Im Medienzentrum des All England Clubs waltet ein Mann seines Amtes, von dem die Öffentlichkeit nichts mitbekommt – leider, muss man sagen. Der Mann spricht die Durchsagen mit einer Inbrunst, die ihresgleichen sucht. Feueralarmproben zum Beispiel werden im Tonfall einer Arie vorgetragen, und aus der Vergangenheit weiß man: Er hält sein Niveau zwei Wochen lang hoch. Am Sonntag allerdings klang die Stimme des Mannes von Durchsage zu Durchsage brüchiger oder kraftloser, so kam es einem vor.
Einen Spaß hat es ihm, davon zumindest darf man ausgehen, nicht gemacht, die wiederholte Verschiebung der Pressekonferenz mit Andy Murray kundzutun. Im Geiste sah man regelrecht vor sich, wie Murray auf einer Liege lag, verschiedene Ärzte um ihn herum, sie drückten und tasteten Stellen, irgendwann entschied jemand: Geht noch nicht, so können wir ihn nicht rausschicken! Bis es dann eben doch ging.

Tennisturnier in London:Wimbledon ist immer noch ein Paradies
Es gibt kein Entkommen, ab sofort dominiert im Londoner Süden wieder der Tennissport mit all seinen Besonderheiten. Auch Alexander Zverev blickt dem Großevent mit Tatendrang entgegen – obwohl seine Bilanz in Wimbledon ausbaufähig ist.
Um 15.30 Uhr und plötzlich eine halbe Stunde früher als letztmals verkündet, tauchte Murray auf. Bei allem Respekt vor diesem Nationalheiligen in Wimbledon, der hier zweimal triumphiert hat, 2013 und 2016: Er schritt nicht in das sogenannte Media Theatre, er rumpelte und humpelte in den gedämpften, kinoartigen Raum, den Rücken leicht durchgebogen, die Miene ein Leiden. Gerne hätte man Erste Hilfe geleistet oder wenigstens eine Ibuprofen angeboten, aber Murray hat es noch zu seinem Platz auf dem Podium geschafft.
Er begann sogleich mit einem Bekenntnis: „Es waren offensichtlich harte zehn Tage seit Queen’s“, sagte er, und da war klar: Wenn Murray, dem schon die Hüfte aufgeschnitten wurde, um künstliche Gelenke zu implementieren, das sagt, dann waren das harte zehn Tage.
Am Dienstag verkündete Murray, dass er nicht zum Einzel antreten kann
Und damit hat Wimbledon, das strahlendste Tennisturnier auf Erden, gleich zum Auftakt seine sehr britische Herzschmerzgeschichte. Andy Murray zählt zweifellos zu den großen Akteuren des Tennissports: ehemalige Nummer eins, dreimaliger Grand-Slam-Sieger, zweimaliger Goldgewinner bei Olympischen Spielen, Davis-Cup-Champion und 2019 zum Ritter geschlagen, seitdem darf er sich Sir Andy Murray nennen. Er zählt aber auch zu diesen Dinosauriern, die allmählich verschwinden. Passiert es hier?
Der Schweizer Roger Federer war der erste dieser Art, der 2022 tränenreich und auf der Bank mit Rafael Nadal, 38, Händchen haltend abtrat, der Spanier wird bald wohl in den Sonnenuntergang reiten, vielleicht schon in Paris bei den Sommerspielen. Der Serbe Novak Djokovic, auch schon 37, kämpft nach einer Saison, in der er unbesiegbar erschien, in diesem Jahr mit der Form und aktuell mit den Nachwirkungen eines Innenmeniskusrisses im rechten Knie, erlitten im Achtelfinale bei den French Open. „Die großen Drei“ wurde dieses Trio stets genannt, manchmal aber auch wurden sie erweitert zu den großen Vier, den big four, und mit dem das Quartett auffüllenden Spieler war Murray gemeint. Auch wenn der Schotte bei Weitem nicht an die Anzahl der Grand-Slam-Titel von Djokovic (24), Nadal (22) und Federer (20) herankommt, wurde er stets in dieser Liga eingestuft. Auch Nadal hob kürzlich nochmals hervor, dass Murray zu dieser Eliteeinheit gehöre – er sei eben nur oft verletzt gewesen.
Dieses Mal ist es eine Zyste, die Eintrag ins Patientenbulletin Murrays fand, so etwas hatte er auch noch nie. Sie befand sich in der Nähe der Wirbelsäule und drückte auf einen Nerv, seine Beine wurden taub. In Queen’s, beim klassischen Rasenturnier vor Wimbledon, gab er in seinem Zweitrundenmatch auf, auch das Rumkneten auf seinem Rücken, als er mal wieder wie ein Käfer auf dem Bauch lag und sich ein Physiotherapeut seiner annahm, hatte nichts gebracht. Jetzt, nach dem geglückten Eingriff, bestreitet er ein Rennen gegen die Zeit.

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Eine Chance hat Murray noch: im Doppel, zusammen mit seinem Bruder
Sechs Wochen, das rieten ihm Ärzte, solle er pausieren. Murray, der alte Haudegen, kann das nicht akzeptieren. Er sagte am Sonntag daher: „Ich möchte nur die Gelegenheit haben, ein Mal mehr da draußen hoffentlich auf dem Centre Court zu spielen, und ich weiß nicht, ich möchte dieses Brummen spüren.“ Dafür tut er alles, wie er vergangene Woche versicherte: „I’ve been f***ing doing rehab 24-7“, so zitierte ihn die Times. Die Reha, wen wundert es, hasst er längst. Er sieht sie öfter als seine Frau, mit der er vier Kinder hat.
Murrays Hoffnungsschimmer war zunächst noch, dass er in die untere Tableauhälfte gelost wurde, sie spielt erst an diesem Dienstag. Doch dann verkündete der Brite in letzter Minute seinen Rückzug. Er könne nicht antreten zum Erstrundenmatch gegen den Tschechen Tomas Machac, in einem Statement seines Managements sprach Murray von einer „sehr schwierigen Entscheidung“.
Antreten möchte er allerdings im Doppel, zusammen mit seinem Bruder Jamie. Da er jeden Tag Fortschritte mache, dürfte Andy Murray zumindest diesen Auftritt sicher haben. Ihr erstes Match könnte erst am Freitag sein.

