Thomas Häßler Im Dschungelcamp quält Häßler seine Bewunderer

Die Klasse von 1990, Fußball-Weltmeister in Italien - dritter von rechts, zwischen Rudi Völler und Thomas Berthold, der kleine Liebling Thomas Häßler.

(Foto: Frank Kleefeldt/dpa)

In Unterhemd und Shorts entflieht der Ex-Nationalspieler dem Fußball und sucht Zuflucht in der zynischen Fernsehwelt. Wieso tut er das?

Von Philipp Selldorf

Die Nationalmannschaft hatte 14:0 gewonnen, doch der Teamchef war nicht zufrieden. Franz Beckenbauer neigte damals noch zum Jähzorn und zu öffentlich zelebrierten Wutanfällen, das Publikum liebte seine Polemiken - die Betroffenen nicht so sehr. Diesmal beherrschte er sich. Beckenbauer beließ es nach dem Test-Kick gegen die Amateurauswahl in der Sportschule Hennef bei ein wenig altbackenem Spott ("sie haben wohl geglaubt, sie sind auf dem Waldspaziergang"), und dann widmete er sich der Vorbereitung des Spiels, das er zum wichtigsten Spiel seiner Laufbahn erhoben hatte. Drei Tage später titelte die niederländische Tageszeitung Telegraaf: "Häßler rettet Beckenbauer vor dem Psychiater."

Das Qualifikationsspiel gegen Wales im November 1989 verhalf Deutschland zur Teilnahme an der WM in Italien und dem Siegtorschützen Thomas Häßler zu unvergänglichem Ruhm. Ohne Häßler kein Titelgewinn, so lautet seither die Formel für die Geschichtsbücher. Der Teamchef Beckenbauer hat dieser Auffassung schon ein halbes Jahr später Referenz erwiesen, als er Häßler für das WM-Endspiel gegen Argentinien in die Startelf aufnahm, obwohl dessen Turnierleistung die Ansprüche nicht befriedigt hatte. Beckenbauer fühlte sich jedoch zur Dankbarkeit verpflichtet.

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Anlass zum Trübsal bietet sich

Viele, die sich seit damals dem großen und liebenswerten Fußballer Häßler verbunden fühlen, empfinden Schmerz, wenn sie ihn jetzt im Fernseher wiedersehen. Dass sich Häßler den verlorenen Seelen im zynischen "Dschungelcamp" angeschlossen hat, bietet Anlass zu grundsätzlicher Trübsal. Mancher Stammzuschauer hält sich diesmal fern von der Sendung, weil er Häßler darin nicht sehen möchte, und wenn die Fachpresse nach der ersten Woche berichtet, dass er bisher bloß als Faulpelz und Langweiler aufgefallen sei, dann ist diese Kritik steil zu begrüßen, denn gegen den Rauswurf hätte Häßler offenbar nichts einzuwenden. Er habe unterschätzt, worauf er sich eingelassen habe, sagt ein Bekannter aus Berlin, "in diesem Bereich des Entertainments hat er nichts verloren".

Aber warum hat er sich überhaupt für die entwürdigende Mission gemeldet? Wegen 100 000 Euro Honorar? Eher nicht. Häßler hatte sich offenbar seine eigenen Beweggründe geschaffen. Er wollte glauben, das "Dschungelcamp" werde ihm Abenteuer und Herausforderung bieten, "mal was ganz Anderes - weit weg vom Fußball". Seiner persönlichen Logik zufolge hätte er etwas Bereicherndes verpasst, wenn er nicht in den Busch gezogen wäre: "Ich bin jetzt 50. Wenn ich morgen über die Straße gehe und überfahren werde, habe ich nur Fußball gehabt - na toll."

Dass Häßler nach Emanzipation vom Fußball strebt, widerspricht dem gängigen Bild. Bisher hieß es immer und auch in den Kreisen der alten Kameraden, dass Thomas Häßler nur dann glücklich sei, wenn ein Fußball in seiner Nähe ist.