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Terror in Paris:Die Stunden nach dem Knall

Zuschauer des Spiels Frankreich - Deutschland auf dem Spielfeld des Stade de France.

Nach Abpfiff strömten viele Zuschauer auf das Spielfeld im Stade de France.

(Foto: AFP)

In Minute 16 wird Frankreich gegen Deutschland ein belangloses Fußballspiel: Szenen aus dem Stadion, in dem eigentlich gehüpft werden sollte und das kurze Zeit später in tieftraurige Stille verfällt.

Am Ende des Abends, der mit einem Knall begann und bald in tieftraurige Stille umschlug, klebt da ein Spruch auf dem Fußboden des Regionalbahnhofs La Plaine - Stade de France. Es ist einer dieser Aufkleber, die man sich auf den Mantel pappt, wenn man etwas so Belangloses wie ein Fußballspiel mit ein bisschen Pathos aufladen will. "Qui ne saute pas n'est pas français", steht darauf, weiße Buchstaben auf blauem Grund. Die Trikotfarben der französischen Nationalmannschaft.

Wer nicht hüpft, ist kein Franzose.

Es geht auf halb zwei Uhr zu in der Nacht von Freitag auf Samstag, kein Franzose hüpft, kein Deutscher hüpft in La Plaine - Stade de France, es sagt auch fast keiner etwas, und wenn einer was sagt, dann im Flüsterton. Nur die routinierte Frauenstimme von der Bahngesellschaft gibt die neuesten Verkehrsnachrichten durch: Wegen eines unbeaufsichtigten Gepäckstücks an der Gare du Nord ist der Zugverkehr der Linie B bis auf Weiteres unterbrochen.

Vorläufige Bilanz: 129 Tote, 352 Verletzte

In den Smartphones der Leute, die hier still beieinander stehen, ist natürlich längst zu lesen, dass das unbeaufsichtigte Gepäckstück gerade das kleinste Problem ist in Paris. Die Stadtverwaltung hat alle Bewohner aufgerufen, Wohnungen und Hotels nicht zu verlassen. Aber man muss ja erst mal nach Hause kommen durch diese in Blaulicht und Sirenenlärm getauchte Stadt, um Wohnung oder Hotel nicht verlassen zu können. Ohne U-Bahn, fast ohne Nahverkehr - und die Taxifahrer, von denen jetzt viele ihre Fahrgäste gratis befördern, können auch nicht überall gleichzeitig sein.

Der Knall: Wie man inzwischen weiß, war das der Auftakt zum schlimmsten Terroranschlag, den Frankreich je erlebt hat. Diverse Anschlagsziele in der französischen Hauptstadt, 129 Tote, 352 Verletzte, 99 von ihnen in Lebensgefahr - das war die vorläufige Bilanz am späten Samstagabend. An der Rue Bichat, Ecke Rue Alibert hat sich am Samstag eine lange Schlange gebildet von Leuten, die ihr Blut spenden wollten für die Opfer - und es gehört zu den bizarren Details dieser Tragödie, dass sich auch in die Außenwand des Blutspende-Zentrums EFS sieben Einschusslöcher geschlagen haben. Genau gegenüber, in den Restaurants "Le Carillon" und "Le Petit Cambodge", sind am Freitagabend mindestens zwölf Menschen erschossen worden.

Der Knall: Während unten auf dem Rasen Deutschland gegen Frankreich dieses Freundschaftsspiel austrägt, während sich die Leute noch fragen, ob das wohl eine gute Idee ist vom Bundestrainer Joachim Löw, ausgerechnet heute eine Dreierkette auszuprobieren, hat schon dieser erste Schlag die Tribünen vibrieren lassen. Das war in der 16. Minute. Der nächste folgt wenige Minuten später, Patrice Evra hat gerade den Ball am Fuß, er blickt kurz irritiert auf, spielt weiter. Der dritte Knall ist dann etwas weiter entfernt - zu diesem Zeitpunkt hat sich die Ehrentribüne schon geleert, Staatspräsident François Hollande ist von der Ehrentribüne weggebracht worden und leitet bald darauf eine Krisensitzung.