritt in ein neues, viertes Leben gelingt, während in seiner eigentlichen Komfortzone Augusta das Masters 2026 stattfindet, wird sich zeigen.

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