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Thomas Müller und die DFB-Elf:Er muss mit

RB Leipzig - Bayern München
(Foto: Jan Woitas/dpa)

Thomas Müller könnte akute Schwächen der Nationalmannschaft direkt beheben. Bundestrainer Löw hat eigentlich kaum noch Argumente, auf ihn bei der EM zu verzichten.

Von Martin Schneider

Sogar bei Ostergrüßen ist Thomas Müller einen Schritt voraus. Weil er auf seinem Hof neben einem Pferde- auch noch einen Hasenstall hat, kann er auf Instagram mit einem mümmelnden Fellknäuel auf der Brust in die Kamera winken. Zusammen mit Frau Lisa besitzt er mehrere Kaninchen, dazu noch deutsche Riesen - eine Rasse, die, wie der Name nahelegt, sehr groß wird.

Hasen und Kaninchen haben ja eine gewisse Bedeutung im deutschen Fußball. Berti Vogts streichelte einst im "Tatort" ein Zweiohr aus nicht ganz ersichtlichem Grund und Philipp Lahm sorgte sich anfangs seiner Karriere, wie er denn seine beiden Kaninchen während der Champions-League-Reisen des VfB Stuttgart versorgen soll. Er hat wohl die Nachbarn gefragt, das vermutete zumindest der damalige Mitspieler Silvio Meißner.

Müller, das sagt er zumindest immer wieder, kümmert sich selbst um den Stall. Zuletzt erzählte er in einem Video während der ersten Welle der Pandemie, als das Bundesgesundheitsministerium den Hashtag und die Botschaft #wirbleibenzuhause bewerben wollte. Müller war da mit einer Harke zu sehen.

In den vergangenen zehn Tagen war Müller jedenfalls zu Hause. Er hat Paella gefuttert, zusammen mit Felix Neureuther und Bastian Schweinsteiger an einer Vorleseaktion für Kinder teilgenommen und ein Internet-Video mit Mats Hummels aufgenommen, der gerade auch zu Hause war. Außerdem hat er sich einen Spitznamen für Leon Goretzka ausgedacht, den er jetzt "Scoretzka" nennt, wegen des englischen Wortes fürs Toreschießen. "Thomas war wohl langweilig", sagte der Torschütze des 1:0 in Leipzig dazu.

Während sich Thomas Müller also möglicherweise langweilte, setzte sich in weiten Teilen der Fußballrepublik endgültig die Erkenntnis durch, dass sich Thomas Müller bitte nicht langweilen sollte. Schon gar nicht kommenden Juni. Denn während die deutsche Nationalmannschaft mit mehreren Bayern-Spielern in zwei Spielen das Tor kaum traf und gegen Nordmazedonien verlor, besiegte der FC Bayern mit denselben Spielern den ärgsten Konkurrenten um die Meisterschaft. In der einen Mannschaft spielt Müller, in der anderen nicht.

Nun sollte man im Fußball immer vorsichtig sein, wenn sich vermeintlich einfache Kausalzusammenhänge aufdrängen. Man kann meistens davon ausgehen, dass die Verantwortlichen sie schon auch erkannt haben, aber hier steht die Frage in einem größeren Kontext.

Denn Müller, das kann man mittlerweile sagen, spielt unter Hansi Flick vielleicht die beste Phase seiner Karriere. Nachdem Niko Kovac ihm den Edeltechniker Coutinho vorziehen wollte und den Ur-Bayer mit seinem mittlerweile auf mehreren Ebenen bitteren Spruch ("Wenn Not am Mann ist, ...") auf die Bank verbannte, erkannte Flick Müllers Fähigkeiten, die weit über das normale Ball stoppen, Ball passen, Ball schießen hinausgehen.

