Karriereende von Tessa Worley:Abschied des Pistenflohs

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Immer voller Schub: Tessa Worley bestreitet beim Saisonfinale in Soldeu den letzten Riesenslalom ihrer Profikarriere. (Foto: Alain Grosclaude/Getty Images)

Nicht groß von Statur, aber eine der Größten ihres Sports: Die Französin Tessa Worley prägte den alpinen Ski-Weltcup 15 Jahre lang - mit Erfolgen und ihrer unaufdringlichen Art.

Von Johannes Knuth

Tessa Worley hatte alle Vorkehrungen getroffen: Sie hatte keine Vorabmeldung herausgegeben, sie unternahm das letzte Alpin-Rennen ihrer Karriere auch nicht in Lederhose und Zwergenmütze (wie die Österreicherin Nicole Schmidhofer). Worley bestritt den Riesenslalom beim Saisonfinale in Soldeu, den sie als Elfte beendete, so, wie sie es stets gehalten hatte: mit vollem Schub bis zum letzten Tor, ansonsten: Bloß kein Aufheben!

Es stand für sich, dass der Trubel, den die 33-Jährige nie gesucht hat, sie so oder so fand: Im Ziel wartete der Fanklub aus Le-Grand-Bornand, ihrer Heimat in Frankreich, Athletinnen und Betreuer applaudierten. Irgendwann trugen sie Worley auf den Schultern, nur dass es keine Blumen regnete, sondern Champagner. Worley spannte ihr Können über 15 Winter, das schaffen nicht viele Skirennfahrer, und noch viel weniger gewinnen zwei WM-Titel im Riesenslalom, zwei Mal die Weltcup-Wertung in selbiger Disziplin, 16 Tagessiege dazu.

Mehr haben überhaupt nur Vreni Schneider (20) und Mikaela Shiffrin gesammelt. Die Amerikanerin, die sich mit ihrem 21. Erfolg in Andorra auch an die Spitze dieser Wertung klemmte, sagte: "Tessa war immer eines meine Idole. Es wird sehr komisch sein, wenn sie bald nicht mehr dabei ist."

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Das eine war ihr Können, ihre Ausdauer, mit der sie Meilensteine auf dem Pfad ihres Sportlerlebens einpflockte: erster Weltcup im Oktober 2007, erster Sieg schon im Jahr darauf. Der erste WM-Titel 2013, der zweite vier Jahre später, 2022 noch mal der Sieg in der Riesenslalom-Wertung, den sie der Schwedin Sara Hector noch entriss. Man unterschätzt sie leicht, bei 1,57 Meter Körpergröße und 58 Kilo Gewicht. In Frankreich rufen sie Worley "la puce", den Floh. Aber auf der Piste überlistete der Floh die anderen immer wieder, vor allem wenn das Geläuf unbequem war, eisig und ruppig.

Statt mit Worten trieb Worley sich und die anderen lieber mit Taten zu Bestleistungen

Das andere war Worleys Art, immer positiv gestimmt, selbst nach einem Kreuzbandriss 2013 oder als sie zuletzt feststellte, dass es ihr immer schwerer fiel, mit der Weltspitze mitzuhalten. Ihre Trainer schwärmten stets, wie einfach Worley zu trainieren sei, welch großen Respekt sie allen entgegenbringe. Worley begriff den Alpinbetrieb nicht als Laufsteg wie einst Lindsey Vonn, sie fetzte sich nicht mit Konkurrentinnen oder präsentierte Botschaften auf ihrem Sport-BH wie einst die Slowenien Tina Maze, die so gegen die Unterstellung protestierte, sie fahre mit unerlaubt luftundurchlässiger Unterwäsche. Worley trieb sich und die Konkurrenz lieber mit Taten als mit Worten zu Bestleistungen, und damit dürfte sie auch die eine oder andere Fahrerin inspiriert haben. "Es freut mich sehr, dass ich den Weltcup auch mit meiner Persönlichkeit prägen konnte", sagte Worley zum Abschied. So viel Eigenlob genehmigte sie sich dann schon.

Zugleich äußerte Worley in der Sportzeitung L'Équipe auch Sorge, wie die kommenden Generationen in den immer teureren Alpinsport finden sollen. Sie wurde einst in einer Zeit groß, in der es auf Europas Dächern genug schneite; Worley lebte bis zu ihrem siebten Lebensjahr sogar nur im Winter, weil sie die europäischen Sommer im winterlichen Neuseeland verbrachte, in der Nähe der australischen Heimat ihres Vaters. Und jetzt, mit dem Klimawandel? "Wir sollten alle besorgt sein", sagte Worley, aber sie trage auch die Hoffnung in sich - wie immer -, dass sich alles zum Positiven wende.

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