Tennisprofi Tatjana MariaSie spielt auch für ihre Tochter

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Die Säge sitzt immer noch: Tatjana Maria beim Rückhand-Slice.
Die Säge sitzt immer noch: Tatjana Maria beim Rückhand-Slice. Frank Molter/dpa

Tatjana Maria ist inzwischen 38, und sie sagt nach ihrem Erstrundensieg in Wimbledon: „Ich kann noch zehn, 15 Jahre spielen.“ Die Weltranglisten-98. will weiter schnibbeln und slicen – bis sie den Schläger an die zwölfjährige Charlotte übergeben kann.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

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Hey, hallo, ruft Tatjana Maria, als sie Sabine Lisicki sieht, die plötzlich vor ihr auftaucht. Die beiden umarmen einander, „ich habe dein Match kommentiert“, sagt Lisicki, Maria lächelt. Und das ist dann für zehn, zwanzig Sekunden ein wunderbares Bild, wie sie so zusammenstehen, diese beiden charismatischen deutschen Tennisspielerinnen, die gerade an diesem mystischen Ort große Erfolge gefeiert hatten.

Sowohl Lisicki als auch Maria wird man ja stets mit Wimbledon in Verbindung bringen. 2013 stieg Lisicki im All England Club zu Bum-Bum-Bine auf, wie sie der Boulevard taufte, als sie mit ihrem Strahlen und Powerschlägen bis ins Endspiel vorstieß, dann aber gegen die Französin Marion Bartoli verlor und bittersüße Tränen weinte.  36 Jahre ist sie inzwischen alt, das Lächeln ist geblieben, sie lebt in Bradenton, Florida, 2024 wurde sie Mutter. Ihre Karriere auf dem Tennisplatz hat sie bislang nicht offiziell beendet, noch kann sie nicht ganz loslassen, in England ist sie gerade, weil sie für einen Sender als Expertin fungiert.

Und Maria? Ist auch Mutter, hat zwei Töchter, stand vor vier Jahren sensationell im Halbfinale von Wimbledon, am 8. August wird sie 39 Jahre alt – und sie schnibbelt und sliced immer noch und nervt auf der Tour mit ihrem unorthodoxen Stil ihre jüngeren Gegnerinnen. Vergangene Woche stand sie im Finale in Eastbourne, in Wimbledon ist sie nun, nach drei Erstrundenniederlagen in Serie, mal wieder in Runde zwei angelangt, nach ihrem 6:4, 6:4 gegen die Kasachin Julia Putinzewa, 31. „Für mich ist es wirklich schön, auf Rasen zu spielen“, sagt Maria kurz darauf bei der Pressekonferenz. Seemänner lieben das blaue Meer, Skirennfahrer den weißen Schnee, Maria das grüne Gras. Manche Gesetze sind unumstößlich.

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Maria ist eines der größten Phänomene im Frauentennis. Immer noch und mehr denn je, muss man hervorheben. Die Frage, wie lange sie noch spiele, wurde ihr schon vor sechs, sieben Jahren gestellt. Inzwischen fragt niemand mehr, weil klar ist: Die hört nicht auf. „Ich kann noch zehn, 15 Jahre spielen“, sagt Maria an diesem Montag im All England Club, es war nur ein halber Scherz. Denn die Tennisgeschichte der Tatjana Maria, in Bad Saulgau geboren, mit dem Franzosen Charles-Édouard verheiratet, der ihr Trainer ist, besitzt viele besondere Facetten. Eine davon ist: „Für mich ist wirklich mein Ziel, dass ich hierbleibe, bis Charlotte auf der Tour anfängt. Sie will unbedingt mit mir spielen.“ Also spielt Maria weiter und weiter. Sie will den Stab an ihre zwölfjährige Tochter übergeben; die kleine Cecilia ist fünf.

