Tiger Woods im Golf:Wie Moses, der das Meer teilt

TOUR Championship - Final Round

Er kann es - und die Leute feiern ihn: Tiger Woods in Atlanta.

(Foto: Tim Bradbury/AFP)
  • Er kann doch noch gewinnen: Tiger Woods holt nach Jahren wieder einen Titel auf der Profitour.
  • Seine Geschichte erzählt vom Scheitern und wieder aufstehen.
  • Dabei war der Amerikaner vor einiger Zeit noch mental am Ende.

Von Gerald Kleffmann

Die Menschen fingen zu rennen an, sie wurden hastiger, manche versuchten es von links, anderen sprinteten nach rechts, sie suchten nach Lücken, nach einem räumlichen Vorteil, und viele von ihnen stemmten ihre Hände hoch, wie Lemminge taten sie das Gleiche. Sie wollten diesen Moment filmen, verewigen, festhalten, was nicht einfach war. Von hinten schoben ja andere nach, Tausende und Tausende. Vorne, im Epizentrum des Schauspiels, war es am schwersten, das Objekt der Begierde stetig im Blick zu behalten.

Der Mann im roten Polohemd, er schritt ja immer weiter. Und weiter. Und bahnte sich seinen Weg, als sei er Moses und müsse das Rote Meer teilen. Mal tauchte er auf. Dann ab. Bis er am 18. Grün angelangt war. "Es fiel mir schwer, nicht zu weinen", gestand der Mann, der an diesem Sonntagnachmittag im East Lake Golf Club nicht wie ein menschliches Wesen behandelt wurde. Die Szenerie glich einer überirdischen Erscheinung.

So ist das also, wenn Tiger Woods ein Golfturnier gewinnt, nach fünf Jahren ohne Sieg, nach fünf Jahren, in denen sein Rücken viermal von Ärzten aufgeschnitten wurde. In denen er fremdging, geschieden wurde, eine Therapie wegen Sexsucht und später wegen Medikamentenmissbrauch benötigte. In denen er aufgrund seiner Beschwerden, vor allem im Kreuz, "nicht von Punkt A nach B im eigenen Haus gehen konnte", wie er wiederholte.

In den Ergebnisteilen der Sportwelt wird nun überall stehen: Tour Championship in Atlanta, das finale Event der US PGA Tour mit den besten 30 Profis, Sieger: Woods mit 269 Schlägen nach vier Runden, vor den amerikanischen Landsleuten Billy Horschel (271) und Dustin Johnson (273) sowie dem Engländer Justin Rose (274), der nebenbei die Serie über vier Turniere zum Saisonabschluss gewann und als Sieger des FedEx-Cups zehn Millionen Dollar einstrich. "Das war heute ein verrückter Tag", sagte Rose und meinte damit nicht mal seinen horrend hohen Bonus. Er meinte das, was Zahlen und Siegerlisten nicht transportieren, das, was der Hauptdarsteller selbst so ausdrückte: "Ich kann nicht glauben, dass ich es geschafft habe. Es ist ein wahnsinniges Comeback."

Er ist wieder total fokussiert

Ja, man kann es nicht anders ausdrücken: Dieser Woods, inzwischen 42, aber wieder durchtrainiert und fokussiert und fit wie zu seinen besten Zeiten, als er 14 Majortriumphe errang, als er als erster aktiver Sportler zum Milliardär aufstieg, dieser Woods macht wieder die Golfwelt wahnsinnig.

Aber jetzt aus sportlichen Gründen. Auch der Größte, den der Golfsport je hervorgebracht hat, der honorige Jack Nicklaus, der 18 Majors gewann, zollte Woods den höchsten Respekt und drückte seine Zweifel aus, die er gehabt habe: "Ich hätte nie geträumt, er würde nach seiner Operation so zurückkommen und so spielen. Er schwingt besser als je in seinem Leben", textete er im Internet. Sicherlich hatte Nicklaus nicht nur an den Woods'schen Rücken gedacht, sondern auch an jene Bilder und Videosequenzen, die vor nur 15 Monaten um die Welt gegangen waren.

