Olympia:Zu teuer, zu aufgebläht, zu korrupt

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Olympia: Übrig bleiben die Wintertouristen: Ein privater Skifahrer auf dem Weg nach Hause bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver.

Übrig bleiben die Wintertouristen: Ein privater Skifahrer auf dem Weg nach Hause bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Das Internationale Olympische Komitee ringt weiter um seine Glaubwürdigkeit - nun ist auch Vancouvers Bewerbung für 2030 "im Grunde tot", heißt es. Die Vermittlung der Winterspiele wird zur härtesten Herausforderung.

Von Johannes Knuth

Es war eine traurige Runde, die sich am Wochenende in Vancouver einfand, zu einer außerordentlich anberaumten Presserunde. Auf einem Podium saß Jack Crompton, der Bürgermeister der Gemeinde Whistler, die 2010 im Epizentrum der damaligen Winterspiele lag und auch 2030 das Drehkreuz der neuerlichen Winter-Auflage hätte werden sollen. Dazu die Räte diverser indigener Stammesgruppen, die Vancouvers neue Olympiakampagne als einen Hebel gesehen hatten, um die Aussöhnung zwischen Ureinwohnern und der kanadischen Bevölkerung voranzutreiben. Und nun: Lieferten sich die Würdenträger stattdessen einen Wettbewerb, wer die Mundwinkel tiefer ziehen kann. Der Anlass: Vancouvers Bewerbung für 2030 ist "im Grunde tot", bilanzierten Reporter im In- und Ausland.

An einer Sache konnten freilich auch die enttäuschten Olympiafreunde schwer rütteln: an der Begründung der Landesregierung von British Columbia, die der Bewerbung die Luft genommen hatte. Lisa Beare, die Kultusministerin von British Columbia, hatte kurz zuvor nüchtern vorgerechnet, dass Vancouvers Bewerber mit rund 1,2 Milliarden Dollar kalkuliert hätten. Hinzu wäre eine weitere Milliarde an "zusätzlichen Risiken" gekommen, mindestens. "Wenn wir das gegen unsere Bedürfnisse rechnen, dann glauben wir daran, dass wir uns auf unser Volk konzentrieren sollten", so Beare. So klar hat man das aus dem politischen Betrieb selten gehört: dass sich das vermeintliche Premiumprodukt Olympia und sein aufgeblähter Kosmos immer schwerer vermitteln lassen, zumindest in aufgeklärten Gesellschaften. Olympische Winterspiele erst recht.

Die übrigen Bewerber für 2030 haben ihre kleineren und größeren Flecken

Es mag ein wenig in Vergessenheit geraten sein, aber das Internationale Olympische Komitee (IOC) und seine Bewegung stecken noch immer in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise. Seit Jahren scheitern Bewerbungen, weil Bürgern oder Regierungen (oder beiden) der Spaß zu teuer ist; Korruptionsaffären, zum Teil gerichtsfest verbrieft wie rund um die Rio-Spiele 2016, tun ihr Übriges. Thomas Bach, der deutsche IOC-Präsident, schaffte es zuletzt zwar geschickt, die wenigen verbliebenen Vorzeigemetropolen auf die kommenden Jahre aufzuteilen: Paris und Los Angeles für die Sommerspiele 2024 und 2028, Brisbane, die Heimat seines Intimus John Coates, für 2032, Mailand und Cortina für die Winterfete 2026 (wo schon wieder von finanziellen Turbulenzen die Rede ist). Da ließ es sich vorzüglich (v)erklären, dass nach den Kostenexzessen von Sotschi - samt Staatsdopingskandal -, Pyeongchang und Peking bald eine andere Zeit anstünde im westlichen Kernmarkt, wo noch immer die meisten Sponsoren und Zuschauer sitzen.

Nur: Die härteste Herausforderung steht dem IOC gerade bevor. Winterspiele waren schon immer schwerer zu vermitteln - weltweit kommen weniger Regionen infrage, teure Schanzen und Bobbahnen bleiben später oft ungenutzt, der Klimawandel und skeptische Bürger bringen immer mehr Projekte zum Schmelzen. Und die Bewerber, die für die Winterspiele 2030 übrig sind, Salt Lake City, USA, sowie Sapporo in Japan, haben ihre kleineren und größeren Flecken.

