Thomas Tuchel und der BVB Mit Tuchel verlor der BVB zwei Jahre kein Heimspiel

Für die Beendigung der Zusammenarbeit mit Tuchel hatte sich der Geschäftsführer zuvor noch die Zustimmung aller Vereinsgremien geholt. Dem Vernehmen nach gab es auch dort keine starken Fürsprecher für den Trainer, unter dem der BVB es erstmals geschafft hatte, zwei Spielzeiten nacheinander kein einziges Heimspiel zu verlieren. Tuchel selbst hatte zuletzt mehrmals erklärt, er könne keinen nennenswerten Konflikt mit den Spielern erkennen, ansonsten wären die starken Leistungen des Teams zuletzt aus seiner Sicht nicht möglich gewesen. Und in der Vorwoche war in einer Sport-Zeitung berichtet worden, die Spieler hätten sich bei einer Art Vertrauensfrage mehrheitlich pro Tuchel ausgesprochen.

Das soll zu internen Dementi der Spieler geführt haben. Tuchel selbst dementierte die Story später. Unterschätzt wurde in dem Konflikt bisher auch, dass vor allem Sportdirektor Michael Zorc seit fast einem Jahr mit Tuchel keine Arbeitsgrundlage mehr sah. Viel mehr als mit Watzke trug der Trainer offenbar eine Dauer-Auseinandersetzung mit Zorc aus, der als Architekt der sportlichen Erfolgsserie und der viel gerühmten Transferpolitik der Borussia gilt. Ausdrücklich gehe es um "Loyalität und Verlässlichkeit", so Watzke in seinem offenen Brief, um "Vertrauen, Respekt, Team- und Kommunikationsfähigkeit", nicht nur um den rein sportlich zählbaren Erfolg.

Mehr als ein Dissens - die Trennungserklärung des BVB im Wortlaut

"Borussia Dortmund und Trainer Thomas Tuchel gehen ab sofort getrennte Wege. Dies ist das Ergebnis eines Gesprächs zwischen Hans-Joachim Watzke (Vorsitzender der Geschäftsführung), Michael Zorc (Sportdirektor), Thomas Tuchel und dessen Berater Olaf Meinking. (...) Wir bedanken uns bei Thomas Tuchel und seinem Trainerstab für die sportlich erfolgreiche Arbeit beim BVB, die (...) im DFB-Pokalsieg in Berlin gegen Eintracht Frankfurt ihren verdienten Höhepunkt fand. Für seine berufliche Zukunft wünschen wir Thomas Tuchel nur das Allerbeste.

Borussia Dortmund als Arbeitgeber wird sich zu den Hintergründen der Trennung, die das Ergebnis eines längeren Prozesses sind und von allen Klubgremien getragen werden, nicht im Detail äußern und bittet im Sinne aller Beteiligten um Verständnis für den Wunsch, dass nicht auf der Basis von Gerüchten bzw. ohne jeden Hintergrund geurteilt wird. Der BVB legt großen Wert auf die Feststellung, dass es sich bei der Ursache der Trennung keinesfalls um eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Personen handelt. Das Wohl des Vereins Borussia, den viel mehr als nur der sportliche Erfolg ausmacht, wird grundsätzlich immer wichtiger sein als Einzelpersonen und mögliche Differenzen zwischen diesen."

Eine offenbar gezielte Breitseite gegen Tuchel, dem man diese Tugenden wohl nicht mehr recht zutraute. Watzke schreibt weiter: "Vertrauensschutz" sei "seit mehr als einem Jahrzehnt elementarer Bestandteil unserer Führungskultur." Auch damit erinnerte der BVB-Boss an die siebenjährige Zusammenarbeit mit Vorgänger Klopp, der mit seiner wuchtigen Persönlichkeit sicher auch nicht verdächtig ist, ein Leisetreter gegenüber Vorgesetzten zu sein. Im Klub heißt es, man wolle das Kapitel abschließen.

Dazu könnte beitragen, dass man vom Bundesliga-Konkurrenten aus Leverkusen hören kann, Thomas Tuchel sei im Gespräch mit den Bayer-Verantwortlichen. Tuchel und sein Berater haben das bislang ebenso bestritten, wie die Leverkusener Verantwortlichen es in der Öffentlichkeit tun. So oder so, Tuchel wird sich um neue potente Arbeitgeber sicher keine Sorgen machen müssen. Er gilt weiterhin als besonderes Trainer-Talent. Zudem ist von knapp zwei Millionen Euro vereinbarter Abfindung die Rede.

Dortmund dagegen hat sich offenbar längst mit Lucien Favre, 59, verständigt, der zuletzt mit OGC Nizza einen erstaunlichen dritten Rang in Frankreich erobert hatte. Allerdings wird der BVB den Südfranzosen eine Millionen-Ablöse zahlen müssen, um den Schweizer aus seinem laufenden Vertrag zu bekommen. Das schien am Dienstagnachmittag aber im BVB-Umfeld keinen zu stören. Die Erleichterung, die die Nachricht der vollzogenen Trennung dort verbreitete, lässt in Dortmund wieder an ein ruhigeres Arbeiten denken.

Gibt es diesen klaren Dissens? "Ja, den gibt es"

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