Marc-André ter Stegen, 33, füllte die Rollen, die ihm am Dienstagabend im spanischen Guadalajara übertragen worden waren, bestens aus. Sollte er das Schaufensterpüppchen oder „nur“ den Barça-Torwart mimen? So oder so, an der Leistung des DFB-Torwarts war nichts auszusetzen. Barcelona siegte beim Drittligisten Deportivo Guadalajara schmucklos mit 2:0, womit ter Stegen bei seinem ersten Auftritt seit dem 18. Mai (3:0 gegen den FC Villarreal) das Auslagenfenster sauber hielt. Nach dem Ende der Partie blieb er stumm wie ein Mannequin, sodass Rätsel blieben. Vor allem: Wie es mit seinem beruflichen Leben weitergehen wird und davon abhängig, ob er um jeden erdenklichen Preis eine Chance auf die WM 2026 haben will.
Derartigen Fragen nachzugehen, ist derzeit alles andere als einfach. Ter Stegen selbst hat sich seit seiner Krankmeldung aus dem Sommer – als er sich der zweiten Rücken-Operation seiner Karriere unterziehen musste und in einen geharnischten Konflikt mit dem FC Barcelona geriet – der Öffentlichkeit weitgehend entzogen. Auch ter Stegens Umfeld schweigt zu Anfragen. Immerhin gibt es keinen Anlass zu größerer Sorge: Ter Stegen wirkt gerade nicht wie ein Mensch, der eines Tages darüber klagen wird, das Glück vorbeiziehen gelassen zu haben. Im Gegenteil: In sozialen Netzwerken ließ er die Menschheit daran teilhaben, wie er am Rande seiner Reha im französischen Bordeaux in einem Hipster-Café seine Barista-Fertigkeiten perfektionierte; die Bilder, die ihn an der Seite seiner Partnerin zeigen, lassen vermuten, dass er tagein, tagaus den Pata Pata tanzt. Wer wollte darauf auch nur für ein halbes Jahr verzichten wollen?

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Was ja im Grunde die Frage ist, vor der ter Stegen steht. Erst vor wenigen Wochen hatte Bundestrainer Julian Nagelsmann gesagt, dass der 33-Jährige nur dann eine Chance auf eine WM-Berufung hätte, wenn er regelmäßig spielt – und das gut. Noch vor Monaten erklärte Nagelsmann ter Stegen zur Nummer eins, seit dessen Rücken-Malheur jedoch spielt Oliver Baumann (TSG Hoffenheim) verlässlich und gut. Ter Stegen weiß: In Barcelona ist es nahezu ausgeschlossen, dass er als Nummer eins spielt – es sei denn, der unlängst verletzte Joan García fällt neuerlich aus.
Erst vor gut zehn Tagen erklärte Barça-Trainer Hansi Flick, dass der im Sommer verpflichtete García „die Nummer eins ist“, das sei „klar“. Flick sagte seinerzeit auf Nachfrage noch etwas anderes: dass Bundestrainer Nagelsmann sich bei ihm, Flick, nicht gemeldet habe.
Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Nagelsmann seinem Torwarttrainer Andreas Kronenberg in Torwartfragen enorm viel Autonomie zubilligt. In der DFB-Zentrale war nun allerdings zu hören, dass es zuletzt sehr wohl zu einem Chef-Gipfel zwischen Nagelsmann und Flick gekommen sei, fernmündlich. Über den Inhalt der Unterredung, die der SZ in Barcelona aus berufenem Munde bestätigt wurde, wurde nichts bekannt. Flick dürfte aber Nagelsmann kaum Hoffnungen gemacht haben, dass ter Stegen wieder Nummer eins werden könnte.
Denn rund ums Pokalspiel in Guadalajara wollte sich Flick nicht einmal darauf festlegen, dass ter Stegen – hinter der Sommerverpflichtung García und vor dem früheren polnischen Nationaltorwart Wojciech Szczesny – aktuell Barças Nummer zwei sei. Und das, obwohl ter Stegen bei Barça weiterhin erster Kapitän ist. „Wir haben uns im Trainerstab ausgetauscht und gesagt: Okay, wir geben ihm die Chance, zu zeigen, dass er zurück ist. Aber es ist für dieses Spiel. Das ist alles, mehr nicht“, sagte Flick am Dienstagabend.
Nach 75 Minuten kann ter Stegen endlich zeigen, dass er immer noch ein verlässlicher Torwart ist
Es war ein Satz, der für die Mannequin-Theorie sprach. Denn es klang danach, als sollte ter Stegen bei Barças Ausflug nach Kastilien-La Mancha vor allem möglichen Interessenten im In- und Ausland beweisen, dass er wieder oder immer noch ein verlässlicher Torwart ist. Er tat dies insbesondere kurz nach der spät erzielten 1:0-Führung durch Andreas Christensen (76.), als der Deportivo-Stürmer Salifo Caropitche den ersten Schuss losließ, der eine echte Prüfung darstellte. Ter Stegen parierte mit Bravour – und ermöglichte so, dass Marcus Rashford in der Schlussminute den 2:0-Endstand erzielte, der Barça den Einzug ins Pokalachtelfinale sicherte.
Ter Stegens Qualitätsnachweis kam überraschend, weil die katalanischen Radiostationen noch am Nachmittag berichtet hatten, der deutsche Keeper würde auf der Bank sitzen. Er spielte dann aber, aus Klubsicht zur rechten Zeit, weil das Winter-Transferfenster mit dem nahenden Jahreswechsel öffnet. Das Problem ist, dass das nichts an der grundlegenden Problematik für ter Stegen ändert: Feste Arbeitsplätze für Top-Torhüter sind in ganz Europa knapp, erst recht mitten in der Saison.
Eine angebliche Anfrage aus der Türkei, die über den Klub umgehend bei der Zeitung Sport landete, soll ter Stegen nicht in Erwägung gezogen haben. Das dürfte sportliche, aber auch familiäre Gründe gehabt haben: Schon im vergangenen April erklärte ter Stegen in einem Podcast der Bild-Zeitung, wie sehr ihm nach der Trennung von seiner Frau Daniela daran liegt, den Kindern weiterhin zu ermöglichen, mit beiden Elternteilen aufzuwachsen.
El Mundo Deportivo berichtete Anfang der Woche, ohne Quellenangabe, dass ter Stegen einen Wechsel nicht kategorisch ausschließe. Wobei eines nicht infrage kommt: dass ter Stegen auch nur auf einen Cent der Dotierung seines bis 2028 laufenden Vertrages verzichtet – allein schon, weil er dem Verein in schwierigen Zeiten durch Stundung von Gehaltszahlungen beigesprungen war. Das muss einer möglichen Leihe im Winter nicht entgegenstehen; Barça würde ihr zustimmen. Die Pläne des Mannequins bleiben gleichwohl ungewiss. „Über seine Zukunft entscheidet er, nicht ich“, sagte Trainer Flick rund ums Spiel in Guadalajara.

