Vissel Kobe:Fink trainiert nun drei Weltmeister

Vissel wirkt wie ein zweckmäßig eingerichtetes Unternehmen, das Mikitani mit ein paar gezielten Investitionen auf moderne Standards getrimmt hat. Das Trainingsgelände liegt im Stadtteil Nishi am Rande eines fast besenreinen Gewerbegebiets. Drei Plätze, zwei davon mit Hybridrasen. Auf einem der Plätze spielen schweigend zwei versierte Vissel-Jugendteams.

Aber richtiger Fußballerfolg ist hier noch nie produziert worden. Platz sieben war Vissels bestes Ligaergebnis, die Erwartungen der Leute sind deshalb nicht sehr hoch. Außerdem ist die Atmosphäre geprägt von diesem japanischen Gemeinsinn, der allen ein gutes Gefühl geben will. Keine donnernden Schlagzeilengewitter. Und die Fans wirken unbeirrbar in ihrer Hingabe zur Mannschaft.

Beim Spiel gegen Sapporo ist das 30 000-Zuschauer-Stadion voll, und die Fans singen. Fast die kompletten 90 Minuten singen sie. Sie singen nach Kobes Führung. Sie singen nach dem schnellen Ausgleich. Sie singen, als Sapporo durch einen umstrittenen Treffer in Führung geht. Und sie singen in der Schlussphase, als Vissel sich mit mäßigem Geschick um den Ausgleich bemüht. Manchmal wirkt es, als würden die Fans gar nicht mitbekommen, was auf dem Feld passiert. Das Stadion liegt unter einer großen, dröhnenden Wolke aus Freundlichkeit. "Sugoi", findet Fink. Er spürt, dass man hier ohne Druck arbeiten kann. Fußball ohne Nebenkrieg. Wann erlebt man so was noch als Trainer?

"Das ist mein Hauptproblem: Wen lässt du draußen?"

Drei Weltmeister machen nicht automatisch einen J-League-Meister, das ist klar. Zumal Lukas Podolski wegen einer Ohrenentzündung lange nicht gespielt hat. Iniesta war in der ersten Saisonhälfte der begnadete Anführer eines Teams, das weder präzise genug verteidigte noch präzise genug den Ball nach vorne trug. Schwächen zu orten, war Finks erste Pflicht. Dann wurde eingekauft, zum Beispiel der belgische Verteidiger Thomas Vermaelen vom FC Barcelona oder der frühere japanische Nationalspieler Gotoku Sakai vom HSV. "Der Verein hat gut analysiert, wo wir besser werden können, um diese tollen Spieler auch ins Spiel zu bringen", sagt Fink.

Seit den Verstärkungen funktioniert Vissel besser. Das 2:3 gegen Sapporo nach gepflegtem Spiel war eher ein Unfall, außerdem fehlte Iniesta. Davor: 6:1 gegen Tosu, 3:0 gegen Urawa. Luft im Abstiegskampf. Und Fink will die Kräfte bündeln für den Kaiser-Cup, Japans Pendant zum DFB-Pokal. Diverse Spitzenteams sind draußen, Kobe empfängt nächste Woche Kawasaki zum Achtelfinale. Fink sagt: "Die Chance sollte man aufgreifen."

Fink und die großen Namen. Er selbst war einst ein Mittelfeldarbeiter, der beim FC Bayern auf höchster europäischer Ebene gespielt hat. Aber ein Iniesta war er nicht. Wie coacht man so einen? "Ich sage zu ihm, das ist mein System, so wollen wir spielen, und in dem Bereich kannst du dich bewegen." Iniesta ist nicht Finks Problem. Er hat ein anderes: Er darf bei jedem Spiel nur fünf Ausländer im Kader haben, gerade der Weltmeister Villa steht deshalb bisweilen auf der Kippe. Und wenn Podolski zurückkommt, der laut Fink mit Engagement und guter Laune trainiert?

"Das ist mein Hauptproblem: Wen lässt du draußen?" Luxus. Lösbar. Und vielleicht entfaltet das teure Team dann ja wirklich eine Kraft, mit der ein Titel drin ist. Es wäre Vissels erster. Und für Fink ein Signal an die Branche daheim in Europa. "Wenn man hier gute Arbeit macht, kann man meiner Meinung nach überallhin."

Diese Ferne gefällt ihm. "Ja", sagt Fink, "Japan. Spannendes Land für mich."

© SZ vom 11.09.2019/ebc
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