Tickets für das NFL-Spiel in München:Es ist zum Mäuse-Melken

Lesezeit: 3 min

Tickets für das NFL-Spiel in München: Da setzt di nieder: Bis zu drei Millionen Karten hätten die Organisatoren des NFL-Gastspiels verkaufen können, 800 000 Menschen hatte sich online registriert, um Quarterback Tom Brady (hier noch im Trikot der New England Patriots) in München spielen zu sehen.

Da setzt di nieder: Bis zu drei Millionen Karten hätten die Organisatoren des NFL-Gastspiels verkaufen können, 800 000 Menschen hatte sich online registriert, um Quarterback Tom Brady (hier noch im Trikot der New England Patriots) in München spielen zu sehen.

(Foto: Jon Soohoo/UPI Photo/Imago)

Um das NFL-Gastspiel in München gibt es Ärger: Wegen der riesigen Nachfrage werden im Vorverkauf erworbene Tickets nun für 3000 Euro angeboten. Der Liga ist der Unmut vieler Football-Fans einerlei - ihr kann der Rummel nur recht sein.

Kommentar von Christoph Leischwitz

Der Kickoff zum ersten regulären NFL-Spiel in Deutschland war noch 117 Tage entfernt, doch schon am Dienstagvormittag wird man bei der amerikanischen Football-Profiliga überzeugt gewesen sein, alles richtig gemacht zu haben: Innerhalb weniger Minuten war das Match der Tampa Bay Buccaneers gegen die Seattle Seahawks in München ausverkauft. Laut der deutschen PR-Abteilung der NFL hatten sich vor dem Online-Verkauf 800 000 Menschen registriert, sie schätzen, dass drei Millionen Tickets hätten verkauft werden können. Die Ticketpreise lagen zwischen 75 und 155 Euro. Vor einem Monat waren die Premium-Pakete für 449 Euro auch sofort vergriffen gewesen.

Für die Rekordzahlen gibt es mehrere Gründe. Erstens erfreut sich American Football generell steigender Beliebtheit, sowohl bei den TV-Zuschauern als auch die Aktiven betreffend. Seit 2015 ist die NFL regelmäßig im Free TV zu sehen, die Quoten steigen stetig. Ebenso die Mitgliederzahlen im deutschen Verband AFVD - übrigens sogar während der Pandemie, als die meisten anderen Sportarten mehr Austritte zu verzeichnen hatten.

Neben Münchens zentraler Lage dient vor allem "Bucs"-Quarterback Tom Brady als Lockstoff

Außerdem dient Tom Brady, der so genannte GOAT (das englische Akronym für die Bezeichnung "Der Größte aller Zeiten") als zusätzlicher Lockstoff: Den 44-jährigen Quarterback der "Bucs", der schon mal kurz sein Karriereende verkündet hatte, live erleben zu können, das hat einen gewissen Rolling Stones-Effekt: Vielleicht ist es die einzige und letzte Möglichkeit, ihn noch einmal werfen zu sehen. Gleichzeitig relativieren sich die Nachfrage-Zahlen, wenn man bedenkt, dass Menschen aus ganz Europa anfragen. Gerade in Österreich und Italien ist American Football ebenfalls sehr beliebt - wohl auch ein Grund, warum München im Bewerbungsverfahren den Zuschlag erhielt.

Doch die meisten Fans, die auf erschwingliche Preise angewiesen sind, bleiben auch bei diesem Heimspiel auf der Strecke. Nachdem nun also rund 75 000 Karten verkauft sind und ergo Hunderttausende Menschen keine Tickets bekommen haben, stellen viele von ihnen die Frage (und manche tun es sehr erbost): Warum hat die NFL es zugelassen, dass ein Käufer in dieser Online-Lotterie gleich ein Sechser-Paket an Tickets erstehen darf, wenn dafür so viele andere leer ausgehen? Gleich nach dem offiziellen Verkaufsende wurden auf Ebay Karten en gros angeboten: normale Sitzplätze zumeist für 1000 Euro das Stück, VIP-Tickets für bis zu 3000 Euro. Für dieses Geld kann man in die USA fliegen und sich dort ein Spiel ansehen. Die NFL in Europa weist darauf hin, dass die Betrugsgefahr hoch ist und die echten Tickets erst wenige Tage vor dem Spiel am 13. November verschickt werden. Dass eine Person sechs Tickets kaufen kann, wird damit begründet, dass man es Familien ermöglichen wolle, ein Spiel gemeinsam zu besuchen.

Die Stadioneinnahmen sind für die NFL Nebensache. Es ist der Hype an sich, der sich für die Liga am meisten auszahlt

Es muss niemanden überraschen, dass die Milliarden-Dollar-Melkmaschine NFL weiter expandieren und noch mehr Geld verdienen will. Es muss auch niemanden verwundern, dass Menschen für ein Ereignis mit Seltenheitswert tiefer in die Tasche greifen als sonst. Wobei: Drei weitere Spiele soll es in Deutschland auf jeden Fall noch geben in den kommenden Jahren, noch ein weiteres in München, zwei in Frankfurt.

Doch die Stadioneinnahmen sind für die NFL ohnehin Nebensache. Es ist der Hype an sich, der sich für die NFL am meisten lohnt: Wenn Millionen Mitteleuropäer lesen, dass ein Ticket für ein NFL-Spiel schwerer zu bekommen ist als für ein Spiel des FC Bayern München, dann ist das in Zeiten der Eventkultur ein wichtiger Schritt zu noch mehr Fans. Die wichtigste Zahl für die PR-Strategen ist daher die Zahl der Anfragen, denn sie zeigt das Wachstumspotential.

Allerdings hat die NFL mit ihrer Verkaufsstrategie nun auch langjährige, eingefleischte Fans vor den Kopf gestoßen. Könnte also aus dem PR-Coup vielleicht noch ein PR-Desaster werden? Wohl kaum. Just am Spieltag in München geht die Fußball-Bundesliga in die WM-Pause, so wird dieses Mega-Event genug Zuschauer vor den Fernsehern haben. Und von den deutschen TV-Rechte-Inhabern ist kaum Kritik zu befürchten: Bei den Kommentatoren handelt es sich ausnahmslos um Fans, die selbst auf diesen Abend hin fiebern.

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