Vissel Kobe:Das teure Team des Thorsten Fink

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Thorsten Fink (links) und sein renommiertester Spieler: der Spanier Andrés Iniesta.

(Foto: imago)
  • Thorsten Fink hat den FC Basel, den Hamburger SV, Apoel Nikosia, Austria Wien und Grasshopper Zürich trainiert - ehe er nach Japan zu Vissel Kobe ging.
  • Das Projekt dort ist ehrgeizig, aber bislang ohne großen Erfolg.
  • Fink spürt, dass er in Japan ohne Druck arbeiten kann.

Von Thomas Hahn, Kobe

Die Melodie der japanischen Sprache ist schön. Sie wirkt manchmal wie schnelle Barockmusik, die sich in herrlichen Klangwirbeln um die Themen windet. Aber sie kann auch direkt sein und in kurzen Sätzen alles sagen, was man wissen muss. Wer sie neu lernt, ahnt bald, dass sie eine sehr eigene Tiefe besitzt, und die Silben, aus denen sich ihre Worte formen, kann ein gewöhnlicher Deutschsprecher am Anfang nicht so leicht einfangen.

Davon kann jetzt auch der deutsche Fußballtrainer Thorsten Fink erzählen, der nämlich seit knapp drei Monaten die Profimannschaft beim J-League-Klub Vissel Kobe leitet. Neulich bei der Pressekonferenz nach der 2:3-Heimniederlage gegen Sapporo hat er den Abschiedsgruß nicht herausgebracht. Andere Worte gehen ihm leichter über die Zunge. Wenn er zum Beispiel über die Stimmung bei seinem neuen Klub spricht, sagt er: "Sugoi." Wahnsinn.

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Seit Juli 2017 bei Kobe: Lukas Podolski.

(Foto: www.imago-images.de)

Die Welt ist groß, Fußball gibt es überall, und Fußballtrainer aus Europa gelten gerade in Asien als begehrte Missionare des Spiels. So hat mancher Coach, der auf dem sogenannten alten Kontinent arbeitslos geblieben wäre, in der Ferne eine gute Anstellung gefunden. Auch Thorsten Fink, 51, ehemals Profi beim FC Bayern und heute ein Coach, dessen Berufsleben sich eingependelt hat zwischen Gefeiert- und Gefeuertwerden. FC Basel, Hamburger SV, Apoel Nikosia, Austria Wien, Grasshopper Zürich waren in den vergangenen zehn Jahren seine Stationen, nicht die besten Adressen, aber auch nicht die schlechtesten.

"Hier kann ich noch was erreichen", sagt Fink

Nach seiner Entlassung beim später abgestiegenen Schweizer Rekordmeister Grasshopper sah er sich keineswegs unter Druck, nach dem nächstbesten Angebot greifen zu müssen. "Ich hatte ja auch eine gute Karriere als Spieler, sodass ich das jetzt nicht so nötig habe, überall rumzureisen." Aber als Vissel Kobe aus Japan anrief, der Klub der drei früheren Weltmeister Andrés Iniesta, David Villa (beide Spanien) und Lukas Podolski (Deutschland), fand er das nicht das nächstbeste Angebot: "Das hat mich interessiert", sagt er.

Fink sitzt in einem Funktionsraum am Trainingsgelände von Vissel. Die Vormittagseinheit ist zu Ende, er hat Automatenkaffee mitgebracht und wirkt entspannt. Die sportliche Lage könnte besser sein. Die J-League-Saison läuft von Februar bis Dezember, als Fink im Juni kam, lag Kobe auf Platz 13, weit entfernt vom erklärten Ziel, um die Meisterschaft mitzuspielen. Der Spanier Juan Manuel Lillo hatte im April nach achtmonatigem Engagement seinen Vertrag nicht verlängert. Nachfolger Takayuki Yoshida blieb zwei Monate. Nun soll es Fink richten mit seinem langjährigen Assistenten Sebastian Hahn. "Eine neue Ära" hat Vissel ausgerufen bei der Vorstellung. Und Fink sieht seine Chance: "Hier kann ich noch was erreichen."

Kobe, Hauptstadt der Präfektur Hyogo, erstreckt sich als schmaler Häuserteppich zwischen Bergen und Meer am Südrand der Insel Honshu. 1,5 Millionen Menschen leben dort. Trotzdem wirkt die Stadt im Vergleich zu den dicht bebauten Metropolen Japans beschaulich. Gelassen. Als hätte sie das Schlimmste schon hinter sich - was hoffentlich auch stimmt.

Denn eine Naturkatastrophe hat Kobe geprägt: das Große Hanshin-Erdbeben vom 17. Januar 1995. Kobe lag damals nur 20 Kilometer vom Epizentrum entfernt und zerbrach binnen 20 Sekunden. 4600 Menschen starben, Verkehrswege und Brücken wurden zerstört. Heute sieht die Stadt aus wie neu erbaut und zieht Kraft aus der Erinnerung an die gemeinsame Anstrengung. Im Hafen kann man sehen, wie schief damals die Laternen standen. Im Higashi-Yuenchi-Park ruht die goldene Marina des Bildhauers Yuki Shintani mit ihrer Uhr, die damals kaputt ging und seither die Zeit des Bebens zeigt: 5:46 Uhr.

