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Tennis:Zwischen Inzidenz und Koinzidenz

Jahrzehntelang hat die Tour einen Bogen um Köln gemacht. Jetzt finden dort nacheinander gleich zwei Turniere statt: Ob es sie nach der Pandemie weiter gibt, hängt auch davon ab, welche Emotionen sie ohne Besucher wecken können.

Von Milan Pavlovic, Köln

Bett1Hulks Indoors Tennis Tournament In Cologne - Day 2

Eine Attraktion weniger: Die Zverev-Brüder Mischa und Alexander verloren am Dienstag ihr Doppel. Im Einzel sind beide noch dabei.

(Foto: Christof Koepsel/Getty Images)

Welches Tennisturnier haben sowohl Björn Borg als auch Jimmy Connors, Ivan Lendl und Kevin Curren gewonnen? Nein, nicht Wimbledon, Ivan Lendl dürfte bei dieser Behauptung gequält gucken. Sondern die Cologne Open, wo einst auch Teenager wie Boris Becker und Stefan Edberg ihre ersten Gehversuche in der Profiwelt unternahmen. Man sollte meinen, dass das zu einem Traditionsevent führen musste, das fürsorglich gepflegt wird. Doch da kennt man Köln schlecht. Dort gab man das Turnier nach zehn Jahren auf, auch einem Wiederbelebungsversuch (1992, Sieger Bernd Karbacher) fehlte der längere Atem. Tennis in Köln? Kennen die meisten Einheimischen nur noch von einem Showkampf zweier Blondinen (Steffi Graf und Anna Kurnikowa), mit dem vor 22 Jahren die riesige Kölnarena zu einem Drittel gefüllt wurde. Hochtrabende Projekte wie ein Event im Müngersdorfer Fußballstadion blieben unrealisiert.

Edwin Weindorfer redet gerne über Tennis und Tradition, aber er hat gerade keine Zeit, nostalgisch zu werden. Der Österreicher wusste vor zwei Monaten nicht mal, dass er jetzt Teil einer Bubble in Köln sein würde. "Wir haben den Turnierplan gesehen" - auf dem längst abgesagte Herbst-Turniere in Asien standen - "und haben gemerkt, da zerbröckelt alles", erinnert sich der gewiefte und gut vernetzte Veranstalter. "Die ATP (Spielervereinigung der Männer; Anm. d. Red.) hat dann kurzfristig Ende August entschieden, vier Turnierlizenzen neu auszuschreiben, wir haben den Vertrag Anfang September unterzeichnet."

Es musste alles schnell gehen, trotzdem wurden zunächst verschiedene Varianten durchgespielt. "Ursprünglich wollten wir ein Männer-Turnier veranstalten", erklärt Weindorfer, "doch dann fragte unsere Turnierdirektorin Barbara Rittner: Kann man nicht ein Männer- und ein Frauenturnier machen? Das war leider nicht umsetzbar, weil die Frauen-Organisation WTA zu zögerlich war. Da war aber keine Zeit zu verlieren, deshalb haben wir uns für die Männer entschieden." Dann kam Titelsponsor Bett1, dessen Geschäftsführer Adam Szpyt ein in Berlin lebender Köln-Aficionado ist, "und brachte uns auf die Idee, ein zweites Turnier in Köln zu machen. Mit der Verbindung zu Wien" - wo direkt im Anschluss ein höher dotiertes Event ansteht - "war das perfekt, und da die ATP versucht, Turniere zu veranstalten, weil daran ja alle möglichen Jobs hängen, wurde das Projekt sofort akzeptiert, und die drei Wochen durchgehende ATP-emotion-group-Strecke Köln-Köln-Wien war Realität." Die beiden deutschen Wochen - Barbara Rittner taxierte im Kölner Stadt-Anzeiger das Budget auf "drei bis vier Millionen Euro für die beiden Turniere" - sind durch den Titelsponsor abgesichert.

Es könnte eine Win-Win-Situation sein: Die Spieler spielen (zumindest die Männer), die TV-Sender übertragen, Sponsoren erhalten Abspielflächen, und wenn alles gut läuft, dürfen Zuschauer dabei sein, was Mischa Zverev bei seinem Auftaktmatch "besonders schön fand, weil man endlich wieder in echte Gesichter sehen konnte". Als Weindorfer das mutige Projekt Mitte September vorstellte, waren die Inzidenzwerte harmlos, die Zahl der Infizierten überschaubar, 6000 Besucher hätten in die Lanxess-Arena in Köln-Deutz täglich kommen dürfen, Attraktionen wie die Zverevs und Andy Murray waren gebucht. In diesen Tagen wäre man angesichts steigender Corona-Werte froh gewesen, durchgängig wenigstens 999 Menschen vor der Halle zu kontrollieren, durch eine sanfte Desinfektionsschleuse zu schicken und im besten Fall auf die inoffiziellen Logen-Plätze - geräumige Matratzen auf einer Kopfseite des Feldes - zu lotsen.