Ob dieser Plan einer Karriere auf dem Reißbrett aufgeht, ist natürlich in letzter Konsequent offen, Stand jetzt sind die Marias auf Kurs: „Sie spielt fast keine Turniere, sie trainiert aber fleißig, sie spielt sehr gut“, berichtet Maria und verrät, dass Topspielerinnen wie Aryna Sabalenka schon mit Charlotte trainiert hätten. „Wir wissen, die Karriere ist sehr, sehr lang. Deshalb ist Jugend für uns nicht so das Ziel“, sagt Maria, „für uns ist das Ziel, dass sie mit 14 bereit ist, auf der Tour anzufangen. Mit 14 kann man auf der Tour fünf Turniere spielen. Das ist unser Ziel, dass wir die fünf Turniere aussuchen. Und dann auch Doppel spielen.“ Sie versichert: „Ihr macht es Spaß, das ist das Wichtigste. Der Plan läuft.“

Ohne diese Perspektive, das gibt sie zu, hätte sie „vielleicht“ schon aufgehört, das Geheimnis ihres Erfolgs sei Charlotte, „deshalb versuche ich alles machbar zu machen“. Sie opfert sich quasi auf. „Ich spiele sehr gerne Tennis, aber ich bin Mama an erster Stelle. Meine Kinder sind mir wichtiger. Und mir macht das auch super Spaß, dass ich sehe, wie es denen gefällt.“ Die eigene Karriere in die Länge ziehen, um dem Nachwuchs eine Karriere zu ermöglichen, das ist einmalig im Spitzensport. Aber die Marias sind auch eine Familie, die es kein zweites Mal auf der Tour gibt.

„Ich freu’ mich darauf, ich spiele gerne gegen die Jüngeren“, sagt Maria über das Duell mit ihrer nächsten Gegnerin, der 18-jährigen Iva Jovic

Sie haben eigentlich immer gute Laune, halten zusammen, sind perfekt organisiert und des Reisens nie müde. „Wir haben irgendwie überall Freunde“, sagt Maria. „Wenn wir in Europa Zeit haben, sind wir immer in Cannes. Da ist unser Hauptsitz in Europa.  Wir haben Familie in Straßburg, in Bad Saulgau, in Konstanz, in Kolumbien, überall. Wir sind hier auch in einem Haus untergebracht, und das fühlt sich auch an wie eine Familie, weil wir die kennen, seit Ewigkeiten“. Ohne Zögern darf man die Marias als die glücklichste Nomadenfamilie im Tenniszirkus bezeichnen, und kurz staunt Maria selbst, wie ihr Leben funktioniert, alles habe sich „normal und einfach“ ergeben, ohne Zwang, ganz natürlich. Und selbst wenn sie mal bei einem Turnier den Umweg über die Qualifikation gehen muss, ist das kein Drama. „Charlotte sagte mir mal: Das ist doch egal. Und ich dachte: Okay, eigentlich hat sie recht. Dann spielen wir halt Quali, wenn es nicht klappt.“

Das Verblüffende: Noch klappt es meistens, Maria hält sich als derzeit 96. der Weltrangliste in den Top 100. Damit wird sie auch bei den US Open Ende August im Hauptfeld sein. Fit ist sie ohnehin, „ich habe Glück mit meinem Körper. Ich bin selten verletzt und kann daher machen, was ich liebe“, sagt sie. Charlottes Fitnesscoach arbeitet zudem als Physio für die Mama, so vermischt sich bereits alles.

An diesem Mittwoch ist Iva Jovic ihre Gegnerin, die 18-Jährige aus Kalifornien ist 16. der Weltrangliste, die abgezockte Maria schreckt das selbstverständlich nicht. „Ich freu’ mich darauf, ich spiele gerne gegen die Jüngeren“, sagt sie. „Ich schau’ mir auch an, wie sie spielen.“ Denn sie hofft ja: „Irgendwann werden sie vielleicht gegen Charlotte spielen.“

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