Und Vissel, nur wenige Monate vor dem Beben aus dem Kawasaki Steel Corporation Mizushima Soccer Club hervorgegangen, will Teil des Mythos sein. Die Vereinshymne erinnert an die Leistung des Wiederaufbaus ("Zusammen verwundet, zusammen aufgestanden"). Auf der Homepage beschwört der Klub die Einheit mit Stadt und Menschen. Und der Chef des Ganzen ist ein Sohn Kobes, den die Beharrlichkeit der Leute nach dem Beben inspirierte: Hiroshi Mikitani, 54, Selfmade-Milliardär und Pionier des E-Commerce, gründete 1997 den Online-Händler Rakuten, der mittlerweile zu einem prägenden Sportsponsor geworden ist. Mikitani besitzt ein Baseball-Team in Japan, sponsert den NBA-Klub Golden State Warriors in den USA und den FC Barcelona in Spanien - und er ist der allmächtige Eigner von Vissel Kobe.

Fink trainiert nun drei Weltmeister

Vissel wirkt wie ein zweckmäßig eingerichtetes Unternehmen, das Mikitani mit ein paar gezielten Investitionen auf moderne Standards getrimmt hat. Das Trainingsgelände liegt im Stadtteil Nishi am Rande eines fast besenreinen Gewerbegebiets. Drei Plätze, zwei davon mit Hybridrasen. Auf einem der Plätze spielen schweigend zwei versierte Vissel-Jugendteams.

Aber richtiger Fußballerfolg ist hier noch nie produziert worden. Platz sieben war Vissels bestes Ligaergebnis, die Erwartungen der Leute sind deshalb nicht sehr hoch. Außerdem ist die Atmosphäre geprägt von diesem japanischen Gemeinsinn, der allen ein gutes Gefühl geben will. Keine donnernden Schlagzeilengewitter. Und die Fans wirken unbeirrbar in ihrer Hingabe zur Mannschaft.

Beim Spiel gegen Sapporo ist das 30 000-Zuschauer-Stadion voll, und die Fans singen. Fast die kompletten 90 Minuten singen sie. Sie singen nach Kobes Führung. Sie singen nach dem schnellen Ausgleich. Sie singen, als Sapporo durch einen umstrittenen Treffer in Führung geht. Und sie singen in der Schlussphase, als Vissel sich mit mäßigem Geschick um den Ausgleich bemüht. Manchmal wirkt es, als würden die Fans gar nicht mitbekommen, was auf dem Feld passiert. Das Stadion liegt unter einer großen, dröhnenden Wolke aus Freundlichkeit. "Sugoi", findet Fink. Er spürt, dass man hier ohne Druck arbeiten kann. Fußball ohne Nebenkrieg. Wann erlebt man so was noch als Trainer?

"Das ist mein Hauptproblem: Wen lässt du draußen?"

Drei Weltmeister machen nicht automatisch einen J-League-Meister, das ist klar. Zumal Lukas Podolski wegen einer Ohrenentzündung lange nicht gespielt hat. Iniesta war in der ersten Saisonhälfte der begnadete Anführer eines Teams, das weder präzise genug verteidigte noch präzise genug den Ball nach vorne trug. Schwächen zu orten, war Finks erste Pflicht. Dann wurde eingekauft, zum Beispiel der belgische Verteidiger Thomas Vermaelen vom FC Barcelona oder der frühere japanische Nationalspieler Gotoku Sakai vom HSV. "Der Verein hat gut analysiert, wo wir besser werden können, um diese tollen Spieler auch ins Spiel zu bringen", sagt Fink.

Seit den Verstärkungen funktioniert Vissel besser. Das 2:3 gegen Sapporo nach gepflegtem Spiel war eher ein Unfall, außerdem fehlte Iniesta. Davor: 6:1 gegen Tosu, 3:0 gegen Urawa. Luft im Abstiegskampf. Und Fink will die Kräfte bündeln für den Kaiser-Cup, Japans Pendant zum DFB-Pokal. Diverse Spitzenteams sind draußen, Kobe empfängt nächste Woche Kawasaki zum Achtelfinale. Fink sagt: "Die Chance sollte man aufgreifen."

Fink und die großen Namen. Er selbst war einst ein Mittelfeldarbeiter, der beim FC Bayern auf höchster europäischer Ebene gespielt hat. Aber ein Iniesta war er nicht. Wie coacht man so einen? "Ich sage zu ihm, das ist mein System, so wollen wir spielen, und in dem Bereich kannst du dich bewegen." Iniesta ist nicht Finks Problem. Er hat ein anderes: Er darf bei jedem Spiel nur fünf Ausländer im Kader haben, gerade der Weltmeister Villa steht deshalb bisweilen auf der Kippe. Und wenn Podolski zurückkommt, der laut Fink mit Engagement und guter Laune trainiert?

"Das ist mein Hauptproblem: Wen lässt du draußen?" Luxus. Lösbar. Und vielleicht entfaltet das teure Team dann ja wirklich eine Kraft, mit der ein Titel drin ist. Es wäre Vissels erster. Und für Fink ein Signal an die Branche daheim in Europa. "Wenn man hier gute Arbeit macht, kann man meiner Meinung nach überallhin."

Diese Ferne gefällt ihm. "Ja", sagt Fink, "Japan. Spannendes Land für mich."

© SZ vom 11.09.2019/ebc
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