"In unseren Kalkulationen waren die Zuschauer nie ein Thema, weil man ja immer vom Worst Case ausgehen muss - und da sind wir ja jetzt wieder", sagt Weindorfer. "Am Montag und am Dienstag durften wir noch 999 Zuschauer zulassen, aber es kann sein, darauf sind wir gefasst, dass wir auf 250 reduzieren müssen. Und dann muss man überlegen, ob man nicht gleich den kompletten Cut macht, denn was sagst du den Leuten? ,650 von euch müssen gehen'? Dann sag' ich lieber zu allen, es ist abgesagt, und wir spielen das Turnier ohne Zuseher." Ab Mittwoch, entschieden die Veranstalter deshalb selbst, sind erst einmal keine Zuschauer mehr zugelassen.

Zverev-Brüder scheitern im Doppel

An der Seite seines älteren Bruders Mischa Zverev, 33, ist Deutschlands Top-Spieler Alexander Zverev beim Turnier in Köln in der ersten Runde der Doppel-Konkurrenz gescheitert. Die Brüder verloren mit 6:2, 4:6 und 6:10 im Match-Tiebreak gegen Raven Klaasen aus Südafrika und den Österreicher Oliver Marach. Alexander Zverev, 23, nahm sich die Niederlage durchaus zu Herzen, fluchte ab Ende des zweiten Satzes immer wieder lautstark. Da ein Doppel laut Corona-Regeln als Teamsport-Wettbewerb gilt, durften im Gegensatz zu den Einzel-Matches keine Zuschauer dabei sein.

Die Spieler müssen mit anderen Restriktionen klarkommen. Die ATP hat vor drei Wochen ein "Return to Competition"-Dokument mit Regeln vorgestellt, das inzwischen verschärft worden ist. "Wir wollten zwei Restaurants in der Nähe exklusiv für die Spieler und Leute in der Bubble mieten, damit sie nicht immer im Hotel essen müssen", sagt Weindorfer. "Aber das hat die ATP abgelehnt, vielleicht auch wegen Erfahrungen von den French Open. Im Dorint-Hotel haben wir eine komplette Etage gemietet, da kommen nur die negativ getesteten Spieler und Offiziellen rein, das ist unsere Sicherheitszone. Und dahin dürfen sich die Spieler ihr Essen liefern lassen."

Der Steirer hat Verständnis dafür, dass manche Athleten beim Leben in der Bubble Lagerkoller überkommt, er verweist auf Alexander Zverev, der vier Wochen in New York kaserniert war, dann ins weniger strikte Paris wechselte und jetzt wieder drei Wochen zwischen Tennishalle und Hotel pendelt, das einen Aufschlag entfernt von der Halle ist. "Ich bin jetzt drei, vier Tage da", sagt Weindorfer, "ich weiß nicht, wie gut es mir nach 14 Tagen geht - immer im gleichen Hotel ... und nicht das Hotel verlassen dürfen ..." Deshalb verstehe er den Unmut mancher Spieler. Aber andererseits "dürfen sie zumindest ihren Job ausüben, nicht alle Sportler haben in diesen schwierigen Zeiten das Glück".

Wie es weiter geht, auch für Tennis in Köln? "Diese zwei Lizenzen sind vorerst für dieses Jahr, und wir haben ein Vorrecht in der Zukunft, sie zu nutzen. Niemand weiß aber, was im Kalender 2021 passieren wird." Trotzdem müsse man planen und sich etwas trauen, "es muss ja irgendwann wieder einen Weg zurück in die Normalität geben", findet Weindorfer. Er habe in Sponsorengesprächen "gespürt, dass es Firmen gibt, die sagen: Wir können jetzt nicht alle den Kopf in den Sand stecken für die nächsten Jahre, wir wollen Flagge zeigen". Das habe ihm Mut gemacht. Barbara Rittner ist das nicht genug: "Wenn es darum geht, ob das Event in Köln bleibt, müssten sich mehr Kölner Unternehmen engagieren", stichelte die 47-Jährige zuletzt. "Köln nennt sich Sportstadt, außer beim FC sehe ich aber nicht viel Engagement." Rittner, die seit 30 Jahren in der Domstadt lebt, ist geschickt, wenn es ums Taktieren und Anstacheln geht. Oder aber sie träumt, ganz Kölnerin, einfach von einer neuen Tradition.

© SZ vom 14.10.2020
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