Kein Geringerer als Patrick Wiencek brachte es auf den Punkt. Der Kieler Kreisläufer bildet zusammen mit Hendrik Pekeler das Mittelblock-Duo des deutschen Rekordmeisters THW Kiel. Bis zu seinem Rücktritt vor drei Jahren war er mit Pekeler (trat im Vorjahr zurück) auch das Rückgrat der Nationalmannschaft – das Tandem galt vielen als bestes auf dieser Positionen. Man darf also sagen, dass der 35-Jährige so ziemlich alles im Leben eines Handballprofis erlebt hat, nun stand er in der traditionell ausverkauften Kieler Arena und sagte ins Dyn-Mikrofon: „Wenn man den Erlanger Kader ansieht, dann versteht man nicht, warum die unten stehen.“
Gerade hatten die Mittelfranken dem haushohen Favoriten einen großen Kampf geliefert. Kiels Trainer Filip Jicha blickte in der Schlussphase des Öfteren bang zur Hallenuhr, dass diese den Seinen endlich den Arbeitstag beenden möge. Der Einsatz der Gäste blieb letztlich erfolglos, die Kieler fuhren mit dem 28:24-Erfolg wichtige Punkte im Kampf um die deutsche Meisterschaft ein. Der HC Erlangen konnte seine prekäre Situation als Tabellenvorletzter nicht verbessern, Trainer Martin Schwalb wusste die Leistung, obwohl man dem Favoriten einen ungemütlichen Abend bereitet hatte, angemessen einzuordnen: „Um in Kiel zu gewinnen, da fehlt uns schon etwas.“ Das ist natürlich in der Tat so, beispielsweise Viggo Kristjansson oder Nikolai Link.
Der isländische Nationalspieler Kristjansson kam verletzt von der WM zurück, sein weiteres Fehlen schätzt Schwalb auf „ein paar Wochen“ ein. Immerhin ist Abwehrchef Link wohl bald wieder dabei, in Kiel musste er im Hotel bleiben, weil „auch uns die Grippe zu schaffen macht“, wie Schwalb erklärte. Es war die sechste Niederlage in Serie, allerdings meist gegen Konkurrenten, die Schwalb folgendermaßen kategorisiert: „Jetzt reicht es dann auch wieder.“ Gegner also wie Kiel, die nicht in Reichweite der Mittelfranken liegen. Am kommenden Sonntag (15 Uhr) gastiert in Hannover-Burgdorf der vorerst letzte entrückte Konkurrent, danach folgen Gegner „mit ähnlicher Kragenweite“, sagt Schwalb.
Noch ist das Umfeld ruhig, die Zuschauerzahlen sind gut wie nie – aber langsam läuft die Zeit davon
Doch was fehlt seiner Mannschaft nun, um endlich wieder Zählbares zu ergattern? „Wir müssen in kleinen Schritten denken“, sagt Schwalb mantraartig. Hoffnung gebe ihm, „wie die Jungs in jedem Training dabei sind“. Und tatsächlich gibt es Fortschritte, die Zahl der technischen Fehler liegt mittlerweile im verschmerzbaren Bereich, Abwehr und Torhüterleistungen sind deutlich stabiler. Doch Dario Quenstedt, der für Letzteres zuständig zeichnet, ist des Lobes von der Konkurrenz überdrüssig: „Wenn uns auf die Schultern geklopft wird, weil wir gut mithalten, nützt uns das gar nichts. Wir müssen endlich anfangen, unsere Chancen zu nutzen und zu gewinnen.“
Klingt einfach: Fehler minimieren, Chancen verwerten, gewinnen. „Die Ruhe bewahren und hart weiterarbeiten“, ist das Rezept des Trainers, die Voraussetzungen seien ja gegeben: Die Vereinsführung hat in der WM-Pause im serbischen Nationalspieler Milos Kos und eben Kristjansson hochkarätig nachverpflichtet, in Maciej Gebala (Polen), Martin Wagner (Österreich), Sander Overjordet (Norwegen) oder Christoph Steinert stehen diverse Auswahlspieler auf dem Parkett. Die Zuschauerzahlen sind trotz der Misere gut wie nie, der Kader sollte nicht nur nach Ansicht des Kielers Wiencek nominell zu weit mehr imstande sein als Abstiegskampf. Und die Verpflichtung von Schwalb als Trainer ist der bisher größte Coup des Klubs.
Es scheint alles bereitet zu sein, vielleicht fehlt tatsächlich nur eine Initialzündung. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Erfolg Kräfte freilegt. 15 Partien stehen aus, und gerade hat der Hauptkonkurrent Bietigheim dem HCE den Gefallen getan, in Hamburg knapp zu verlieren. Drei Punkte fehlen dem Tabellen-17. Erlangen mit nunmehr desaströsen 5:33 Zählern auf Bietigheim, fünf auf Stuttgart, Schlusslicht Potsdam ist mit null Punkten abgeschlagen. Der Kreis der Abstiegskandidaten wird von Spieltag zu Spieltag kleiner, die Zeit läuft und Martin Schwalb erinnert: „Handball ist Ergebnissport, Komplimente bringen keine Punkte.“

