Michelle Larcher de Brito. Den Namen sollten Tennisfans sich merken. Von der Portugiesin wird in den nächsten Jahren noch viel zu hören sein. Aktuell belegt Michelle Larcher de Brito Platz 91 der Weltrangliste, aber um das sportliche Talent geht es bei ihr weniger. Michelle Larcher de Brito hat eine recht unangenehme Angewohnheit, wenn sie Tennis spielt. Sie stöhnt bei jedem Schlag. Sie ist nicht die erste, die das tut, aber Michelle Larcher de Brito stöhnt nicht wie Monica Seles. Sie stöhnt auch nicht wie Maria Scharapowa. Michelle Larcher de Brito stöhnt, wie noch keine Frau zuvor im Profi-Tennis: lauter und länger, wenn es eng wird im Match - und gerne auch, nachdem der Ball den Schläger verlassen hat und hinein in die Ausholbewegung ihrer Gegnerin. Jüngst bei den French Open beschwerte sich ihre Rivalin Aravane Rezai in Runde drei mehrmals beim Schiedsrichter. Der bat Michelle Larcher de Brito um etwas Zurückhaltung, die verlor den Vergleich - und das Thema hatte sich erledigt.

Nun aber steht Wimbledon an, und, nun ja, in Wimbledon entwickeln derlei Themen gerne eine ganz eigene Dynamik. Die zahlreichen Boulevard-Zeitungen, die in London erscheinen, schrieben bereits Tage vor dem ersten Ballwechsel über das Stöhnen der Frauen. Und selbst der Independent, der mit vergleichsweise kleinen Überschriften auskommt, startete eine Kampagne, für die Protagonistinnen solle doch das Gleiche gelten wie für die Zuschauer: "Quiet please!"
Angefacht wurde der Trubel zudem vom Vorschlag der einstigen Wimbledon-Größe Michael Stich. Der schlug vor, den Frauen einfach mal ein Video vorzuspielen, welche Töne sie von sich geben. Dann würden sie das Gestöhne schnell sein lassen, glaubt Stich. Und was, falls nicht? "Erschießen können wir sie ja schlecht", fügte Stich scherzhaft hinzu. Der Äußerung zeugt zwar nicht von einem großen Respekt für die Leistungen der Kolleginnen, war aber bloß beiläufig dahingeworfen. Die Geister, die er damit rief, wird Stich jetzt trotzdem nicht mehr los. Aktuell gilt er als Anführer der Anti-Frauen-Bewegung, die eine erstaunliche Wucht entwickelt hat.
Zahlreiche Hörlustige
Als Michelle Larcher de Brito zu ihrem Erstrunden-Match gegen die Tschechin Klara Zakopalova den abgelegenen Platz Nummer 17 betrat, hatten sich dort nicht nur zahlreiche Hörlustige versammelt, sondern auch die geballte Weltpresse. Fürs BBC-Fernsehen lauschte Tracy Austin, fürs BBC-Radio Stich. Ein russischer Radiosender schnitt jeden auffälligen Laut mit, den Michelle Larcher de Brito von sich gab, und der AP-Gesandte konnte notieren, wie sich die Jugendliche, die zum Regenplanen-schleppen bereitstehen, beim Aufwärmen der Spielerinnen zuraunten: "Wer von den beiden ist denn jetzt die Stöhnerin?"
Als endlich die Bälle flogen, war das erstaunlich schwer zu beantworten. Michelle Larcher de Brito ächzte gelegentlich, aber bei weitem nicht so vehement wie in Paris. "Es war kein allzu intensives Match", sagte sie nach dem 6:2- und 7:5-Erfolg, "gut möglich, dass ich in den nächsten Runden lauter werde". Spielerinnen, die sehr gefragt sind, werden in Wimbledon nach dem Match in einen Raum geführt, in dem leicht 50 Reporter Platz finden, und manchmal gleicht die Atmosphäre dort einem Tribunal. Nach dem Sieg von Michelle Larcher de Brito war das so. Nur drei Fragen drehten sich nicht um ihre Quietsch-Laute.
Fast so laut wie ein brüllender Tiger
Die Angeklagte verteidigte sich wacker: "Das Stöhnen gehört einfach zu meinem Spiel", sagte sie, "ich mache das nicht absichtlich. Ich habe das schon von kleinauf gemacht." Ob sie sich unfair behandelt fühle? "Schon ein wenig. In Paris hat niemand davon gesprochen, dass ich mich durch die Qualifikation gekämpft und die Nummer 15 der Rangliste geschlagen habe. Es ging nur um mein Stöhnen." Ob sie es denn abstellen würde, wenn ihr Sanktionen drohten? "Niemand kann mir befehlen, damit aufzuhören", erklärte Michelle Larcher de Brito darauf kategorisch, "Tennis ist ein Individualsport, und ich bin eine Individualsportlerin." Für eine 16-Jährige war es ein wirklich selbstbewusster Auftritt.
Geholfen hat er ihr wenig. Kaum war das Transkript geschrieben, forderte John McEnroe erneut: "Das Stöhnen gehört verboten!" Für Martina Navratilova ist es "wie Schummeln", weil es den Klang übertönt, der entsteht, wenn der Ball die Saiten trifft. Nick Bollettieri, der viele der lauten Frauen als Kinder anleitete, beteuert inzwischen hoch und heilig: Er würde den Lärm nicht lehren. Das Thema wird weitergehen. Die Lautstärke-Messer liegen bereit. Bei Maria Scharapowa notierten sie einst 101 Dezibel. Zum Vergleich: Ein angriffslustiger Tiger brüllt mit 110.