Salt Lake City beherbergte zuletzt vor zwanzig Jahren den Wintertross; der vorgeschaltete Skandal um Stimmenkäufe trieb das IOC damals fast in den Ruin. Das neue Organisationskomitee hat bereits bekundet, dass es lieber die Spiele 2034 ausrichten würde, schon wegen des prall gefüllten Sportkalenders in Nordamerika: 2026 gastiert dort eine Fußball-WM mit 48 Nationalteams, zwei Jahre später Sommer-Olympia in Los Angeles. Das schmeckt dem Kernmarkt in Europa und dessen TV-Anstalten und Sponsoren nicht so sehr. Andererseits: In der Not war das IOC nie wählerisch, und Salt Lake hat auch schon postuliert, man würde für 2030 einspringen - wenn man denn nett gefragt werden würde. Sprich: mit den richtigen Anreizen aus dem Olymp.

Problematischer sieht es in Sapporo aus. Japans Olympiawerber müssen ihre neuerliche Ringe-Kampagne in diesen Tagen anpreisen, während ihre frisch abgewickelte Olympiasause - die Pandemiespiele 2021 in Tokio - eine gigantische Schmiergeldspur nach sich zieht. Staatsanwälte in Japan sind seit Monaten damit beschäftigt, Büros zu durchsuchen, Würdenträger zu verhaften. Vorvergangene Woche waren die Räumlichkeiten einer Werbeagentur und jener Firma dran, welche die Maskottchen der Paralympischen und Olympischen Spiele produziert hatte.

Seit August sitzt zudem ein Mann in Haft, der wie kaum einer für die olympische Bewegung und ihren düsteren Ruf steht: Haruyuki Takahashi. Seit den 1970er-Jahren pflegte dieser für den japanischen Marketinggiganten Dentsu Verbindungen mit dem deutschen Strippenzieher Horst Dassler. Auch rund um die Tokio-Spiele soll sich Takahashi reich bedient haben, die Staatsanwälte werfen ihm vor, rund 1,2 Millionen Euro an Schmiergeldern von Firmen kassiert zu haben, die mit den Spielen Geschäfte machten. 1,2 Millionen, Stand jetzt.

Winterspiele sind ein Ladenhüter mit immer ungewisserer Zukunft

In Paris ermitteln Staatsanwälte indes noch immer, was es mit verdächtigen Überweisungen aus Tokio ans Umfeld des mittlerweile verstorbenen IOC-Mitglieds Lamine Diack auf sich hat. Der alte Diack verschaffte Tokio bei der Vergabe für 2020 offenbar entscheidende Voten (was Diack und sein Sohn Papa Massata stets bestritten). Die Affäre drängte Tsunekazu Takeda, den einstigen Chef von Japans Olympia-Komitee und ebenfalls langjähriges IOC-Mitglied, aus den Ämtern.

Das IOC teilte zuletzt mit, man hege "größtes Interesse, dass dieser Fall vollumfänglich geklärt wird". Tatsächlich dürfte es schwer daran interessiert sein, sich von dem stinkenden Sumpf so rasch es geht zu distanzieren. Als die Ausrichter der Tokio-Spiele unlängst das einjährige Jubiläum ihrer 2021er-Spiele feierten, ließ Bach sich entschuldigen: Terminkonflikte.

Tatsächlich plagen die Bewerber für Sapporo 2030 schon jetzt alte Probleme. Die Bevölkerung ist offenkundig wenig angetan, ein Referendum soll nicht stattfinden - wohl auch, weil sich die veranschlagten Kosten, rund 2,6 Milliarden Euro, wie in Tokio massiv aus öffentlichen Quellen speisen dürften.

Das alles erinnert daran, was Olympia oft war, ist und bleibt: eine gigantische Umverteilung von öffentlichen Geldern in private Taschen. Und, im Fall der Winterspiele, ein Ladenhüter mit immer ungewisserer Zukunft.

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