Tennis Zeichen auf Abriss

Die alte Arena in Hamburg ist gewaltig, doch auch mit der neuen und schlankeren könnten die German Open wohl in die Masters-Klasse zurückkehren.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Die Entfernung des Rothenbaumstadions gilt vielen als Frevel, doch die Erneuerer setzen sich durch.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Die Geschichte des Tennis am Rothenbaum in Hamburg ist alt. Gerade wird dort zum 110. Mal das internationale Männer-Turnier (heute: German Open) ausgetragen, und allgemein wurde Tennis am Rothenbaum schon 1892 gespielt. Gottfried von Cramm gewann hier in den Dreißigern und Vierzigern des vorigen Jahrhunderts sechs Titel. 1982 triumphierte im längsten aller Endspiele der Spanier José Higueras nach 5 Stunden und 13 Minuten über den Australier Peter McNamara. 1992 führte Michael Stich Boris Becker mit 6:1, 6:1 vor, Höhepunkte waren auch die Auftritte von Ivan Lendl, Roger Federer oder Rafael Nadal. Natürlich zählen auch die Gast-spiele von Steffi Graf dazu, wobei das dunkelste Rothenbaum-Kapitel indirekt mit ihr zu tun hatte. Ihre Rivalin Monica Seles wurde 1993 während eines Matches von einem verwirrten Graf-Fan mit einem Küchenmesser niedergestochen.

Was viele Tennisfreunde nicht wissen: Besitzer der Anlage, auf der das mit 13 200 Plätzen vierzehntgrößte Tennisstadion der Welt liegt, ist der Club an der Alster. Der ist mit 3800 Mitgliedern der größte deutsche Tennis- und Hockeyverein und möchte, so der Vorsitzende Thomas Wiedermann, "ein Gesellschaftsklub sein wie der Norddeutsche Regatta-Verein, der Polo Club oder der Golfclub Falkenstein". Also zu den nobelsten und traditionsreichsten Adressen des Sports in Hamburg gehören. Auch deshalb hat der Club an der Alster große Pläne. Er möchte, so Wiedermann, dass es künftig nicht mehr "Tennis am Rothenbaum" heißt, sondern "Sport am Rothenbaum".

Das sagte der Präsident, als er kürzlich die "Visionen" seines Vereins vorstellte. Die Vision, die von einem Architektur-Büro zunächst skizziert wurde, bedeutet: zwischen 2018 und 2022 soll am Rothenbaum fast alles abgerissen werden - einschließlich der Tennisarena. Stattdessen sollen neben 13 Tennisplätzen und einem Schwimmbad zwei Bundesliga-Hockeyfelder angelegt werden. Zudem soll ein Nachwuchs-Leistungszentrum für Hockey- und Tennis-Talente entstehen, eine Tiefgarage, ein neues Klubhaus sowie eine wesentlich kleinere Tennis-Arena für nur 7500 Zuschauer. Puristen fürchten das Ende des Tennis-Denkmals, Wiedermann dagegen sagt: "Die Anlage muss wirtschaftlich zu betreiben sein."

Wobei der Club an der Alster ohne Zustimmung des Deutschen Tennis Bundes sein Vorhaben nicht umsetzen kann, bis 2049 besitzt der noch einen "Gebrauchsüberlassungsvertrag". Der Verband ist durchaus an einer Modernisierung interessiert, und nun deutet sich eine Annäherung an - unter bestimmten Voraussetzungen. DTB-Vize Ralf Eberhard Böcker spricht von einer "Schnittmenge". Und Turnierdirektor Michael Stich versucht, öffentlichen Druck herauszunehmen. Der Wettbewerb solle ja erhalten bleiben, vielleicht sogar mit der Vision, "wieder ein Masters-Turnier zu veranstalten".

Die Bedingungen des DTB sind klar. Sprecher Hans-Jürgen Pohmann hat sie noch mal genannt: Man wolle sich nicht der Möglichkeit einer neuen "Aufbruchstimmung" im Tennis berauben, die etwa von Wimbledon-Finalistin Angelique Kerber oder dem 19 Jahre alten Hamburger Alexander Zverev ausgelöst worden sei. Dazu gehöre ein Rothenbaum-Stadion für 10 000 Zuschauer. Denn nur mit dieser vorgeschriebenen Kapazität könne man wieder vom 500er Turnier in die Masterklasse aufsteigen. Von dort (1000er Turnier) hatte die internationale Vereinigung ATP die Hamburger 2008 herabgestuft.

Bei den Alster-Plänen, bemängelt Pohmann, fehlten auch noch die Büroräume des DTB, der am Rothenbaum ja seinen Sitz hat. Würde man aber den neuen Boom baulich nutzen, könnte sich das Turnier erholen, das 2016 zwischen Wimbledon und Olympia einen schweren Stand hat und bei dem Philipp Kohlschreiber als 22. der Welt der nominell Beste ist (sein Auftaktspiel hat er am Dienstag gewonnen). Pohmann kann sich zudem vorstellen, ein Finale des Fed-Cups in die Hansestadt zu holen. Das letzte Frauen-Endspiel in Deutschland fand 1994 in Frankfurt statt.

Alster-Chef Thomas Wiedermann sieht noch jede Menge Planungsspielraum. Geplant sei eine moderne Sportarena, die eventuell auch bis zu 10 000 Besucher zuließe. Bis Herbst soll eine Machbarkeitsstudie vorliegen. Und auch mit den Anwohnern, die einst durchsetzten, dass nur acht Veranstaltungen im Jahr durchgeführt werden dürfen, will man Frieden schließen: Das neue Stadion liegt weiter weg von den Wohnhäusern.

Die Vereinsmitglieder, die ja an Traditionen hängen, hat Wiedermann wohl ebenso hinter sich. Mit seiner offenen Politik habe er sie überzeugt. Bei der Mitgliederversammlung stimmten etwa 90 Prozent für das Projekt. Und für die Stadt Hamburg, die zuletzt Rückschläge einstecken musste (Verlust dreier Profiteams und die Absage der eigenen Bevölkerung für eine Olympia-Bewerbung) hat sich Innensenator Andy Grote positiv geäußert. Vermutlich auch, weil der Club an der Alster die Finanzierung selbst stemmen möchte. Man sei "mit Investoren in guten Gesprächen", sagt Wiedermann.