Müller, lange Jahre lang hauptsächlich zuständig für die Abteilung Raumdeutung und gute Laune, oft auch für Kurioses und für besondere Aufgaben, ist beim FC Bayern zum Anführer, teilweise zum Spielertrainer geworden. Auf die Frage, wer mehr Kommandos während des Spiels gebe, Flick oder Müller, verwies Goretzka nach dem Sieg gegen Leipzig auf Letzteren.

Müller dirigiert das Pressing der Bayern, er gibt das Signal, wann die Balljagd beginnen soll. Hinten regelt David Alaba, vorne Müller - und neben seiner Spielertrainertätigkeit findet er auch noch Gelegenheit, dem Brot-und-Butter-Geschäft eines Offensivakteurs nachzugehen. Müller ist aktuell der beste Torvorbereiter in ganz Europa und in ganz Europa spielen auch nach neusten Erkenntnisse ein paar gute Fußballer.

Angesichts dessen stellt sich eigentlich die Frage nicht, ob er mit zur Europameisterschaft muss. Es gibt kaum noch Argumente dagegen - zumal er ja nicht primär aus Leistungsgründen aus der Nationalmannschaft verbannt wurde, sondern um einen Umbruch zu ermöglichen, der nicht wirklich geklappt hat.

Viel diffiziler ist die Frage, wie man ihn in diese Nationalmannschaft einbaut. Beim FC Bayern spielt er auf einer 10er-Position, die es bei Löw aktuell so nicht gibt. Zudem hatte er bislang Robert Lewandowski vor sich, der die Aufmerksamkeit der gegnerischen Abwehr so herrlich praktisch auf sich zieht - auch so ein Spieler fehlt im DFB-Team.

Aber dass Müllers Direktheit und seine Kommunikation offensichtliche Schwächen von Löws Mannschaft ausgleichen würden, das kann auch keiner leugnen. Manchmal ergab sich die Nationalmannschaft ja schweigend ihrem Schicksal, wie jetzt so langsam auch einige Spieler offen zugeben.

Gegen Leipzig sah man zudem, was Müller einer Mannschaft auch ohne Robert Lewandowski geben kann: Zug zum Tor, Gefahr im Strafraum, Verwirrung der gegnerischen Abwehr - vor allem, wenn der Passgeber praktischerweise auch noch in beiden Mannschaften Joshua Kimmich ist. Eine sehr konkrete und sehr verführerische Möglichkeit wäre es für Löw deshalb, einfach die Bayern-Offensive nachzubauen, ergänzt je nach Geschmack oder Gegner durch Ilkay Gündogan, Kai Havertz oder Toni Kroos.

Müller, immer noch erst 31, hat ja so ganz nebenher schon alle Fußballschlachten von Madrid bis Rio geschlagen und er ist immer noch neuntbester DFB-Torjäger der Geschichte. Und selbst wenn er gar nicht von Beginn an spielen sollte - allein seine Anwesenheit im Kader würde den französischen Trainer Didier Deschamps und den Portugiesen Fernando Santos zum Nachdenken zwingen und jene ehrabschneidende Situation verhindern, die bei der WM 2018 eintrat, als die siegreichen Mexikaner frohlockten, sie hätten schon seit Monaten gewusst, wie die Deutschen spielen würden.

Das alles weiß auch Löw und so kann man sich eigentlich jetzt schon überlegen, mit welchen Worten er den verlorenen Sohn wieder in der Nationalelf willkommen heißen wird. Oder man kann sich überlegen, mit welchen Worten er begründen will, dass er das nicht tut. Und weil Fußballer ja die gleichen Spiele sehen wie Fans, müsste er das dann wahrscheinlich auch seiner Mannschaft erklären, warum da einer im Münchner Süden im Hasenstall steht, statt in der Arena im Münchner Norden im gegnerischen Sechzehner.

Das wäre schon schwer genug, und dazu kommt ja noch, dass Löws Mannschaft zu großen Teilen gerade auch irgendwie Thomas Müllers Mannschaft ist.

© SZ/bek
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