Die Minuten verstrichen, nichts passierte. Es kam keine Nachricht zu ihr. Maya Joints Erscheinen dagegen wurde bereits angekündigt. Die 20-jährige Australierin, die das Match ihrer Karriere gespielt hatte, würde um 23.15 Uhr zur Pressekonferenz erscheinen. Auch zwei Männer, die sich ein furioses Duell geliefert hatten, tauchten im Whatsapp-Kanal auf, in dem den in Wimbledon anwesenden Reportern mitgeteilt wird, welcher Profi wann spricht. Der Schweizer Stan Wawrinka, 41, der sich tränenreich mit einer Niederlage von dieser heiligen Tennisstätte verabschiedete, war für 23 Uhr angesetzt. Sein Besieger Matteo Berrettini, der smarte Römer, für 23.10 Uhr.
Serena Williams? Um kurz vor elf Uhr poppte doch noch eine Information auf: „Leider wird Serena Williams heute Abend keine Medientermine wahrnehmen können.“ Dazu Sätze, die sie gesagt haben soll: „Es war wirklich großartig, wieder in Wimbledon zu sein. Ich hätte nie erwartet, hier zu sein. Die Atmosphäre war fantastisch. Der Einlauf war fantastisch. Ich habe es definitiv genossen – ich hatte es vermisst und diesen Moment mehr als alles andere ausgekostet.“
Die Ambitionslosigkeit, mit der sich Serena Williams, Tennisikone, Powermutter, Werbefigur, Unternehmerin und nun Comebackerin des Jahres 2026, nach ihrer Erstrundenniederlage präsentierte, war bemerkenswert. Für ein paar PR-Sätze reichte es also immerhin noch. Dabei hatte sie ja eine Wildcard erhalten, einen Startplatz im Hauptfeld, für den sich andere prügeln würden; in der Einzelweltrangliste ist sie nicht mehr geführt. In Wimbledon ist diese Zuteilung mehr als sonstwo als Ritterschlag zu werten. Dass Williams dann nicht mal den Respekt aufbringen konnte, zur für alle verpflichtenden Pressekonferenz zu erscheinen, wurde in den sozialen Medien entsprechend von vielen kritisiert.
Schon ihr distanzierter Handschlag mit dem weit von sich gestreckten Arm hatte angedeutet: Der Stachel saß offenbar tief. 3:6, 7:6 (5), 3:6 gegen eine 20-Jährige verloren? Gegen die Nummer 87 der Weltrangliste? Gegen eine, die von 18 Matches in dieser Saison nur drei gewann? „Wenn ich Serena auch nur ein bisschen kenne“, sagte später der frühere Weltranglistenerste Andy Roddick in seinem Podcast, dann „ist sie stinksauer und denkt sich: ‚Ich glaube, ich kann diese Leute immer noch schlagen.‘ Ich denke, wir werden sie bei den US Open im Einzel sehen.“
Die Wahrscheinlichkeit dürfte hoch sein, dass der in der Branche angesehene Roddick in allen Punkten recht hat. Die Geschichte hätte ja sicherlich anders laufen sollen. Vier Jahre war Williams, inzwischen 44 Jahre alt und Mutter zweier Töchter, vom Tennis weg gewesen. Bei den US Open 2022 hatte sie in Runde drei ihren letzten Einsatz im Einzel. Ihr letztes Match in Wimbledon war auch keines, an das sie sich gern erinnerte, sie verlor gegen die Nummer 114 der Welt, die unbekannte Harmony Tan. Dass der Stachel auch damals tief saß, gab just an diesem Dienstag ein Post von Tan zu verstehen. „Vor 4 Jahren nach dem Handschlag hat sie mich übrigens bei Instagram blockiert“, teilte die Französin mit. Nein, Williams war nie eine, die nur dabei sein wollte, die sich achtbar schlagen wollte. 23 Grand-Slam-Titel gewinnt man nicht einfach so, mit Nettigkeiten und Lächeln. Und vielleicht war die wunderbarste Nachricht jetzt ja die: Serena Williams ist immer noch Serena Williams. Ein Unikat. Eine Kämpferin sondergleichen ist sie jedenfalls immer noch.
Spielerisch ließ sie auf dem Centre Court, auf dem sie sechsmal triumphiert hatte, ihre alte Klasse tatsächlich aufblitzen. Ihr Aufschlag war wie einst ihre beste Waffe, die Härte in ihren Schlägen dürfte immer noch weit über dem Durchschnitt auf der Tour liegen. Nur bei den Ausfallschritten nach links und rechts wirkte sie weniger agil, aber alles andere wäre auch nach so lange fehlender Matchpraxis verwunderlich gewesen. „Nach zwei Stunden Spielzeit ließen ihre Beine nach“, konstatierte Roddick. Angefeuert und bejubelt wurde sie dennoch bis zum Schluss, und in der Pro-Williams-Euphorie ging fast unter, welch großartige Leistung ihre Gegnerin vollbracht hatte.