Zu sehen war damals ein benebelter, taumelnder, unzurechnungsfähiger, aufgedunsener Mann. Er trug kein rotes Polohemd. Aber es war der Mann, der es sonst stets trug, immer an Sonntagen, wenn es in Runde vier eines Turniers um den Pokal geht. Vollgepumpt mit Schmerzmitteln, Angstlösern, Schlaftabletten war Woods von der Polizei aufgegriffen worden. Paul Casey, der smarte englische Profi, sagte, dass alle wussten, dass Woods ein golferischer Ausnahmekönner war - aber den Glauben, nach diesem Absturz würden alle noch mal den alten Woods erleben, nein, den Glauben hatten Casey und Co. nicht.

Ein Zusammenbruch plagte ihn

"Mein Körper war ein Wrack", das gestand Woods ja auch bei der Pressekonferenz nun wieder, wobei er bis heute nie dargestellt hat, wie er seinen Zusammenbruch erlebte. Nur so viel deutete er an: Er habe mit Medikamenten versucht, Nebenwirkungen anderer Medikamente zu kompensieren. Seine Gegner: Schmerzen und Schlaflosigkeit. Er hat sie besiegt, und das führt, vor allem in den USA, wo sie Helden lieben wie nirgendwo anders, zu einer Reanimierung seines Heldenepos. Zu Tausenden sangen sie am Sonntag "U-S-A!" und "Tiger Woods!" Der Sender ESPN umschrieb ihn als einen Mix aus "Mozart und Michelangelo", der im roten Hemd und mit Spikes vom Golftod wiederauferstanden sei. Das Narrativ geht nicht kleiner.

Aber auch ohne den Herzschmerz, den das Schicksal von Woods ausgelöst hat, ist seine persönliche Leistung einzigartig. Zu keiner Zeit, selbst während der tiefsten Tiefs, hatte er Vorwürfe an Dritte geäußert. Nie waren andere Schuld, nur er. Woods klagte nicht, etwa darüber, dass er als Wunderkind keine normale Jugend hatte, dass ihn der Vater, ein früherer G.I., drillte. Am Sonntag sagte Woods, "Pops" wäre sicher stolz auf ihn. Earl, sein Vater, starb 2006.

Die Wende, die in dem Sieg von Atlanta mündete, begann indes nicht aus dem Nichts. Sie nahm Anfang 2018 Fahrt auf - da hatte Woods sich schmerzfrei gefühlt, konnte ohne Blockaden diese komplizierten Bewegungen durchführen, die Golf zu so einer komplexen Disziplin machen. Schleichend wurden seine Resultate besser, Woods konnte der sein, der er am liebsten war: ein Golfer. Fünf ethnische Wurzeln hat er, aber Woods mochte es nie, sich für Kampagnen gegen Rassismus und ähnliche Übel einspannen zu lassen, jedenfalls fiel er nie als Kämpfer in diesen Dingen auf. Lieber kümmerte er sich um seine Stiftung. Kindern zu helfen, ist ihm wichtig, das Militär hat es ihm angetan, er ehrt es oft. Doch am Ende wirkte er meist dann mit sich im Reinen, wenn er Sportler war, Golfbälle schlug - und Siege einfuhr.

Dankbar sei er nun, sagte Woods, ehe er aufbrach nach Paris, wo ab Freitag der Ryder Cup stattfindet, das tosende Duell zwischen Europa und den USA. Er könne diesen Erfolg, 1876 Tage nach dem letzten, anders würdigen. Er wisse, welchen Weg er hinter sich hat. "Als ich begann, gab es noch kein Internet", sagte er - und lachte. Nein, Woods ist kein überirdisches Wesen. Er ist ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Beides hat er wieder im Griff. Das ist sein wahrer Triumph von Atlanta.

© SZ vom 25.09.2018/jbe
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