Süddeutsche Zeitung

Regionalliga zum Sparpreis:Danke für - nichts?

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Fußball-Regionalligist Phönix Lübeck überlässt es im nächsten Heimspiel seinen Zuschauern, wie viel sie für den Eintritt bezahlen. Die Aktion soll eine Geste an Fans und Familien sein. Die Geschichte zeigt: Nicht immer geht die Rechnung mit dem Günstig-Ticket auf.

Von Ulrich Hartmann

Vor zehn Jahren hat der VfL Bochum mal ein Experiment gemacht. Im Herbst 2013 spielte der Fußballklub recht erfolglos in der zweiten Liga, zu Heimspielen kamen im Schnitt bloß etwa 15 000 Zuschauer und die Westtribüne hinter einem der Tore blieb meistens ziemlich leer. Also bot man bei einem Spiel gegen den VfR Aalen an, dass jeder Zuschauer den Preis für sein Ticket auf der Westtribüne selbst bestimmen und das entsprechende Geld einfach und ohne die Summe dem Verkäufer explizit benennen zu müssen in eine Box am Ticketschalter werfen durfte. Ganz anonym sozusagen. So machten das ungefähr 2000 Menschen, und als das eingenommene Geld hinterher gezählt und auf die etwa 2000 Eintrittskarten umgelegt war, ergab sich, dass die freiwillig Zahlenden für Tickets, die regulär 25 Euro gekostet hätten, im Schnitt 4,80 Euro gegeben hatten.

Der Viertligist Phönix Lübeck plant für den kommenden Samstag etwas Ähnliches, jedoch mit sämtlichen verfügbaren Tickets. Zum Spitzenspiel der Regionalliga Nord gegen Holstein Kiel II gilt im wetterbedingten Ausweichstadion Buniamshof für 1400 Heim- und bis zu 800 Auswärtstickets die Devise: "Pay what you want" - jeder gibt, so viel er mag.

Die Aktion ist auch motiviert durch das 120-Jahr-Jubiläum des Vereins sowie durch den Topspielcharakter, aus dessen Anlass, so erklärt es der Vereinsvorsitzende Thomas Laudi, "wir den Fans und Familien und allen, die den Verein unterstützen, etwas zurückgeben möchten". Man sei ein sehr familiär geprägter Ausbildungsverein. "Dieses Spiel ist also auch ein Dankeschön", sagt Laudi. In dieser Saison kommt Phönix Lübeck im Schnitt bislang auf knapp 600 Zuschauer pro Heimspiel, eine reguläre Karte kostet normalerweise zwölf Euro.

Gratis- und Günstiger-Tickets sind derzeit ein spannendes Thema im Fußball, jedenfalls bei Klubs, deren Stadion sich nicht so selbstverständlich füllt wie beim FC Bayern oder bei Borussia Dortmund. Der Zweitligist Fortuna Düsseldorf bietet unter dem Slogan "Fortuna für alle" in dieser Saison drei von Sponsoren bezahlte Gratis-Heimspiele an. Das erste fand kürzlich vor 52 000 Zuschauern statt und entwickelte sich - Zufall oder nicht - fußballerisch zu einem Knaller, weil die Fortuna gegen den 1. FC Kaiserslautern erst 0:3 hinten lag und dann noch 4:3 gewann. Für zwei weitere Spiele im Januar gegen den FC St. Pauli und im April gegen Eintracht Braunschweig können sich Fans über ein Internet-Portal für Gratistickets bewerben. Kostenpflichtig sind nur VIP-Karten.

In Frankreich bietet Zweitligist FC Paris bis Saisonende fast alle Tickets gratis an - und verzichtet auf rund eine Million Euro

Eine Triebfeder für die Fortuna- ebenso wie für die Lübecker Phönix-Aktion ist auch eine gesellschaftliche Komponente, denn man möchte Menschen und Familien, die sich sonst keine Fußballtickets leisten können, einen Zugang ermöglichen. Phönix schreibt in einer Pressemitteilung: "Es gibt eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Fußballfreunden, für welche die regulären Eintrittsgelder finanziell eine größere Herausforderung darstellen, besonders, wenn es darum geht, mit der gesamten Familie einen Stadionbesuch zu realisieren." Der Fortuna-Vorsitzende Alexander Jobst empfindet das ähnlich, erklärte kürzlich aber auch den wirtschaftlichen Hintergrund der Aktion: "Fortuna für alle - das ist kein PR-Gag, sondern ein neues Geschäftsmodell mit gesellschaftlicher Verantwortung." Beim Kongress "World Football Summit" in Sevilla erhielt die Fortuna für ihre Initiative den "Most Impactful Branding Award".

Nun geht der französische Zweitligist FC Paris noch einen Schritt weiter und bietet in seinem Stade Charléty vom Heimspiel gegen den SC Bastia am kommenden Wochenende bis zum Saisonende nahezu alle Tickets gratis an. Kostenlos sind demnach je Spiel 15 000 der 17 000 Karten, nur VIPs und Gästefans müssen zahlen. Der FC Paris zählte bei Heimspielen in dieser Saison bislang im Schnitt gut 4100 Zuschauer, womit nur knapp ein Viertel des Stadions gefüllt war.

In Paris begründen sie ihre Initiative ähnlich wie in Düsseldorf mit einem Fußballgeschenk für jene, die sich kein Ticket leisten können, aber man möchte auch neue Fans werben und solche Sponsoren, die tendenziell eher an gesellschaftlichen Aspekten interessiert sind. Beide Klubs betonen die soziale Verantwortung des Massenphänomens Fußball. Der Verzicht auf Eintrittsgelder summiert sich in Paris bis zum Saisonende auf etwa eine Million Euro, bei der Fortuna sind die etwa 450 000 Euro pro Heimspiel durch Sponsoren abgedeckt.

In Lübeck sind sie gespannt, wie viele Zuschauer am Samstag kommen und wie viel Geld übrig bleibt. Womöglich würden sie die Aktion auch noch einmal wiederholen, aber ein wirtschaftlicher Faktor für die künftige Ausgestaltung des Spielbetriebs ist das wohl nicht. "Wir hoffen mit dieser Aktion auch einfach auf eine schöne Kulisse für das Spitzenspiel", sagt der Vorsitzende Laudi. In Düsseldorf kürzlich beim spektakulären 4:3-Sieg gegen Kaiserslautern hat dieser Aspekt jedenfalls Wunder gewirkt.

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