„Sie hat so eine Aura, und auf diesem Platz haben schon so viele große Namen gespielt“, sagt Joint ehrfurchtsvoll
Als Joint beim Interview auf dem Platz sprach, wurde klar: Da war ja noch ein Mensch auf dem Platz gewesen! Und Joint musste dabei mit ihrem ganzen eigenen Schicksal fertig werden. „Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, was da gerade passiert ist“, sagte sie und schilderte offen, wie aufgewühlt sie vor dem Match war und immer noch ist. Sie habe kaum geschlafen, bis zwei Uhr morgens lag sie wach. „Ich hatte dann das Aufwärmen vergessen; meine Beine wollten einfach nicht. Ich weiß nicht, wie ich so gut ins Match starten konnte“, sagte sie leicht zitternd. „Sie hat so eine Aura, und auf diesem Platz haben schon so viele große Namen gespielt. Ich habe seit meiner Kindheit von diesem Moment geträumt, das ist einfach unglaublich.“
Besonders nervös sei sie vor dem Beginn gewesen. „Als wir in diesem Gang standen, bevor wir auf den Centre Court hinausgingen – das war der verrückteste Moment meines Lebens. Ja, all die Großen und Legenden dabei zu beobachten – und es dann selbst zu tun, das war einfach der Wahnsinn.“ Später, bei der Pressekonferenz, gab sie zu: „Es ist einfach einschüchternd, ein Match gegen jemanden bestreiten zu müssen, der in seiner Karriere so viel erreicht hat.“ Aber sie hielt diesem Druck stand, und es war eine Pointe am Rande, dass sie in ihrer Box von Sam Stosur, 42, angefeuert wurde. Die Australierin hatte 2011 die US Open gewonnen – mit einem Finalsieg gegen Serena Williams.
Wie Williams ihren eigenen Auftritt beurteilte, wird sie vielleicht – falls sie Lust haben sollte, zur Pressekonferenz zu kommen – bald mitteilen: Im Doppel startet sie, ebenfalls dank einer Wildcard, mit Schwester Venus (die 46-Jährige startet dank einer weiteren Wildcard auch im Mixed mit dem Deutschen Kevin Krawietz). Sollte sie denn zumindest auch wirklich antreten. Ihre Agentin Jill Smoller teilte überraschend im Verlaufe des Mittwochs laut AP mit, Williams hätte sich Ende des ersten Satzes am Knie verletzt. Weder auf dem Platz war davon etwas zu sehen – Williams hatte im zweiten Satz sogar hervorragend agiert –, noch wurde ihre mutmaßliche Verletzung in der kleinen Erklärung zu ihr kundgetan. Und am Mittwochnachmittag meldete sich Williams selbst, ihr fiel nun ein, dass sie „unglaublich dankbar für die Wildcard“ sei, wie sie bei Instagram schrieb. Sie gratulierte Joint. Und die Verletzung? Sie hätte sich „das Knie verdreht, aber ich werde alles daransetzen, für das Doppel mit @venuswilliams fit zu sein“. So dramatisch klang das alles nicht. Es wirkte vielmehr, als hätte sie mit ihrem Team schlicht auf die Kritik reagiert, die in internationalen Medien zu lesen war.
In jedem Fall entwickelte sich ihre Rückkehr, die natürlich von den meisten gefeiert wurde, zu einer Geschichte, die auch zuvor schon von Misstönen begleitet wurde. Calvin Betton, der als Trainer den Briten Henry Patten und den Finnen Harri Heliovaara zu Grand-Slam-Doppeltiteln führte, nahm das Risiko der Göttinnenlästerung in Kauf und monierte im Podcast „Tennis Unfiltered“ die Vergabe der Wildcards an Williams: „Was wäre, wenn eines der Turniere jetzt sagt: ‚Wir würden Roger Federer sehr gerne dabeihaben und sind bereit, ihm Millionen zu zahlen‘? Was, wenn ein anderes Turnier dasselbe mit Rafael Nadal macht? Das könnte ziemlich absurd werden.“ Ähnliche Debatten dazu liefen im Internet. Ex-Spielerin Rennae Stubbs, 55, von Williams als Trainerin angeheuert, kritisierte bei X gar den „Hass und die fehlende Empathie“ ihrer Spielerin gegenüber. So sehr polarisierte Williams’ Auftritt, dass viele im Netz Grenzen überschritten.


