Wenn Mats Merkel, 41, über die Emotionen von Diego Dedura spricht, muss er erst mal wenig lächeln. Er weiß ja, wie dieser 18-Jährige ist. Und was im vergangenen Jahr alles in München los war. Da sind, salopp formuliert, die Gäule mit dem Wuschelkopf durchgegangen. Vor Freude.
Das erste Mal hatte Dedura damals das Hauptfeld eines ATP-Turniers erreicht. Als Lucky Loser war er nachgerückt aus der Qualifikation, in der er sein letztes Match verloren hatte. Als dann der Kanadier Denis Shapovalov in Runde eins aufgab beim Stand von 6:7 (2) und 0:3, jubelte Dedura, wie es noch keiner tat. Er zeichnete ein Kreuz in den Sandbelag und legte sich rücklings darauf. „Viele empfanden das als negativ“, sagt der Karlsruher Merkel, der beim Vermarktungsriesen IMG angestellt ist und sich als Agent um Dedura kümmert: „Man darf nicht vergessen, er war doch gerade 17, er war einfach happy. Über die zweite Runde im Hauptfeld und über das Preisgeld. Das half ihm extrem für die Saison.“ Für Merkel steht fest: „Diego hat das Herz absolut am richtigen Fleck.“
Nun, zwölf Monate später, steht Dedura wieder in der ersten Runde des Münchner ATP-Turniers. Brach er noch bis dahin einige Altersrekorde, als er etwa der Erste war, der 2008 geboren wurde und ein Match auf der ATP Tour bestritt, ist er jetzt einfach ein normaler Profi, der sich durch die Quali gekämpft hat. Diesmal siegte der Linkshänder, der nicht nur Rafael Nadal bewundert, sondern auch stilistisch an den Spanier erinnert, dort zweimal aus eigener Kraft. Natürlich ging es nicht ohne kuriosen Auftritt. Als sich in seinem Zweitrundenmatch sein Quali-Gegner Sumit Nagal an der Hand behandeln lassen musste, stellte sich Dedura zu dem Inder und beobachtete eindringlich das Prozedere. Merkel dachte sich, wie er zugibt, in diesem Moment: „Diego, was machst du da?“
„Das Coole an Diego ist: Er hat null Ego“, sagt sein Agent Merkel
Dedura ist eben nicht der typisch genormte Profi. Sehr gläubig ist er, vier Sprachen spricht er, Vater Cesar stammt aus Chile, Mutter Rūta aus Litauen. Beide fehlen in München, dafür assistiert ihm Lamin Lourenzo da Silva als Schlagpartner und Trainer, der wie Dedura aus Berlin kommt und in der zweiten Bundesliga für Blau-Weiß spielt. Merkel lächelt wieder und sagt: „Und er kommt halt aus Berlin, und Berlin ist ein ganz anderes Pflaster als viele andere deutsche Städte. Das hat ihn natürlich geprägt. Wenn man ihn fragt, was sein Musikgeschmack ist, wird er nicht sagen: Ich liebe Ed Sheeran. Er findet halt Deutsch-Rap geil. Und das finde ich auch okay.“
Das sollte heißen: Dedura kneift nicht vor Duellen. Merkel drückt es verständlicherweise diplomatischer aus: „Resilienz brauchst du auf jeden Fall im Tennis.“
Dass dieser Einzelsport besonders an Körper und Seele zehren kann, musste Dedura schon nach seinem erfolgreichen Münchner Turnier 2025 erfahren. Das vergangene Jahr war ein wechselhaftes mit Rückschlägen für das große deutsche Talent, das bislang noch etwas im Schatten des in der Weltrangliste höher platzierten Justin Engel (186.) steht. Dedura musste sich erst am Steißbein operieren lassen. Dann folgten, auf seiner Tingeltour zu den kleineren Turnieren auf Challenger- und ITF-Ebene, viele frühe Niederlagen. Erst Ende 2025 hatte er wieder einen Lauf und gewann ein kleines Turnier in Agadir. „Es war ein sehr lehrreiches Jahr“, sagt Merkel, „er hat Widerstandskraft.“ Wobei Merkel versichert: „Er kommt extrovertierter an, als er ist.“
Am Dienstagnachmittag bei den BMW Open verlor Dedura dann schließlich seine Erstrundenpartie gegen Flavio Cobolli, er wehrte sich richtig gut gegen den Weltranglisten-16. aus Italien, der im vergangenen Jahr den Titel in Hamburg gewann. „Das war heute eine super Erfahrung“, sagte Dedura. Der schwierigste Sprung sei der vom Jugend- in den Erwachsenenbereich: „Das hier ist eben das ATP-Niveau.“ Er sei trotz der Niederlage „super zufrieden mit meiner Leistung“. Seine wichtigste Erkenntnis bleibt: „Es ist einfach ein dauerndes Kämpfen, man muss sich immer wieder durchbeißen.“
Dedura hat sogar die Chance auf die Qualifikationsrunden bei den Grand-Slam-Turnieren
Für ihn geht es weiter nach Madrid, für das Turnier der 1000er-Kategorie erhielt Dedura eine Wildcard, das Event der Masters-Kategorie dort wird von IMG veranstaltet, jener Agentur, bei der auch Dedura unter Vertrag steht. Wie es dann weitergeht? Helfen die deutschen Turniere dem Talent unter die Arme? „Das Coole bei Diego ist“, sagt Merkel: „Er hat null Ego. Ihm ist es egal, ob er eine Wildcard für die Quali oder das Hauptfeld bekommt. Hauptsache er kann auf deutschem Boden spielen. Er freut sich einfach nur über jede Unterstützung als junger deutscher Spieler.“
Das Ziel sei es, Stufe für Stufe weiterzugehen, in der Weltrangliste zu klettern, Nummer 258 ist er aktuell. „Das ist mega für jemanden, der 2008 geboren ist“, betont Merkel, der auch Wert auf eine andere Entwicklung legt: „Er soll sich gleichzeitig spielerisch verbessern. Wir schauen nicht nur aufs Ranking, denn dann kommt das Ranking von ganz allein.“ Mit den Eltern ist Merkel auch dauernd im Austausch. Sollte Dedura ein paar Siege mehr erzielen, hat er in diesem Jahr die Chance, in die Qualifikationsturniere der Grand Slams in Paris, Wimbledon und New York zu rutschen. „Es gilt jetzt, Diego zu formen“, sagt Merkel: „Er ist der Berliner Rohdiamant sozusagen.“



